Kaufland-Subunternehmer agieren teils weiterhin mit zweifelhaften Praktiken

Möckmühl  Konsequenzen aus der Berichterstattung unserer Zeitung.

Von unserem Redakteur Christian Gleichauf

Für gute Arbeit gibt es eine warme Jacke
Das Zimmer ist neu eingerichtet. Jeder Bewohner in der mit einem Dutzend Männern belegten Wohnung bezahlt aber stolze 200 bis 280 Euro.

Sie haben nichts zu verlieren, sagen Pawel und Krysztof A. Sie sind mobil, flexibel, anspruchslos. All ihre Habseligkeiten passen in einen Kofferraum. Sie könnten überall arbeiten, sagen die Brüder. Holland war nicht schlecht, allerdings doch etwas weit entfernt von ihrer Heimat in Polen. Deshalb sind sie nun in Deutschland. Doch das, was sie hier in Möckmühl, Langenbrettach und Adelsheim als Beschäftigte von zwei Personaldienstleistern erlebt haben, kratzt doch schlicht an dem, was man unter "Menschenwürde" versteht.

Noch am Tag, an dem sie sich mit unserer Zeitung treffen, werden sie von ihrem Vorarbeiter gefeuert. Eine Woche gibt man ihnen, um das Zimmer zu räumen, das sie mit zwei anderen teilen. Wenig später macht ihr Arbeitgeber, die Headway Logistik GmbH, aus der mündlichen Kündigung eine schriftliche Abmahnung. Natürlich auf deutsch. Sie dürfen damit weiterhin 200 Euro pro Monat für ihr Bett in Adelsheim bezahlen, weiterhin jeden Tag für 3,70 Euro nach Möckmühl fahren, weiterhin Überstunden schieben − so lange, bis die Aufträge abgearbeitet sind. Mit einem befristeten Vertrag, Kündigungsfrist zwei Wochen.

Verstanden haben sie diesen Vertrag nicht. Sie ziehen ihn aus der Tasche − alles auf Deutsch: Empfangsbestätigungen, Hinweise zum Verhalten bei einem Unfall, die Anforderung weiterer Unterlagen. Allein das widerspricht den Mindeststandards, auf deren Einhaltung Kaufland für alle Beschäftigten in Möckmühl besteht. "Obwohl die Firma ungenügende Sprachkenntnisse billigend in Kauf nimmt oder vielleicht sogar ausdrücklich wünscht, um sie isoliert zu halten, bekommen sie eine Abmahnung auf Deutsch", stellt Verdi-Gewerkschaftssekretär Thomas Müssig fest. Das sei doch geschmacklos und zynisch. "Und dazu wirft man sie ihnen auch noch in einen Briefkasten, für den sie keinen Schlüssel haben!" Wie schon vor einigen Monaten hat Müssig mehrere Recherchen unserer Zeitung in den Unterkünften begleitet. Wieder ist er fassungslos, wie die Männer und Frauen aus Polen systematisch klein gehalten werden.

Für gute Arbeit gibt es eine warme Jacke
Der Kaufland-Subunternehmer Headway schaut in einer seiner Gemeinschaftsunterkünfte in Adelsheim nach dem Rechten.Fotos: Gleichauf

Obwohl Pawel und Krysztof A. im März bei Headway unterschrieben hatten, wurden sie erst einmal an den Berliner Personaldienstleister K&K Industriebau weitergereicht. Dort machten sie die schlimmsten Erfahrungen − und stehen damit nicht allein. Aus Polen erreichten unsere Zeitung zahlreiche Klagen. So berichtet ein Mitarbeiter, er sei im Dezember in Polen angeworben worden.

Wie üblich kam er auf eigene Kosten nach Heilbronn, wurde für 420 Euro für anderthalb Monate im Mehrbettzimmer einquartiert, durfte für die Fahrt nach Möckmühl täglich zwei Euro bezahlen. Auch Arbeitskleidung wurde ihm ausgehändigt − ein Service, für den sich die Firma später mehr als 120 Euro vom Nettolohn abzog. Nicht zum Service der Firma gehörte dagegen die korrekte Anmeldung beim Finanzamt. "Sie wollten meine Steuernummer gar nicht", sagt der Mann. Steuerklasse 6 mit hohen Abzügen war die Folge. So blieben ihm nach mehr als 140 Stunden Arbeit keine 600 Euro zum Leben. Die Fahrt nach Hause durfte er dann wieder auf eigene Kosten antreten.

