Zeitenwende bei Kaufland

Neckarsulm  Wie Vorstandschef Kaudewitz den Lebensmittelhändler wieder attraktiv machen möchte.

Von unserem Redakteur Manfred Stockburger

Zeitenwende bei Kaufland
Neue Möbel, schickere Lampen und Decken sollen den Obst- und Gemüsebereich aufwerten. Die Regale bei Kaufland waren früher eine Etage höher − zu hoch für viele Kunden.Fotos: Mario Berger (4), privat

Die Unruhe ist groß bei Kaufland. Nicht weniger als sechs Vorstände haben bei der Großflächensparte der Neckarsulmer Schwarz-Gruppe in den vergangenen eineinhalb Jahren ihre Papiere bekommen, wie Klaus Gehrig sagt: "Weil sie die Zukunft nicht gestalten wollten." Seit Oktober hat Patrick Kaudewitz das Sagen, ein bisheriger Lidl-Vorstand, dem nicht gerade der Ruf vorauseilt, einen sanften Managementstil zu pflegen. Erstmals hat er der Heilbronner Stimme nun einen Einblick gewährt in die neue Kaufland-Welt.

In den vergangenen Monaten hat Kaudewitz keinen Stein auf dem anderen gelassen und das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von gut 20 Milliarden Euro durch einen nie dagewesenen Veränderungsprozess gejagt. "Kein Mensch verändert sich gern. Das liegt in der Natur der Menschen", weiß er und betont zugleich, dass keine Aufgaben wegfallen, sondern lediglich neu sortiert werden. "Wir haben noch viel Luft nach oben."

Einfachere Prozesse

Unter anderem macht das Gerücht die Runde, dass es bei Kaufland keine Kundenbeschwerden mehr gibt, weil die Abteilung, die für deren Beantwortung zuständig war, geschlossen worden sei. Tatsächlich habe es Umstrukturierungen gegeben, Kundenbeschwerden werden an anderer Stelle bearbeitet, so die Manager. "Die Aufgaben sind nicht überflüssig", kommentiert Gehrig. "Da hatte sich zu viel Speck angesetzt. Wir gehen die Abteilungen in der Zentrale eine nach der anderen durch und schauen, wo wir die Prozesse vereinfachen können."

Viele Manager auch unterhalb der Vorstandsebene sind ausgetauscht worden: All diejenigen, die den neuen Kurs nicht mittragen wollten und die bisherige Linie verteidigt hätten. Auch solche, die in der Mannschaft eine hohe Akzeptanz genossen, sagt Konzernchef Klaus Gehrig. "Wir haben uns von allen Menschen getrennt, die das Alte bis aufs Blut verteidigt haben."

Filialschließungen − bislang fast ein Tabu bei Kaufland − wurden durchgerechnet. "Das Schließen von Filialen ist Ausdruck eines gesunden Einzelhandelsunternehmens", sagt Kaudewitz. "Wenn man das nicht tut und nicht die Kraft dafür hat, dann ist man auf einem ganz gefährlichen absteigenden Ast." Eine Zielgröße für einen Personalabbau gebe es nicht, betonen Gehrig und Kaudewitz. Die Altersstruktur im Unternehmen helfe aber, den Personalstand zu reduzieren.

Ein Thema, das in Mitarbeiterkeisen für viel Unruhe gesorgt hatte, sei inzwischen von der Tagesordnung, betont Patrick Kaudewitz: Auch künftig werden eigene Mitarbeiter dafür zuständig sein, die Regale nachzufüllen. Einzelne Versuche hatte es gegeben, diese Aufgabe an externe Dienstleister per Werkvertrag zu vergeben. Auch einen Leitfaden für die Fremdvergabe der Warenverräumung hatte das Unternehmen bereits erstellt. Zehntausende Arbeitsplätze hatte Thomas Müssig von der Gewerkschaft Verdi deswegen bedroht gesehen. In vielen Filialen haben sich daraufhin neue Betriebsräte konstituiert.

