Gerüchte über Asylbewerber halten sich hartnäckig

Region  Viele Geschichten über Straftaten von Flüchtlingen entwickeln bedenkliches Eigenleben − Ermittlungen wegen übler Nachrede.

Von unseren Redakteuren Y. Tscherwitschke und D. Stahl

Gerüchte über Asylbewerber halten sich hartnäckig
Im Fokus der Gerüchte über Asylbewerber in der Region stehen häufig Supermärkte. Belege für vermehrte Diebstähle gibt es aber nicht.Foto: dpa

 

 

Für Markus Ströhmann waren die Gerüchte nicht mehr auszuhalten. In Sulzfeld bei Eppingen bekam der Leiter eines Rewe-Markts immer wieder zu hören, Flüchtlinge würden in seinem Supermarkt stehlen. Bei einer Bürgersprechstunde im Gemeinderat stellte er vor zwei Wochen klar: "Es gibt keine Diebstähle." Trotzdem hielt sich das Gerücht sehr lange.

Belege fehlen

Geschichten über angebliche Straftaten von Asylbewerbern gibt es derzeit viele. Themen der Gerüchte: Asylbewerber vergewaltigen, Asylbewerber schlagen jemanden zusammen oder Asylbewerber stehlen.

Auch bei einer Anti-Asyl-Demo auf dem Öhringer Marktplatz waren am Samstag viele Behauptungen über Flüchtlinge in Umlauf. Für die meisten Geschichten gibt es aber keine Belege.

Anfang August wurde im Öhringer Limespark eine 17-Jährige bewusstlos aufgefunden. Seitdem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass sie von Flüchtlingen verletzt und vergewaltigt worden sei. Das Mädchen hatte die Täter bei der Polizei als zwei 20 und 25 Jahre alte Männer beschrieben. Beweise gebe es aber nicht, sagt Rainer Ott, Pressesprecher der Heilbronner Polizeidirektion. Die Ermittlungen hätten zu keinem Täter geführt. Auch von der angeblichen Vergewaltigung ist bei der Polizei nichts bekannt. Angezeigt wurde nur eine gefährliche Körperverletzung, sagt Ott.

Zuletzt hieß es in Heilbronn, dass Asylbewerber beim Wollhaus einen Mann totgeschlagen hätten. Die Polizei weiß davon nichts. Auch unter den schweren Körperverletzungen der vergangenen Monate fanden die Beamten keinen passenden Fall.

Wer die Aussagen der Polizei nicht glauben mag, hilft sich oft mit Totschlagargumenten. Immer wieder erreicht unsere Redaktion die Behauptung, die Polizei würde entsprechende Ermittlungen aus Angst vor Aufständen nicht öffentlich machen. Dem widerspricht Pressesprecher Ott. Das Polizeipräsidium berichte über Straftaten von Asylbewerbern wie in allen anderen Fällen.

Ängste schüren

Doch offenbar verbreiten manche Menschen gezielt Gerüchte. Simone Rafael arbeitet bei Netz gegen Nazis, einer Initiative, die auch von der Bundesliga und dem Olympischen Sportbund unterstützt wird. Rafael befasst sich oft mit solchen Gerüchten. "Fast alles, was wir kennen, entbehrt jeder Grundlage", sagt sie. "Das heißt aber nicht, dass es solche Fälle nicht doch geben kann." Falsche Geschichten über Asylbewerber würden oft gezielt verbreitet, "um im lokalen Kontext Ängste zu streuen".

Möglicherweise war das auch bei einem Anruf so, der vor kurzem unsere Redaktion erreichte. In Aglasterhausen hätten Flüchtlinge "den ganzen Aldi leergeräumt", teilte der Anrufer mit. Eine Aldi-Sprecherin wunderte sich: "Vorfälle über vermehrt auftretende Diebstähle oder einen Raub in unserer Filiale in Aglasterhausen können wir nicht bestätigen." Auch ein Edeka-Sprecher weiß nichts von vermehrten Diebstählen um Sinsheim oder Eppingen. Die Polizei teilt mit: Gerüchte von leergeräumten Supermärkten konnten "nicht belegt werden".

Nicht alle Berichte über Straftaten von Asylbewerbern sind Gerüchte. Knapp 2000 Ermittlungen führten Polizisten in Baden-Württemberg laut Innenministerium zwischen August 2014 und August 2015 in und um Erstaufnahmeeinrichtungen.

Prozess

Auch in der Region werde die Polizei verstärkt zu Asylbewerberheimen gerufen, sagt Pressesprecher Ott. Dort müssten die Beamten häufig Konflikte schlichten, die entstehen, wenn viele Menschen auf wenig Raum leben. Auch einfache Diebstähle und Körperverletzungen kämen häufiger vor. Derzeit stehen außerdem zwei Georgier wegen schweren Bandendiebstahls vor dem Landgericht. Von einer Asylunterkunft in Öhringen aus sollen sie 20 Taten begangen haben.

Vor Gericht können aber auch Menschen landen, die Gerüchte verbreiten. Die Heidelberger Polizei ermittelt gegen eine Frau wegen des Verdachts der üblen Nachrede und des Vortäuschens einer Straftat. Die Frau soll gezielt verbreitet haben, dass Bewohner einer Heidelberger Asyl-Einrichtung ein Pferd gestohlen und geschlachtet hätten. Das ist nach Erkenntnissen der Polizei jedoch frei erfunden.