Heilbronn
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Innenstadt als Spiegel der Gesellschaft

Das Internet und die hohen Mieten in der Heilbronner Innenstadt setzen den Handel unter Druck. Und auch das Wollhaus hat keinen guten Einfluss.

Von Bärbel Kistner
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Innenstadt als Spiegel der Gesellschaft
Die Stadt hat viel investiert, etwa in die Kirchbrunnenstraße. Aber kommt genug Kundschaft nach Heilbronn? Die Frequenz in der Innenstadt lässt aus Sicht der Händler zu wünschen übrig.Foto: Dennis Mugler

Wie ist es um die Einkaufsstadt Heilbronn bestellt? Eine Bestandsaufnahme der Läden in der Fußgängerzone erfordert Gespräche der Akteure aus Einzelhandel, Gastronomie, Stadtmarketing und Verwaltung, deshalb hat die Heilbronner Stimme zu einem Dialog in die Redaktion eingeladen.

Die Zustandsbeschreibung fällt erwartungsgemäß unterschiedlich aus. Für den Wirtschafts- und Finanzbürgermeister Martin Diepgen hat Heilbronn durch Bildungscampus und Experimenta viel bessere Perspektiven als andere Städte. 40 Millionen Euro an öffentlichen Geldern seien zudem in die Infrastruktur der Innenstadt geflossen, etwa am Bollwerksplatz und in der Kirchbrunnenstraße. Schwachpunkte wie das Wollhaus, Kaufhaus Barthel und K 3 sind für Diepgen "die Hebel, von denen aus die Innenstadt weiterkommen oder auch zurückfallen kann".

Demos und Bettler schrecken Kunden ab 

Für Tom Bucher, der das Geschehen aus der Perspektive des täglich präsenten Einzelhändlers betrachtet, spiegelt sich die positive Entwicklung am Rande nicht in der Innenstadt wider. Abschreckend auf Kunden wirkten gelegentliche Großdemos und regelmäßig umherziehende Bettlerbanden. Bucher beklagt zudem den Verlust inhabergeführter Geschäfte. In der Summe leide vor allem nachmittags die Frequenz.

"Heilbronn ist wesentlich besser als sein Ruf", betont Stadtinitiative-Vorsitzender Thomas Gauß. Vieles, wie der Schwund inhabergeführter Läden, sei der Marktentwicklung im Einzelhandel geschuldet. Aber auch Hauseigentümer trügen ihren Teil dazu bei, indem sie höchstmögliche Mieten erzielen wollten anstatt perspektivisch dafür zu sorgen, dass sich Quartiere gut entwickeln.

Verglichen mit Bochum oder Dortmund und dem dortigen Leerstand und Besatz habe Heilbronn "sehr gute Voraussetzungen". Begrünung, temporäre Gärten, eine saubere Innenstadt durch den kommunalen Ordnungsdienst, eine überschaubare Müllproblematik, das alles sind für Gauß wesentliche Pluspunkte. Heilbronn-Marketing-Chef Steffen Schoch will den Blick auf Positives lenken und sieht "sehr viele Ladeninhaber, die sehr viel für ihre Gebäude tun." Heilbronn habe eine gute Basis, man müsse nur den zweiten Blick zulassen.

Zwischen Heidelberg und Mannheim

Für Stadtgalerie-Centermanagerin Alina Fischer schneidet Heilbronn auch im Vergleich mit Städten im Süden noch gut ab. Heidelberg habe an Attraktivität verloren, Mannheim stehe beim Handelsbesatz gut da. "Ich sehe uns dazwischen." Die Stadt müsse aber an der Aufenthaltsqualität und Markenvielfalt arbeiten. Einzelhändler Wolfgang Palm sieht die Lage für alle Innenstädte als ernst an − aufgrund der Entwicklung des E-Commerce. Die Antwort sei ein guter Markenbesatz, und der sei ohne das Wollhaus nicht zu haben. Zudem verhinderten Mieten von mehr als 100 Euro für Flächen in der Fleiner Straße interessante Läden.

Gastronom Thomas Aurich ist optimistisch, nicht nur für seine Branche: Vor zehn Jahren habe niemand in die Kirchbrunnenstraße investieren wollen, heute ist es für ihn "die kommende Straße". Dass Heilbronn das höchste Pro-Kopf-Einkommen Deutschlands hat, ist für Aurich eine Chance. Thomas Gauß will die Zahlen jedoch relativiert wissen, weil sich das Einkommen eines Dieter Schwarz entsprechend auswirkt. Für den Einzelhandel ergebe sich kein Effekt. Für Martin Diepgen ist beim Blick auf die Innenstadt das sozialversicherungspflichtige Einkommen von Bedeutung. Und da gehöre Heilbronn zum unteren Rand, mit im Landesschnitt weit unterdurchschnittlichen Einkommen. Diepgen: "Diese Menschen gehören zu unserer Stadtgesellschaft und suchen ein Angebot in der Stadt."

Wollhaus als Schlüssel für Heilbronn

Innenstädte sind für Wolfgang Palm das Spiegelbild der Gesellschaft. Dass die Mittelschicht schwindet, sei höchst gefährlich. Billiganbieter Primark ist für ihn die Folge der Entwicklung. Das Wollhaus sieht Palm als Schlüssel für Heilbronn, den fehlenden großflächigen Handel in die Stadt zu holen. Peek und Cloppenburg und Zara würden 45 bis 50 Millionen Euro Umsatz bringen − und sehr viele Leute in die Stadt holen. Heilbronn brauche aber auch Individualität. Im digitalen Zeitalter bräuchten Menschen Kommunikation: "Städte sind Stätten der Begegnung."

Alina Fischer wünscht sich Vielfalt: "Die Innenstadt muss eine Marktplatzfunktion einnehmen." Sie müsse interessant bleiben durch unverwechselbare Gastronomie. Der Kunde sei verwöhnt und kriege neue Trends immer schneller mit. "Unsere Events müssen emotionaler werden und überraschen." Neue Ideen für Veranstaltungen und neue Marken mit Anziehungskraft erhofft sich auch Tom Bucher. "Wir brauchen ein Wohlfühlklima, damit die Kunden gerne herkommen." 2019, zur Bundesgartenschau, "will ich eine andere Innenstadt vorfinden als zurzeit."

Thomas Gauß drängt auf eine Lösung beim Wollhaus, der Stillstand sei die für den Einzelhandel "größte Problematik an einer sensiblen Stelle". Die richtigen Konzepte dort zu realisieren sei entscheidend: "Dann haben wir in Heilbronn genügend Frequenz und es wird genügend gekauft." Gauß sieht die Stadtverwaltung in der Rolle des Moderators.

Dass sich die Verwaltung mehr in Leerstandsmanagement einbringt, das ist die Hoffnung von Tom Bucher: "Wir brauchen einen Austausch über Standorte, die noch entwickelt werden müssen." Bürgermeister Diepgen signalisiert zum Abschluss die Bereitschaft und will die Gespräche bei einem Runden Tisch fortsetzen. "Wir müssen miteinander reden, um das, was alles stimmt in Heilbronn, möglichst optimal zu nutzen."

 

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