Jetzt heißt es Kommando zurück in Sachen Werkverträge. "Das wurde vor einiger Zeit lokal und testweise geprüft", sagt Kaudewitz. "Aus unserer heutigen Sicht ist das kein zukunftsweisendes Konzept. Wir werden das zurückfahren."

Rückendeckung

Mehr Dezentralität hat Kaudewitz dem Unternehmen verordnet − in guter Lidl-Manier. Und sich daran gemacht, die neuen Strukturen auch umzusetzen. Dass noch Monate nach seinem Antritt neue Märkte nach dem alten Muster ausgestattet wurden − etwa mit den alten, hohen Regalen, hat ihn wütend gemacht. Der Vorstandschef drückt aufs Tempo − und im Gegensatz zu seinem Vorgänger hat er Rückendeckung von der Schwarz-Konzernzentrale auf dem Neckarsulmer Stiftsberg. "Kaufland Deutschland muss verstehen, dass man nicht mehr für alles zuständig ist." Hier sei man auf einem guten Weg, betont Kaudewitz.

Nicht nur den Vertrieb betreffen diese Veränderungen, auch den Einkauf, der in eine internationale Organisation und in eine Beschaffungsabteilung für die deutschen Gesellschaften aufgesplittet wurde. "Wir hätten das schon vor zehn Jahren machen sollen", sagt Gehrig. Da sei es dem Unternehmen aber zu gut gegangen. "Man hatte zu viel Erfolg und hat sich nicht gefragt, wie es morgen aussieht." Gleichwohl betont er, "dass Kaufland keine Ertragsprobleme hat".

Die Märkte − etwa 640 gibt es in Deutschland, europaweit 1200 − werden jetzt umgestaltet. Einige der Neuheiten sind in der Filiale in der Heilbronner Olgastraße zu besichtigen − unter anderem Kassen, an denen die Kunden ihre Waren selbst scannen. Neues gibt es auch in der Führung: Die Hausleiter, wie die Filialchefs bei Kaufland heißen, sind inzwischen auch Ansprechpartner für die Mieter in den Vorkassenzonen. So soll gesamtheitlich geführt werden. "Er ist für die täglichen Problemchen zuständig", sagt Patrick Kaudewitz. "Nicht irgendjemand in der Zentrale."

Einige Tausend Artikel sollen aus dem Sortiment gestrichen werden. "Wir hatten Weine, da haben wir über Monate keine einzige Flasche verkauft", sagt Gehrig − nicht nur für einen Discount-Manager ist das ein Graus. Für seine Beschreibung des Non-Food-Sortiments sucht er im Gespräch vergeblich nach einer Steigerung des Adjektivs ungenügend. Künftig wird es wieder Fleischtheken geben, an denen nicht nur ausgepackte Selbstbedienungsware verkauft werden soll. "Wenn wir das machen, dann wird es die beste Fleischtheke am Ort", lautet Gehrigs Anspruch. "Wir machen keine halben Sachen mehr. Da gibt es keinen Dissens." Noch ist das aber Zukunftsmusik, und der Konzernchef beeilt sich zu betonen, dass Kaufland ein Discounter sei und auch bleiben müsse: "Das ist meine klare Botschaft."

Klaus Gehrig, der am Montag 68 wird, setzt auf einen weiteren Klassiker: "Wir brauchen mehr Parkplätze." Neue Kundengruppen sollen angesprochen werden. Und: "40 Prozent unserer Kunden geben pro Einkauf weniger als zehn Euro aus", stellt Kaudewitz fest. "Auch da haben wir einen Hebel."

Konsequenz

Die Hausaufgabenliste der neuen Kaufland-Spitze ist lang, Gehrig spricht von einem Fünfjahresprogramm. Kaudewitz macht trotzdem Tempo. "Für den einen oder anderen Mitarbeiter ist diese Konsequenz vielleicht gewöhnungsbedürftig. Aber was wir anpacken, müssen wir auch umsetzen.