Einfach mal die Wiese wachsen lassen

Region  Mensch und Natur, das passt manchmal nicht so gut zusammen. Doch heute soll es genau darum gehen - am Tag der Artenvielfalt. Ein Naturschützer gibt Tipps, wie man seinen Garten zum Rückzugsort für gefährdete Tierarten machen kann.

Von Christian Gleichauf

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Wie klein: Eine Krabbenspinne auf einer gewöhnlichen Kratzdistel. Foto: Christian Gleichauf

Zwischen hohen Gräsern, Spitzwegerich, Klee und Kreuzkraut flattert und surrt es. Die Morgensonne steht ziemlich hoch am Himmel und hat die Wiese etwas abtrocknen lassen. Gottfried May-Stürmer geht in die Hocke und versucht, sich einem kleinen Falter zu nähern. "Ein Bläuling. Vielleicht ein Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Den gibt es im Brettachtal." Der lege seine Eier nur auf dem Großen Wiesenknopf ab, einer Pflanze, die verblühtem Klee ähnelt, wie der Biologe nebenbei erzählt.

"Dann lassen sie sich von Ameisen in deren Bau tragen, und die Ameisen füttern dann die Larve mit." Spannender Lebensweg einer inzwischen gefährdeten Tierart. Doch genauer bestimmen lassen will sich das zwei bis drei Zentimeter große Insekt nicht mehr. Es fliegt davon.

Genau hinschauen, um kleinere Lebewesen zu entdecken

Einfach mal die Wiese wachsen lassen
Fraßspuren: Hier ist eine Raupe am Werk, vielleicht die des Distelfalters? Foto: Christian Gleichauf

Es ist das Grundstück von Klaus und Margret Scheer, die seit 40 Jahren hier am Ortsrand von Bretzfeld-Geddelsbach wohnen – anfangs war es noch reines Ackerland. Heute dominiert die einst selbst gepflanzte Eiche den Garten. Walnuss, Esskastanie, Rosskastanie, Haselnuss, Quitten-, Sauerkirsch- und Apfelbäume schmücken das Grundstück, das die üblichen Maßstäbe eines Wohngrundstücks sprengt. An diesem Morgen lernt das Paar viel über die Tierwelt vor der eigenen Haustür – und darüber, wie genau man hinschauen muss, um vor allem die kleineren Lebewesen zu entdecken.

Die Scheers legten früh Wert auf Abwechslung. Doch 40 Jahre lang mähte Klaus Scheer regelmäßig seine 2000 Quadratmeter Wiese. Bis ihm die Augen geöffnet wurden, wie er selbst sagt. Auslöser war ein Artikel in der Heilbronner Stimme, der den schwindenden Artenreichtum bei Insekten, Vögeln und anderen Tieren beschrieb.

Seitdem wächst das Gras im Garten der Scheers. Doch Klaus Scheer wollte wissen, ob das genügt. "Ich wäre bereit, Geld in die Hand zu nehmen, um noch einmal einiges umzugestalten", sagt der 79-Jährige. "So eine Forsythie ist ja beispielsweise ganz hübsch, aber für den Artenreichtum wohl ziemlich nutzlos."

Der Cowboy unter den Spinnen

So strikt ist da nicht einmal Gottfried May-Stürmer. Der Regionalgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) ist ein Kenner der Tier- und Pflanzenwelt in der Region. Er zeigte sich bereit, einen Blick auf das Gelände zu werfen. Nun freut er sich darüber, wie wild es an manchen Ecken auf dem Gelände aussieht. Mit bloßer Hand nimmt er zwei Brennnesseln und dreht sie beherzt um. "Hier!" Klaus und Margret Scheer erkennen eine kleine Raupe, kaum einen Zentimeter lang, die sich unter einem Blatt einringelt. "Das ist die Larve des Tagpfauenauges oder des Distelfalters", vermutet May-Stürmer.

Einfach mal die Wiese wachsen lassen
Ein Bläuling, der sich von dieser Seite nicht sicher bestimmen lässt. Foto: Christian Gleichauf

Hier eine Wanze. Da ein Weberknecht. "Das ist der Cowboy unter den Spinnen", kommentiert May-Stürmer. Die dünnen Beine können die Beute wie ein Lasso umschlingen. "Am Anfang hat mich das hohe Gras gestört, weil es so unordentlich aussah", gibt Margret Scheer zu. "Jetzt sehe ich das mit ganz anderen Augen!"

Pflanzenschutzmittel bereiten Naturschützer Sorgen

Um den Artenreichtum zwischen Zaber und Jagst ist es nach Ansicht des Naturschützers May-Stürmer nicht besonders schlecht, aber auch nicht besonders gut bestellt. Streuobstwiesen, Wälder und kleinteilige Agrarlandschaft bieten Rückzugsmöglichkeiten für viele Tierarten. Doch die allgemeinen Entwicklungen sind auch hier zu beobachten. Pflanzenschutzmittel machen May-Stürmer, auch Agrarreferent beim BUND-Landesverband, die meisten Sorgen. "Jeder, der es systematisch untersucht, erkennt, dass die Artenvielfalt zurückgeht."

Besonders problematisch bewertet er die sogenannten Neonikotinoide – hochwirksame Insektizide, die in sehr geringen Konzentrationen wirken und für Menschen und Vögel ungefährlich sind. Doch die Stoffe sind in der Natur. "Bei Bienen beeinträchtigen sie beispielsweise das Orientierungsvermögen, mit fatalen Folgen, wenn sie nicht mehr in ihren Stock zurückfinden." Einige Wirkstoffe seien inzwischen verboten, andere aber noch am Markt. "Und die darf man sogar noch im heimischen Garten einsetzen." Solche Mittelchen kommen für Klaus Scheer nicht infrage. Allerdings hatte er auch schon mit Schädlingen wie der neu nach Europa eingewanderten Kirschessigfliege zu kämpfen.

