Notfallzonen bei Atomunfall werden erweitert

Neckarwestheim  Vier Jahre nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima werden in Deutschland die Gefahrenzonen rund um die Kernkraftwerke stark vergrößert.

GKN

Künftig müssen die Heilbronner ihre Heimat verlassen, wenn im Kernkraftwerk Neckarwestheim (GKN) ein schwerer Unfall mit Strahlenbelastung passiert. Die Stadt werde im erweiterten Evakuierungsgebiet liegen, bestätigt das Innenministerium in Stuttgart.

Für Minister Reinhold Gall (SPD) ist bei der laufenden Überarbeitung der Katastrophenschutzpläne „Transparenz oberstes Gebot“. Aber vieles ist noch immer unklar.

Für Lauffen, Brackenheim oder Talheim bestehen schon Katastrophenpläne. Sie liegen in der sogenannten Mittelzone mit einem Radius von zehn Kilometern rund um das GKN. Nach dem atomaren Gau in Fukushima hat die Strahlenschutzkommission die Risiken der deutschen Kernkraftwerke neu bewertet und empfiehlt die Vergrößerung des Evakuierungsgebiets auf einen Radius von ungefähr 20 Kilometer. Innerhalb dieser Grenze liegen neben Heilbronn auch Neckarsulm, Weinsberg und im Süden Ludwigsburg sowie Bietigheim. 

Zonengrenze verläuft durch Ortschaften

Besondere Probleme bereiten den Katastrophenschützern im Regierungspräsidium Stuttgart Städte wie Bad Friedrichshall oder Vaihingen, die nur mit einem Teil ihres Gebietes in der Evakuierungszone liegen. Derzeit laufen die Abstimmungen mit den Kommunen über die Abgrenzungen im Detail. Denn niemand kann sich vorstellen, dass die Anwohner einer Straße tatenlos in ihren Wohnungen bleiben, während nebenan die Flucht vor einer Strahlenwolke läuft.

Bei der Grenzziehung würden „Geländestrukturen und Verwaltungsstrukturen berücksichtigt“, hat Gall versprochen. Details seien jedoch noch nicht spruchreif, sagt sein Sprecher. Ende 2015 sollen die neuen Katastrophenschutzpläne fertig sein. 

Die Strahlenexperten empfehlen eine Evakuierung innerhalb von 24 Stunden. Die 20-Kilometer-Zone wird zusätzlich in Sektionen aufgeteilt: Abhängig von der Windrichtung der Atomwolke soll damit die Räumung begrenzt werden. Wenn die Strahlenbelastung einen bestimmten Grenzwert übersteigt, müssen die Bürger aber dauerhaft umziehen.

Gegner fühlen sich bestätigt

Kernkraftgegner fühlen sich durch die Neubewertung der Risiken bestätigt. „Atomkraftwerke sind viel gefährlicher als Behörden und Betreiber bisher behauptet haben“, betont Jochen Stay, der Sprecher der Initiative „ausgestrahlt“. Die Ausdehnung der Zonen reiche nicht. Würden die in Japan geltenden Grenzwerte angelegt, müssten nach Stays Angaben Menschen sogar noch in 170 Kilometer Entfernung umgesiedelt werden.

Besonders in der dicht besiedelten Region zwischen Stuttgart und Heilbronn betrifft die bundesweit laufende Ausdehnung der Evakuierung viele Menschen. Rund 180.000 Bürger wohnen in der Zehn-Kilometer-Zone des GKN. Stay hat berechnet, dass im vergrößerten Gefahrengebiet bis zu 850.000 Menschen leben. Durch die hohe Zahl Betroffener müssen die Katastrophenschützer viele Notquartiere suchen. „Das ist das große Problem“, sagt Andreas Schanz vom Innenministerium.

Im Südwesten läuft neben dem Block II in Neckarwestheim noch ein Reaktor in Philippsburg. Die Evakuierungspläne müssen aber auch für Gemeinden in Grenznähe ausgeweitet werden. Dies gilt in der Nachbarschaft von Gundremmingen (Bayern), Fessenheim (Frankreich) und Leibstadt (Schweiz).

 

zonen2