Ein Tag, der die Republik veränderte

Heilbronn  Am heutigen Sonntag jährt sich das Pershing-Unglück auf der Waldheide vom 11. Januar 1985 zum 30. Mal. Soldaten kamen ums Leben, nur wenige hundert Meter entfernt lagerten Atomsprengköpfe.

Von unserem Redakteur Manfred Stockburger

Ein Tag, der die Republik veränderte
Nach dem Unfall riegelten amerikanische Soldaten den Raketenstützpunkt auf der Waldheide hermetisch ab.Foto: Archiv/Eisenmenger

 

Es war ein trüber Wintertag. Kalt und ungemütlich. In der Schule hatte gerade der Nachmittagsunterricht begonnen, als die Ruhe jäh gestört wurde. Feuerwehrautos und Krankenwagen rasten mit Karacho durch die Moltkestraße − das ging damals noch − gen Waldheide, über der eine schwarze Rauchwolke schwebte. Was war los auf dem Atomraketenstützpunkt? Am Sonntag jährt sich der Unfall vom 11. Januar 1985 zum 30. Mal, der die Waldheide oder Fort Redleg, wie die Amerikaner ihren Stützpunkt nannten, in den Fokus der Weltpolitik rückte.

Der Elftklässler von damals erinnert sich noch gut an die Beklemmung, die sich breitmachte. In der ganzen Stadt und darüber hinaus. Erhard Jöst, damals Deutschlehrer am Heilbronner Theodor-Heuss-Gymnasium, und Werner Winter vom Friedensbüro haben zum Jahrestag aus Archivmaterialien einen Film zusammengestellt, der bei einer Gedenkveranstaltung am Sonntag im Heilbronner Gewerkschaftshaus gezeigt wird. "Wir wollen die Erinnerung nicht nur den anderen überlassen", sagt der Ruheständler Jöst. Die amerikanischen Veteranenorganisationen organisieren ihre eigene Veranstaltung am Gedenkstein auf der Waldheide.

In den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gelangte Heilbronn vor 30 Jahren nicht in erster Linie, weil damals drei amerikanische Soldaten ums Leben kamen, sondern weil sich die Stationierung der amerikanischen Pershing II-Mittelstreckenraketen auf der Lichtung im Wald oberhalb des Heilbronner Stadtgebiets nicht mehr leugnen ließ − Raketengeneral Raymond Haddock bekannte bei einer Pressekonferenz am Abend des Unglückstags Farbe. Über die Ursache konnte auch er nichts sagen, lediglich, dass es einen derartigen Unfall noch nicht gegeben habe. Als Verteidigungsminister Manfred Wörner später von "Attrappen" sprach, mit denen die Truppen geübt hätten und davon, dass zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Bevölkerung bestanden habe, nahm ihn niemand mehr ernst.

 

 

Die tödliche Explosion nur wenige hundert Meter entfernt von den Atomsprengköpfen brachte in der heißen Phase des Kalten Kriegs der Friedensbewegung kräftigen Rückenwind: Am 24. Januar 1985 votierte der Heilbronner Gemeinderat einstimmig für die "unverzügliche Beseitigung des Raketenstandorts" − bis dahin hatte die CDU die im Nato-Doppelbeschluss angedrohte Stationierung der Massenvernichtungswaffen vehement verteidigt. Im Dezember 1983 hatte Oberbürgermeister Manfred Weinmann, in Heilbronn versammelten Schriftstellern um Günter Grass, Robert Jungk und Luise Rinser noch empfohlen, sie sollten die Atomraketen auf der Waldheide vergessen und sich lieber "einen Trollinger hinter die Binde gießen", was zu einem Eklat geführt hatte. Raymond Haddock würdigte Weinmann später als einen Mann, der eine große Hilfe gewesen sei in dieser herausfordernden Zeit. Jetzt wurde die Stadtverwaltung vom Gemeinderat beauftragt, für die Räumung der Waldheide zu sorgen, weil Ballungsräume als Standort für Atomraketen ungeeignet seien.

War bis zum 11. Januar 1985 beim Thema Rüstung noch ein tiefer Riss durch Schulen, Kirchen und die gesamte Heilbronner Gesellschaft gegangen, schlossen sich am 2. Februar 1985 bei strömendem Regen 10 000 Menschen einem Schweigemarsch auf die Waldheide an. Im April 1985 demonstrierten beim Ostermarsch 15 000 Menschen gegen die Atomwaffen. Immer wieder wurde die Waldheide blockiert, auch Juristen, Geistliche und Politiker beteiligten sich an den Blockaden der Zufahrtswege. Die Amerikaner reagierten auf die Demonstrationen und Blockaden in erster Linie mit dem Bau weiterer Sicherheitszäune und Sichtblenden um den Raketenstützpunkt auf der Waldheide. 55 Millionen Mark investierte das Militär dafür. Und die Pershing-Raketen bekamen später einen neuen, antistatischen Anstrich.

 

 

Gewissheit, was tatsächlich passiert ist an dem Tag, brachte erst Monate später der Untersuchungsbericht, der die Details der Katastrophe minutiös auflistet, etwa dass der Feuerball 3316 Grad heiß war und dass er durch eine elektrostatische Entladung im Raketentreibstoff ausgelöst wurde. Zwei Soldaten, die die Rakete aus ihren Einzelteilen zusammensetzen sollten, waren sofort tot, ein dritter starb wenig später. Das "ungefähr um 14 Uhr" von Raymond Haddock wurde präzisiert auf 13.53 Uhr. Der Atomsprengkopf war zum Zeitpunkt des Unglücks noch nicht auf der Rakete montiert − glücklicherweise.

War es die atomare Abschreckungsstrategie, die Michail Gorbatschow und die Sowjetunion am Ende in die Knie gezwungenen hat? Im Dezember 1987 unterzeichneten Gorbatschow und US-Präsident Ronald Reagan jedenfalls den INF-Vertrag, in dem beide Seiten den Abzug und die Vernichtung der nuklearen Mittelstreckenraketen vereinbarten − also Pershing II und SS 20. Am 1. September 1988 wurden die ersten neun Pershing II-Raketen abgezogen, die letzte verließ die Waldheide im April 1990.

 

 

Atomwaffen gibt es aber weiterhin − auch in Deutschland, wie Roland Blach betont, der am Sonntag auf Einladung der Friedensbewegung in Heilbronn spricht. In Büchel in der Eifel lagern amerikanische Atombomben, die vom INF-Vertrag nicht erfasst wurden. In den USA, aber auch in Großbritannien steht die Modernisierung der Atomwaffenarsenale auf der politischen Tagesordnung.

Die Army schickt am Sonntag First Sergeant Amador Aguillen aus Stuttgart zur Gedenkveranstaltung auf die Waldheide, er wird begleitet von einer Ehrengarde aus einem halben Dutzend Soldaten in Ausgehuniform. Zu Gedenken werden sie auf der Waldheide einmal mehr die amerikanische Flagge hissen.