Viele Schlupflöcher für Krachmacher

Region  Zwei Polizisten fahren täglich im Raum Heilbronn Streife und sind darauf spezialisiert, zu laute Fahrzeuge aus dem Verkehr zu ziehen. Weil es Tricksereien und Gesetzeslücken gibt, sind die Ordnungshüter oftmals machtlos.

Von Helmut Buchholz

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Viele Schlupflöcher für Krachmacher

Es klingt paradox, ist aber Realität: Verkehrspolizist Joachim Gehring registriert, "dass es in den letzten Jahren zunehmend Mode geworden ist, immer lautere Autos und Motorräder zu fahren. Reines Imponiergehabe." Allerdings macht es der Gesetzgeber Gehring und seinem Kollegen Uwe Engelhardt zusehends schwerer, die Krachmacher aus dem Verkehr zu ziehen. Es gibt zu viele Schlupflöcher. Dabei ist der Lärm unerträglich.

Der größte bisher gemessene Wert, den die Verkehrspolizisten des Heilbronner Präsidiums jemals gemessen haben, waren 105 Dezibel − im Standbetrieb. Das ist so laut wie ein Formel-1-Rennwagen. Eine Motorsäge hat 110 Dezibel.

Die beiden Ordnungshüter fahren täglich im Raum Heilbronn Streife und sind darauf spezialisiert, die Dezibel-Fetischisten aus dem Verkehr zu ziehen. Pro Woche erwischen sie ein zu lautes Auto. Noch öfter Motorräder in der Saison von März bis Oktober. An einer Wochenendkontrolle werden acht bis zehn Bikes beanstandet.

Fällt dem Polizistenduo ein zu lauter Auspuff auf, halten sie den Fahrer an und kontrollieren das Standgeräusch mit ihrem Phonmessgerät nach einem standardisierten Verfahren. Liegt es fünf Dezibel über dem im Fahrzeugschein vermerkten Wert, "besteht ein Anfangsverdacht auf eine Ordnungswidrigkeit", sagt Gehring.

Zu laxe Strafen

Wenn der Auspuff nur altersschwach ist, schreiben die Ordnungshüter einen Mängelbericht aus. Wurde der Auspuff aber manipuliert, um lauter zu werden, "dann sind wir im Bereich des Erlöschens der Betriebserlaubnis mit Beeinträchtigung der Umwelt", erklärt der 56-Jährige. Das sei eine "Vorsatztat" und ziehe immer ein Bußgeld von 180 Euro nach sich. Außerdem muss der Auspuff wieder regelgerecht instand gesetzt werden.

"Doch da haben wir schon das erste Problem", sagt Gehring. "Denn bei den 180 Euro Bußgeld sagen manche: Das gönne ich mir mal, das ist mir der Spaß wert." Vor der Reform des Bußgeldkatalogs gab es noch zusätzlich einen Punkt in Flensburg. Jetzt nicht mehr. Gehring und sein Kollege wünschen sich diese alten Zeiten zurück, um mehr Druck ausüben zu können.

Es gibt weitere Tücken im Rechtssystem: Für die Grenzwerte maßgeblich ist nicht das Stand-, sondern das Fahrgeräusch. Es muss von einem Sachverständigen nach einem vom Gesetzgeber festgelegten Messverfahren ermittelt werden. Nur so ist es auch gerichtsfest. Das Problem ist nur, "dass die Auto-, Motorrad- und Zubehörindustrie sich dieses Prozedere zunutze machen", berichtet Gehring. Ähnlich wie bei den Dieseltricksereien würde eine Software im Wagen merken, wann er sich im Testzyklus befindet, und die Lautstärke unter die Grenzwerte senken. Im Straßenverkehr drehen die Autos dann wieder auf.

Tricksereien mit dem Klappenauspuff 

Viele Schlupflöcher für Krachmacher

"Die Polizei kann da nichts dagegen machen", sagt Gehring. Auf die Frage, ob das nicht frustrierend sei, antwortet er: "Ja." Dieter Roßkopf, Vorsitzender des ADAC in Baden-Württemberg, spricht vom sogenannten Klappenauspuff mit entsprechender Fahrzeugelektronik, die die Hersteller auf den Markt bringen. "Das ist ganz legal." Die Fahrer könnten dann per Knopfdruck am Cockpit die Lautstärke wählen. Und die Hersteller würden den ungenügenden Messzyklus ausnutzen. Roßkopf plädiert dafür, das Messverfahren anzupassen.

Warum das bisher noch nicht passiert ist? Roßkopf antwortet: "Das müssen Sie den Gesetzgeber fragen." Auf die weitere Nachfrage, ob die Autolobby das Ihrige getan habe, um realistischere Messverfahren zu verhindern, erwidert Roßkopf: "Sie hören mich nicht spontan widersprechen."

Sogar die EU spielt den Krachmachern in die Hände. Seit rund zwei Jahren gilt die Regel: Je mehr PS ein Auto hat, umso lauter darf es sein. Roßkopf langt sich bei solcher Logik an den Kopf: "Man fragt sich: Wie kommt man bloß auf so eine Idee?"