Wie Subunternehmer den Kaufland-Mindestlohn unterlaufen

Möckmühl  Zwei Geschwister aus Polen berichten, welche Verhältnisse sie in einem Kaufland-Lager erlebt haben - dort waren sie für einen Personaldienstleister tätig. In Sachen Arbeitsrecht könnten einige Punkte bedenklich sein.

Von unserem Redakteur Christian Gleichauf

Hire and Fire auf Deutsch
Die zwei Polinnen Ewa und Gabriela M. beim Kaufland-Logistikzentrum in Möckmühl. Wenige Wochen haben sie hier für die Firma Loco Service gearbeitet. Zeit genug für unzählige schlechte Erfahrungen.Foto: Christian Gleichauf

Es ist keine romantisch verklärte Vorstellung von einem erfolgreichen Leben in Deutschland, das junge Menschen aus Polen ins Heilbronner Land führt. Die Arbeit im kalten Fleischwerk oder in der Logistik ist eintönig und hart, die Bezahlung trotz Mindestlohn nicht üppig. Doch worauf die Arbeitnehmer aus Osteuropa vertrauen, ist, dass in Deutschland Regeln und Gesetze eingehalten werden. Wie sich zeigt, ist das bei einigen Firmen in der Region nicht der Fall.

"Unfassbar" findet Thomas Müssig, was sich hier − vor seiner Haustür − auftut. "So etwas kennt man sonst nur aus Asien, wo die schlecht bezahlten Arbeiter großer Fabriken in irgendwelchen Wellblechhütten neben dem Werksgelände wohnen − und dafür auch noch vom Arbeitgeber zur Kasse gebeten werden", sagt der Verdi-Gewerkschaftssekretär Handel. "Aber das hier passiert bei uns, mitten in Europa!"

Es geht natürlich nicht um Welblechhütten im wörtlichen Sinne. Doch die Geschwister Ewa und Gabriela M. (Namen geändert) haben hier eine Arbeitswelt kennengelernt, die man in Deutschland gemeinhin kaum für möglich hält. Den Job hatte ihre Cousine besorgt, im Kaufland-Lager für den Personaldienstleister Loco Service. Vieles passt auf den ersten Blick: 

Es gibt neun Euro die Stunde, die Vorarbeiterin ist selbst Polin, die Verständigung also kein Problem. Die flexiblen Arbeitszeiten sind zwar eine Herausforderung, doch die Cousine übernimmt den Fahrdienst. Gleich am zweiten Tag auch nach Heilbronn, um Sicherheitsschuhe zu kaufen, die bei der Arbeit mit den schweren Paletten Pflicht sind. Dass diese Art von Arbeitskleidung in Deutschland vom Arbeitgeber gestellt werden muss, ist ihnen nicht bekannt.

Arbeitsbeginn um 8 Uhr, 6 Uhr, 20 Uhr, 22 Uhr. Arbeitsende mal um 13 Uhr, mal um 19.30 Uhr. Dann kommt es vor, dass Ewa M. eine Stunde nach Arbeitsbeginn wieder nach Hause geschickt wird. "Es gibt keine Arbeit", habe ihr die Vorarbeiterin gesagt. Also wieder bei der Cousine anrufen, für die Heimfahrt steht kein Bus bereit. Dass es in Deutschland nicht rechtens ist, wenn man zur Arbeit eingeteilt und dann ohne Bezahlung für die reguläre Arbeitszeit wieder weggeschickt wird, weiß dort offenbar niemand − außer der Firmenleitung. Auf Anfrage dementiert Loco Service jedenfalls, dass es jemals solche Vorkommnisse gab.

