Glückliche Großfamilie gibt’s nicht für alle

Aus unterschiedlichen Gründen erleben Menschen Weihnachten im kleinen Kreis oder allein. Die Großfamilie existiert häufig nur in der Fantasie der Werbemacher.

Von unserer Redakteurin Heike Kinkopf

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Glückliche Großfamilie gibt’s nicht für alle
Alle Generationen unter einem Dach: Nicht nur, aber besonders zur Weihnachtszeit setzen Werbestrategen aus einem einfachen Grund auf das Bild vom harmonischen Zusammenleben aller. Foto: luckybusiness/Fotolia

TV-Werbespots zeigen zur Weihnachtszeit das Bild der Großfamilie. Vom Enkel bis zu den Großeltern sitzen alle Mann am opulent gedeckten Tisch. Die Imagefilmchen der Unternehmen "sind sehr emotional", sagt Mathis Grote von der Agentur Projekt X in Heilbronn. Einige Menschen in der Region sehen dem großen Fest weitaus nüchterner entgegen.

"Heiligabend bin ich mit meiner Mutter und meinem Vater allein", sagt Patrizio Wörner (22) aus Heilbronn. Am ersten und zweiten Feiertag wächst der kleine Familienkreis auf sechs Personen an. Freunde und Verwandte kommen. Sie sitzen zusammen, kochen, "aber nichts wahnsinnig Aufwendiges".

Unternehmen, vor allem aus dem Lebensmittelbereich, so Mathis Grote, verzichten in der Fernsehwerbung gern auf klassische Spots für ein bestimmtes Produkt. Stattdessen wird die Familie in Szene gesetzt. Alle Generationen erscheinen im Bild. Aus einfachem Grund, wie Grote erläutert. Händler wie Edeka, Rewe, Penny oder Lidl bieten Produkte für Kinder, Männer und Frauen jeden Alters − vom Überraschungsei bis zur Haftcreme. "Man muss die Zielgruppe angehen", so Grote. Mit der Großfamilie in einem Spot seien alle angesprochen.

Single

Zur Weihnachtszeit sind alle unter einem Dach vereint. Nicht so bei Michaela Hagmann (52) aus Lauffen. Sie weiß noch nicht, wie sie die Festtage verbringen wird. Vielleicht bei ihrer Schwester und den Kindern, vielleicht fährt sie spontan weg, vielleicht kocht sie sich etwas Leckeres, trinkt einen Wein und vertieft sich in die Bücher, die sich zu Hause stapeln. "Das Alleinsein an Weihnachten ist ein Tabu, es wird totgeschwiegen." Warum kaum einer gerne zugebe, dass er die Festtage ohne Familie verbringt, darüber könne sie nur spekulieren. "Vielleicht hat es mit Scham zu tun."

Michaela Hagmann verbindet mit Weihnachten Friede und Kinder, die ein Geschenk auspacken. Sie denkt jedoch auch daran, dass jemand den ganzen Tag in der Küche verbringt, womöglich morgens noch einkauft und Streit mit dem Partner hat. Sie erzählt vom Telefongespräch kürzlich mit einem Freund, der sagte: "Weihnachten − da muss ich Zeit mit Leuten verbringen, die ich nicht mag."

Zeit

Raluca Benedict (29) würde gerne viel Zeit mit den Menschen verbringen, die ihr am Herzen liegen. Früher, als sie ein Kind war, kamen Tanten, Cousinen, Nachbarn im Elternhaus zusammen. Viele positive Kindheitserinnerungen verbindet sie mit dem Fest. "Weihnachten ist ein großes Thema für mich." Anderen eine Freude machen, das eigene Glück mit anderen teilen. Es sei die Zeit, tiefere Gespräche zu führen. Was war? Wohin soll es gehen? Habe ich meine Ziele erreicht? "Selbstreflexion, die manchmal auch hart ist."

Raluca Benedict, die im Einzelhandel arbeitet, kommt immer wieder zum Schluss, "Familie und Gesundheit sind am wichtigsten". Umso mehr bedauert sie es, dass die Familie weit entfernt in Rumänien lebt. Die 29-Jährige lebt seit 2009 in Heilbronn, sie studierte hier, mit ihrem Mann hat sie sich ein Leben aufgebaut. Vergangenes Jahr seien ihre Eltern über Weihnachten zu Besuch gekommen. "Aber das können wir nicht jedes Jahr wiederholen." Mehr als 1000 Kilometer liegen zwischen ihnen. Das perfekte Familienidyll gibt es Benedict zufolge nicht, jeder entscheide selbst, was perfekt sei. Werbeclips mit Großfamilie sind für Patrizio Wörner auf jeden Fall nicht perfekt. "Ich finde das nicht so zeitgemäß, ich würde andere Spots machen."