Es sind Berichte von solchen Erfahrungen, die nun in der Kaufland-Zentrale in Neckarsulm zu einem Umdenken geführt haben. Im Gespräch mit unserer Zeitung versichern die Deutschland-Geschäftsführer Michael Beck (Logistik) und Ilja Woitaschek (Beschaffung), dass solche Vorgänge nicht toleriert würden. "Wo Menschen für uns arbeiten, sollen sie zu Bedingungen arbeiten, die menschenwürdig sind", sagt Woitaschek. Deshalb sehe sich die Geschäftsführung hier auch in der Verantwortung. Das Problem: Häufig erfährt die Unternehmensleitung nichts davon. Zum konkreten Fall oder zum ehemaligen Vertragspartner K&K wollen die Kaufland-Verantwortlichen ansonsten keinen Kommentar abgeben.

Bekannt ist, dass Kaufland den Vertrag mit K&K Ende März beendet hat. Für die Mitarbeiter ein Ende mit Schrecken, denn auf ihren Abrechnungen erschienen plötzlich hohe Vorschusszahlungen von vielen hundert Euro, die sie nach eigener Auskunft nicht erhalten hatten. Teilweise sollten Ex-Mitarbeiter selbst Geld an K&K überweisen.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, erklärte ein Anwalt im Auftrag von K&K, dass "nach Kenntnis unserer Mandantin Vorschusszahlungen geleistet wurden und belegbar sind". Kaufland zeigt sich an einer Klärung solcher Vorwürfe interessiert und bietet den Betroffenen den Kontakt zu einem Vertrauensanwalt an (siehe Infos am Artikelende).

Die Vorgänge fügen sich in ein wenig schmeichelhaftes Bild der Personaldienstleister, die für Kaufland am Standort Möckmühl tätig sind. Im Januar hatte die Heilbronner Stimme zuletzt berichtet über die systematische Ausbeutung der Mitarbeiter aus Osteuropa. Kaufland ist dabei, Konsequenzen zu ziehen (siehe Titelseite heute und Artikel unten). Die meisten Subunternehmer blieben dagegen bei ihren Praktiken. Nachdem Headway die K&K-Mitarbeiter übernommen hatte, änderte sich wenig für die jungen Polen.

Bekanntes Prinzip

Auch bei Headway gilt das bekannte Prinzip "Hire and fire". Auch hier ist die korrekte Anmeldung beim Finanzamt nicht die Regel. Auf einer Checkliste fordert die Firma Staplerschein, polizeiliches Führungszeugnis, Bankverbindung, Krankenversicherungskarte und die − dringend notwendige − Lohnsteuerkarte an. Das alles auf Deutsch und ohne den Hinweis, was wirklich wichtig ist. Umgekehrt bekamen die Mitarbeiter dann keine Krankenversicherungskarte ausgehändigt. Sie sollen im Krankheitsfall zu bestimmten Ärzten, die dann direkt mit der Krankenkasse Kontakt aufnehmen.

Dazu kommt, wie die Betroffenen berichten, ein ausgeklügeltes Belohnungssystem: Im Winter warme Arbeitsjacken, Fernseher in den Zimmern, Umstellung auf Lohnsteuerklasse 1 oder 3 − Selbstverständlichkeiten dienen als Anreiz für mehr Einsatz bei der Arbeit. Wer umgekehrt nicht genug Leistung bringe oder sogar längere Zeit arbeitsunfähig sei, dem werde sofort gekündigt. Mitarbeiterführung wird so zum "modernen Sklavenhandel", fasst Gewerkschafter Müssig seine Eindrücke nach Gesprächen mit rund einem Dutzend Headway-Arbeitern zusammen. "Das sind doch keine Arbeitgeber, sondern Zuhälter", sagt Müssig. Eine Anfrage unserer Zeitung an die Firma wird zwar von mindestens 22 Mitarbeitern und dem Geschäftsführer gelesen, aber von keinem beantwortet.

Kaufland bietet Betroffenen den Kontakt zu einem Anwalt an, der Vertraulichkeit zusichert und keine weitere Geschäftsbeziehung zu Kaufland hat: hinweis@k-vertrauen.de, Telefon: 0800 0100800.

 
 
 

Zwei Firmen sind raus

Ende Januar hat die Heilbronner Stimme ausführlich über die Lebens- und Arbeitsverhältnisse von ausländischen Arbeitnehmern berichtet, die über Personaldienstleister im Kaufland-Dienstleistungszentrum in Möckmühl beschäftigt sind. Mehrmonatige Recherchen hatten gezeigt, wie die Subunternehmer von Kaufland ihre Mitarbeiter systematisch ausnutzen. Kaufland zeigte sich durch die aufgedeckten Missstände "betroffen" und kündigte an, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Näher wollte das Unternehmen diese Konsequenzen in der Folge dann erst einmal nicht erläutern.