Jederzeit verfügbar

Die zwei jungen Frauen sind bereit, jederzeit zu kommen, wenn die Firma ruft. Gleich am nächsten Tag arbeiten sie mehr als zehn Stunden, obwohl auch das nicht zulässig ist. Sie klagen nie, arbeiten Nachtschicht um Nachtschicht. Bis die Vorarbeiterin eines Tages fragt, wer sie da eigentlich jeden Tag zur Arbeit fährt. Sie erzählen von der Cousine und ihrem deutschen Mann. Als sie zwei Tage später ihre Schicht beenden, legt ihnen ein Mann einen Aufhebungsvertrag zur Unterschrift vor. Abmahnungen gab es nie, Gründe werden keine genannt. Unter Druck unterschreiben sie.

Erst als der deutsche Ehemann der Cousine bei Geschäftsführer Milan Pavlovic anruft, wird aus dem Aufhebungsvertrag eine ordentliche Kündigung. Zwei Wochen müsste die Firma die beiden also weiterbeschäftigen. Doch Pavlovic möchte das nicht. "Bringen Sie eine Krankmeldung", soll er gesagt haben. Auf Nachfrage bestreitet Pavlovic diese Aussage. Als die zwei Polinnen trotzdem wieder zur Arbeit kommen wollen, erklärt die Vorarbeiterin, sie sollen sich Urlaub nehmen − und schickt per SMS hinterher: "Unbezahlten Urlaub." Für Gewerkschaftssekretär Thomas Müssig zwei problematische Punkte, weil die Initiative vom Arbeitgeber ausgeht. Die Aufforderung zur Krankmeldung ist dabei ein schwerwiegender Verstoß. "Hier geht es um Sozialversicherungsbetrug."

Lohn entspricht nicht den geleisteten Stunden

Die zwei jungen Frauen verzichten auf das Geld von der Krankenkasse. Was sie von Loco Service überwiesen bekommen, entspricht allerdings nicht ansatzweise den geleisteten Stunden. Am deutlichsten wird das bei Ewa M. Den handschriftlichen Stundenaufstellungen zufolge hat sie in den gut zwei Wochen mehr als 107 Stunden gearbeitet, was netto in etwa 770 Euro entspräche. Zusammen mit den Nachtzuschlägen müsste sie auf nahezu 1000 Euro kommen. Überwiesen werden 675 Euro. Zwei Tage Resturlaub sind auf der ersten Abrechnung noch vermerkt, die eigentlich ausbezahlt werden müssten.

Doch eine Korrektur lehnt die Firma ab. In der Geschäftsstelle an der Heilbronner Kaiserstraße heißt es, die Daten würden nach der Kündigung aus dem System gelöscht. "Und überhaupt", sagt die Dame hinter dem Schreibtisch irgendwann unwirsch, "würde ich mich lieber mit den beiden hier unterhalten. Ich kann Polnisch." Was sie damit meint, bleibt offen.

Einige Wochen später machen sich die zwei jungen Polinnen noch einmal auf den Weg nach Möckmühl. Es geht darum, Kontakt mit den ehemaligen Kollegen aufzunehmen. Als sie auf dem Parkplatz warten, ruft Gabriela M. plötzlich: "Patrizi! Patrizi!" Die ehemalige Vorarbeiterin ist an ihnen vorbeigefahren. Ängstlich verstecken sie sich zwischen den parkenden Autos.

Wenig später holt ein weißer Transporter mehrere Arbeiter ab, fährt sie nach Neuenstadt zu einem Haus. Die Insassen steigen aus, andere ein. Thomas Müssig ist dabei, als polnische Hausbewohner über die Unterkunft berichten. Für die Fahrten zur Arbeit bezahlen die Mitarbeiter 2,50 Euro pro Tag. Im Haus befinden sich mehr als zehn Zimmer, in denen jeweils zwei bis vier Betten stehen. Jedes Bett kostet hier 225 Euro. Im Hausgang hängt die Hausordnung − auf Deutsch. Daneben Schichtpläne für das Fleischwerk. Vorarbeiternamen. "Abteilung Gulasch", "Bratwurst Linie 1". Alles gut organisiert? Ein Rahmer-Mitarbeiter sagt, dass man sich auf die Dienstpläne nicht verlassen kann.