Anzeichen für eine Natur, die aus dem Gleichgewicht ist

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Naturschützer Gottfried May-Stürmer gab dem Geddelsbacher Klaus Scheer vor zweieinhalb Jahren Tipps, wie der seinen Garten zum Rückzugsort für gefährdete Tierarten machen kann. Foto: Christian Gleichauf

"Grundsätzlich ist es so, dass der Rückgang der Artenzahl, der sich bei vielen Tiergruppen beobachten lässt, teilweise kaschiert wird durch Neuankömmlinge aus anderen Gegenden und durch Klimawandel-Profiteure", sagt Gottfried May-Stürmer. Die Kirschessigfliege ist da ein gutes Beispiel. Schon vor fast hundert Jahren habe der Zoologe August Thienemann beobachtet: Je extremer ein Lebensraum ist, desto geringer wird die Artenzahl und desto größer die Individuenzahl. Viele Schädlinge sind somit nicht nur nervig, sondern unter Umständen auch ein Anzeichen für eine Natur, die aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Umso zufriedener ist May-Stürmer mit der Ausgewogenheit im Garten der Scheers. Er rät Klaus Scheer auch davon ab, gar nicht mehr zu mähen. Damit würde das Gelände verbuschen. Besser sei es, die Wiese im Juni und im Oktober zu mähen und das Mähgut nicht liegen zu lassen, damit der Boden nicht überdüngt wird. "Und wichtig ist, immer ein paar Ecken stehen zu lassen", sagt May-Stürmer. "Dann haben die Grashüpfer weiterhin einen Rückzugsort."

Vorsicht beim Kauf von Wiesenblumen-Mixen

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Gottfried May-Stürmer (v.r.) zeigt Klaus und Margret Scheer, was in ihrem Garten alles los ist. Foto: Christian Gleichauf

Noch zwei Schmetterlinge flattern vorbei: Kohlweißling und Waldbrettspiel. Zwei Käfer haben sich in der Blüte einer Wilden Möhre gefunden. Nachtkerzen sorgen für Farbtupfer. Ihre Blüten öffnen sich nach Sonnenuntergang, dann verströmen sie einen betörenden Duft, der vor allem Nachtfalter anlockt. Jede Blüte überlebt aber nur einen Tag. Die Schönheit hat sich gehalten, der Geruch ist inzwischen aber verflogen. "Dafür duftet der toll", sagt Margret Scheer an den weißen Blüten des Waldgeißbarts.

"Was hier jetzt etwas zu kurz kommt, das sind die Lippenblütler", hat Gottfried May-Stürmer doch noch einen Tipp parat. An ihnen laben sich Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Vom günstigen Wiesenblumen-Mix rät der Biologe allerdings ab. "Das ist vor allem was fürs Auge. Aber sie bestehen meist aus gefüllten Sorten, die den Bienen nichts zu bieten haben", sagt May-Stürmer. Wertvoller ist da der buschig gewachsene Oregano, um den zahlreiche Schwebfliegen summen. Liebstöckl, Sonnenblumen, Lavendel und Hibiscus locken die Insekten an. 

Rückblick nach zweieinhalb Jahren

Zweieinhalb Jahre ist der Besuch von Gottfried May-Stürmer nun her. Damals stellte der Naturschützer dem Garten ein gutes Zeugnis aus: „Eigentlich kann man nur sagen, dass bei diesem Bewuchs vor 20 Jahren mehr los gewesen wäre", zog May-Stürmer Bilanz.

Inzwischen hat Klaus Scheer aber weitere Erfahrungen mit dem Thema gesammelt. Die gesamte Wiese wachsen zu lassen, wie er es kurzzeitig probierte, davon würde er heute abraten. „Das verbuscht schnell und ist dann irgendwann sehr schlecht zu mähen.“

Von der Idee ist er allerdings immer noch überzeugt. Inzwischen lässt er Mini-Inseln stehen – mal etwas Klee, mal ein paar Wiesenblumen. „Die sind dann auch wieder leicht zu beseitigen.“ Dass der naturnahe Garten Wirkung zeigt, davon ist Scheer aber überzeugt. Die Insekten-Hotels, von denen er weitere aufgehängt hat, werden rege genutzt. Und endlich gebe es auch wieder viel mehr Spatzen in der Gegend.

Unter dem Strich ist der ehemalige Berufsschul- und Fachhochschullehrer sehr zufrieden und fühlt sich wohl auf seinem Stück Land. „Ich sage immer, wenn ich mit jemandem tauschen müsste, dann nur mit mir selbst.“   

 

Bestäuber in Gefahr

Hecken und Blühstreifen können helfen, Bienen, Schmetterlingen und Käfern einen Lebensraum zu bieten. Doch Pflanzenschutzmittel bedrohen auch diese nützlichen Tiere. Umweltschützer fordern deshalb das Verbot vieler Wirkstoffe und das Verbot, die erlaubten Stoffe auch in Privatgärten zu nutzen. „Es ist ein Hase-und-Igel-Spiel“, sagt Umweltschützer Gottfried May-Stürmer. „Sobald ein Mittel verboten wurde, bringt die Industrie wieder ein neues.“