Zahlreiche Reaktionen erreichten in der Folge unsere Redaktion. Die Vorwürfe wurden dabei nicht nur bestätigt, es gab zahlreiche weitere Hinweise auf Unregelmäßigkeiten und systematische Ausnutzung von Abhängigkeiten. Zudem erreichten uns Informationen, dass Kaufland offenbar eigene Untersuchungen veranlasst und dann auch tatsächlich Konsequenzen gezogen hat. Verträge mit zwei Personaldienstleistern wurden gekündigt: Die Firma K&K Industriebau und Personalbetreuungs GmbH aus Berlin (siehe auch Artikel oben) sowie Rahmer Zeitarbeit GmbH aus Nürnberg arbeiten nicht mehr mit Kaufland zusammen. Über die Gründe für die Trennung macht Kaufland keine Angaben.

Nicht gekündigt wurde der Vertrag mit der Firma Loco Service aus Heilbronn, deren Geschäftsführung die gleiche ist wie bei Rahmer aus Nürnberg. Somit wohnen weiterhin polnische Loco-Mitarbeiter in dürftig ausgestatteten Unterkünften, in denen sie für ein Bett im Mehrbett-Zimmer 225 Euro bezahlen. Da die Vermietung allerdings nicht über Loco direkt erfolgt, sondern über eine verbandelte Firma, greifen die Kontrollmechanismen von Kaufland hier weiterhin nicht.

Wie nützlich das System der zwei Schwesterfirmen Loco und Rahmer war, zeigen weitere Berichte von ehemaligen Beschäftigten. So sollen Mitarbeiter in der Vergangenheit nach Ablauf der maximal möglichen Befristung des Arbeitsvertrags von einer Firma zur anderen verschoben worden sein, damit man den Mitarbeiter dort weitere zwei Jahre lang jederzeit kündigen konnte. Nach dem Aus von Rahmer in Möckmühl hat sich zumindest diese Praxis nun erledigt.

An die Stelle von Rahmer rückte im Fleischwerk Möckmühl die Easy Personal GmbH aus Greven. Rahmer-Mitarbeiter bekamen ein Übernahmeangebot. Mit Easy wurde kein Werkvertrag abgeschlossen. Kaufland nutzt hier die Arbeitnehmerüberlassung, sprich Leiharbeiter. 

 

 

Ein Gegenbeispiel: Gleiches Geschäftsmodell, anderer Umgang

Je nach Auslastung 500 bis 1000 Mitarbeiter sind im Logistikzentrum Möckmühl damit beschäftigt, "die Ware ans Tor zu bringen", wie Michael Beck, Logistik-Geschäftsführer bei Kaufland Deutschland, formuliert. Etwas weniger sind es an den Fleischwerk-Standorten Möckmühl und Heilbronn. Genügend Arbeitskräfte für diese Tätigkeiten seien auf dem regionalen Arbeitmarkt aber nicht zu finden. Deshalb nutzt Kaufland seit vielen Jahren Personaldienstleister −anfangs auch aus dem Ausland. "Auch damals haben wir gesehen, dass man etwas tun muss", sagt Michael Beck. Seit vier Jahren arbeitet Kaufland deshalb nur noch mit deutschen Firmen zusammen. Mit durchwachsenem Ergebnis, wie sich nun zeigte.

Allerdings ergaben die Recherchen unserer Zeitung auch: Es gibt neben den Negativbeispielen durchaus auch Personaldienstleister, die ihren Mitarbeiter besser behandeln. In Jagsthausen fanden sich in einem Haus ungarische Mitarbeiter der PS Personalservice aus Heilbronn, die kein schlechtes Wort über ihren Arbeitgeber verloren. Untergebracht sind sie in einem Haus mit Zweibettzimmern. Dafür bezahlen sie 125 Euro, also weniger als die Hälfte dessen, was eine vergleichbare Leistung bei anderen Firmen kostet. Wenn sie sich auf eigene Faust eine Wohnung oder ein Zimmer anmieten, zahle der Arbeitgeber 100 Euro Zuschuss. Über falsche Abrechnungen gibt es hier keine Klagen. Es gebe sogar Hilfe bei der Steuererklärung, und zwar auf Ungarisch.

Ähnliche Unterschiede gibt es wohl auch bei der Vermietung der Häuser an die Kaufland-Mitarbeiter. Während die einen das schnelle Geld machen wollen und heruntergekommene Häuser zu Höchstpreisen vermieten, bieten andere inzwischen einen Rundumservice für die Arbeitnehmer aus Osteuropa. "Bei uns werden werden wöchentlich die Betten neu bezogen, Hausmeister schauen regelmäßig nach dem Rechten, alles wird regelmäßig renoviert", sagt ein Gastronom, der zahlreiche Immobilien im nördlichen Landkreis an Firmen und ihre Mitarbeiter vermietet.

Grundsätzlich gehört zu den von Kaufland vorgegebenen Kontrollen durch Auditierungsfirmen auch die Überprüfung der Unterkünfte und der Miethöhe, wenn die Partner diese Leistung mit anbieten. Doch wie hoch darf die Miete dann sein? Genaue Kriterien oder absolute Obergrenzen gibt es offenbar nicht. Somit bleibt es eine Einzelfallentscheidung.