Misstrauen

Auch bei weiteren Treffen redet kaum ein Mitarbeiter offen. Der Zusammenhalt in der Fremde ist nicht besonders groß unter Polen, sagen die Polen selbst. Hier gilt: "Der Pole ist des Polen Wolf." Doch dieses straff organisierte Arbeitsverhältnis ohne Rückzugsraum und ohne Privatsphäre offenbart, dass hier der Pole erst zum Wolf gemacht wird: Vorwärts kommt, wer andere verpfeift. Wer das Misstrauen der Vorgesetzten erweckt, dem wird gekündigt.

Zu gerichtlichen Auseinandersetzungen ist wenig bekannt. Im vergangenen Jahr gab es nur eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, die dann wieder zurückgezogen wurde. Der Klägeranwalt wollte sich lieber zivilrechtlich einigen.

 

Wo sind die Zeitarbeiter untergebracht?

27 Namen stehen an der Tür. Polnische Namen. Das Haus: einst ein Einfamilienhaus mit Arztpraxis, heute "Hotel". So nennen es zumindest die Bewohner, Beschäftigte der Firmen Loco Service und Rahmer Zeitarbeit. Doch von Roomservice keine Spur. Stattdessen müssen zwei bis vier Leute in einem Zimmer übernachten − für mehr als 200 Euro pro Bett. Bis zu 900 Euro pro Zimmer also. Mehr als zehn Zimmer gibt es hier. Ein Bewohner schätzt die Zahl der Mieter auf 30.

Wer profitiert von den Mieteinnahmen? Grob überschlagen kann man davon ausgehen, dass bei 20 bis 30 Bewohnern für das Haus 4000 bis 6000 Euro pro Monat überwiesen werden. Die Frage ist: an wen? Die Firmen Rahmer und Loco Service ziehen die Miete zwar direkt vom Lohn ab − auf Wunsch des Mitarbeiters, wie sie beteuern −, doch wohin dieses Geld geht, möchten sie auch auf Nachfrage nicht mitteilen. Loco Service und Rahmer erklären, sie kooperieren nur mit Firmen, "die sich auf die Bewirtschaftung von Immobilien spezialisiert haben". Sie selbst hätten mit der Vermietung nichts zu tun. Also auch nicht mit den Verhältnissen in den Unterkünften.

Die Recherchen der Heilbronner Stimme führen zum Eigentümer eines "Hotels". Wolfram Rudolph ist ein angesehener Heilbronner CDU-Lokalpolitiker, Vorsitzender des Sontheimer Offenen Kreises. Er zeigt sich überrascht über die Anzahl der Bewohner in seinem Haus und die Höhe der resultierenden Miete. Er selbst bekomme nur einen "angemessenen Mietzins" − wie viel, das möchte er nicht mitteilen. Er sei bislang davon ausgegangen, dass es keine Probleme gebe. Verantwortlich sei der Mieter, seit gut einem Jahr ist das die Firma DSZ aus Feucht bei Nürnberg. "Die kümmern sich um alles."

Hier wird es interessant

Die Geschäftsführerin der DSZ GmbH heißt Nikolina Pavlovic. Der Name gibt einen Hinweis auf die Verbindung zu Loco Service und Rahmer: Nikolina Pavlovic ist die Ehefrau von Milan Pavlovic, einem Geschäftsführer von Loco Service und Rahmer Zeitarbeit. Die Aussage, man vermittle nur an "externe Anbieter", ist somit nicht die ganze Wahrheit.

Auch wenn DSZ Fragen dieser Zeitung nicht beantwortet: Es ist nicht die einzige Immobilie, die die Firma im Umfeld von Kaufland angemietet hat. Ähnliche Unterkünfte gibt es in zahlreichen umliegenden Orten.