Blockade mit faulen Eiern: Verteidigungsminister flieht aus dem Rathaus

Heilbronn - Mit einem Schlag rückt die brennende Pershing-2-Rakete Heilbronn ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit.

Blockade mit faulen Eiern: Verteidigungsminister flieht aus dem Rathaus
Ausgebuht: Bundesminister Wörner in Heilbronn.Foto: Archiv/Eisenmenger

Heilbronn - Mit einem Schlag rückt die brennende Pershing-2-Rakete Heilbronn ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit. US-Präsident Ronald Reagan verteidigt die Stationierungspolitik auf deutschem Boden, die Sowjetunion wirft den USA vor, den Unfall herunterzuspielen. Auch die Bundesregierung gerät in Erklärungsnot. Was ist wirklich passiert und wie groß war die Gefahr, dass ein atomarer Sprengkopf die Region mit Strahlung verseucht?

Der Unfall wühlt die Menschen auf. Viele Landkreiskommunen verfassen wie die Stadt Heilbronn Resolutionen gegen die Raketen. Protestmärsche zur Waldheide häufen sich. Ende April 1985 kommt Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner nach Heilbronn und verkündet im Ratssaal, dass Heilbronn Stationierungsort für die Pershing-Raketen bleiben wird. "Zu keinem Zeitpunkt" habe eine Gefahr für die Bevölkerung bestanden, bekräftigt Wörner - obwohl nukleare Sprengköpfe in direkter Nähe lagerten.

Dunkle Gänge

Im Rathaus haben Bürger keinen Zutritt. Auf dem Marktplatz reagieren 2000 wartende Menschen mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert, als sie von den Ministerworten hören. 300 Demonstranten greifen zu drastischen Mitteln, blockieren die Tiefgarage, in der Wörners gepanzerter Wagen parkt. Es kommt zum Gerangel mit der Polizei, es gibt Verletzte. Faule Eier fliegen. Fast drei Stunden harrt der Minister im Rathaus aus, ehe er durch dunkle Gänge und die Hausmeisterwohnung flüchten kann.

Trotz des heftigen Protests rollen neue Raketen auf die Waldheide. Der Kalte Krieg geht weiter, bis Sowjet-Führer Michail Gorbatschow mit seiner Politik das Ende einläutet. Im September 1988 verlässt die erste Pershing Heilbronn, im April 1990 die letzte. Für immer. cf