Mehrwegsystem für Mitnehmkaffee

Region  Um die Müllflut einzudämmen, setzt der Landkreis Heilbronn gemeinsam mit Bäckereien auf Porzellanbecher.

Von Bärbel Kistner

Mehrwegsystem für Mitnehmkaffee
16 Millionen Pappbecher landen im Stadt- und Landkreis pro Jahr im Müll. Tübingen (kleines Foto rechts) hat bereits eine Initiative für Mehrwegbecher. Fotos: dpa

Die Menge ist gigantisch: 2,8 Milliarden Einwegbecher werden pro Jahr in Deutschland verbraucht. Pro Stunde gehen 320.000 Kaffeebecher über die Theken. Heruntergerechnet auf Stadt- und Landkreis Heilbronn sind es 1800 pro Stunde und rund 16 Millionen Pappgefäße pro Jahr.

Müllvermeidung und Ressourcenschutz haben sich der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises und der Projektleiter für Klimaschutz im Landratsamt, Michael Groß, auf die Fahnen geschrieben und gemeinsam mit Bäckereien im Landkreis eine Mehrwegbecher-Aktion gestartet. Dabei sind bisher sechs Betriebe aus dem Landkreis mit 86 Verkaufsstellen der Firmen Härdtner, Hönnige, Hirth, Stengel, Stoll, Förch und Skala. Der Leiter Abfallwirtschaft, Norbert Raatz, hofft auf weitere Mitstreiter, nicht nur bei Bäckereien. Im Idealfall sollten alle dabei sein, die Mitnehmkaffee verkaufen.

Kostenlos

Zum Auftakt im April verteilt das Heilbronner Landratsamt kostenlos 2000 hochwertige Becher aus Porzellan. Einen solchen sollen Kunden künftig in die Verkaufsstellen mitbringen und befüllen lassen. Müllvermeider sparen zehn Cent. Bäcker, die sich beteiligen, verlangen dann für Kaffee in Pappbechern zehn Cent mehr. Das Geld geht an einen lokalen Bürgerfonds für Klimaschutz.

"Mit den zehn Cent soll das Bewusstsein für die tatsächlichen Kosten von Verpackung ins Bewusstsein kommen", sagt Peter Kolbe von der Heidelberger Klimaschutz-plus- Stiftung, die das Heilbronner Projekt begleitet. Die Umweltkosten eines Pappbechers liegen bei 7,8 Cent.

Dass sich die Bäckerei und die Projektpartner beim Landratsamt für die Porzellanvariante entschieden haben, ist das Ergebnis einer gründlichen Analyse der Produkte. Eine hochwertige Machart war ebenso entscheidend wie ein dicht schließender Deckel und der breite Silikonring, der die Finger vor dem heißen Inhalt schützt. "Mit einem Becher, der nur fünf Mal benutzt und dann weggeworfen wird, wäre der Sache nicht gedient", sagt Susanne Breuer von der Abfallwirtschaft. "Mehrweg hat nicht automatisch die bessere Ökobilanz als Einweg, das stimmt nur dann, wenn die Becher oft benutzt werden", betont Michael Groß.

Sinnvoll

"Was ökologisch sinnvoll ist, hängt vom Nutzer ab und liegt nicht am Becher", ergänzt Peter Kolbe. 30 bis 40 Mal sollte das Mehrweggefäß befüllt werden, damit die bei der Herstellung entstandenen Energiekosten sowie Transportkosten aufgewogen sind. Ein Pfandsystem sei nur dann sinnvoll, wenn nicht extra schmutzige und saubere Tassen hin- und hergefahren werden müssen. Bäckereien beliefern sowieso ihre Filialen, so entstehen keine zusätzlichen Transporte.

Mehrwegsystem für Mitnehmkaffee

Auch modische Varianten waren im Gespräch. Doch gegen Bambusbecher spreche die geringe Haltbarkeit: Das Material wird im Geschirrspüler rau und unansehnlich, für Industriespülmaschinen sei es völlig ungeeignet, informiert der Experte. Zudem enthalten Bambusbecher oft Melaminharze, die sich bei Temperaturen ab 70 Grad lösen. Auch Mais als Becherrohstoff, der aus stark gedüngten Monokulturen stammt, sei nicht nachhaltig.

Hygienevorschriften

Das Befüllen eines mitgebrachten Bechers ist laut Lebensmittelhygieneverordnung nicht grundsätzlich verboten − wie bislang vielfach angenommen. Darauf verweist auch die Deutsche Umwelthilfe. Das Heilbronner Landratsamt hat sich mit den örtlichen Lebenmittelkontrolleuren auf einfache Regeln verständigt: Ein Becher darf nur in sauberem Zustand unter die Maschine gestellt werden. Dafür genügt die Inaugenscheinnahme durch das Verkaufspersonal. Wichtig ist auch: Der Becher darf nicht mit dem Abfüllstutzen in Berührung kommen.

Der Landkreis ist in Sachen Mehrwegbecher eindeutig Vorreiter. Die Stadtverwaltung Heilbronn sei aber auch an dem Thema dran, erklärt Rathaussprecher Christian Britzke auf Anfrage: "Wir stehen in Gesprächen mit verschiedenen möglichen Kooperationspartnern."

 


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