Ein Koloss wächst auf 164 Meter

Windkraft  Die Windräder im Harthäuser Wald sind Zeugnis moderner Ingenieurskunst. Das gilt aber auch für die Technik, die beim Aufbau der Giganten zum Einsatz kommt.

Von Reto Bosch

Ein Koloss wächst auf 164 Meter
Der Turmdrehkran wird an den Windrad-Masten befestigt. Das verleiht ihm Stabilität auch bei stärkerem Wind. Foto: Manuel Maier

Der Windanlagenbauer Enercon setzt in der Nähe des Widderner Seehauses derzeit einen Turmdrehkran ein, von dem es weltweit nur drei Exemplare gibt. Sein großes Plus: Er kann ohne Hilfe wachsen und benötigt vergleichsweise wenig Fläche.

Raupenkräne mit ihren verspannten Auslegern sind im Harthäuser Wald schon zum vertrauten Anblick geworden. Sie können schwere Lasten heben, sind beweglich. Ihr großer Nachteil: Die Monteure setzen die Ausleger am Boden zusammen, dann richten sie das Arbeitsgerät auf. Dafür ist eine große Fläche notwendig. Zwischen Seehaus und Kaufland thront nun ein Kran, der diese Fläche eben nicht benötigt.

Eine Hydraulikvorrichtung hebt den oberen Teil des Kranes an

Die Firma Liebherr hat diesen so konstruiert, dass er vertikal in die Höhe wachsen kann. "Für die ersten 39 Meter braucht er einen Hilfskran, dann kann er sich selbst erweitern", erklärt Projektleiter Florian Schütz vom Windparkbetreiber Zeag. Der Abstand dieses Windrads zur Straße reicht nicht aus, einen Raupenkran aufzubauen: 180 Meter sind nötig. Die Zeag stand also vor der Wahl, entweder neue Technik einsetzen zu lassen oder den Standort der Windkraftanlage weiter in den Wald hineinzurücken. "Das wollten wir nicht, dort stehen wertvolle Altholzbestände", sagt Harald Endreß, Geschäftsführer der Zeag Erneuerbare Energien GmbH.

Eine Hydraulikvorrichtung hebt den oberen Teil des Kranes an, von der Seite wird ein weiteres Gittermast-Segment eingezogen. Zwei verschiedene Modullängen stehen zur Verfügung: 2,90 und 5,80 Meter. Ein Kranfahrer und fünf Monteure übernehmen diesen Job. Die Männer sind zwar gesichert, turnen aber in schwindelerregender Höhe herum. Doch was für den Beobachter spektakulär aussieht, ist für die Fachleute Routine. Auf einen Vertrag im Fitnessstudio können die Enercon-Männer im Übrigen verzichten. Rund 20 Minuten dauert es, bis sie die Leitern vom Boden bis nach oben geschafft haben.

Der Begriff "oben" ist im Fall des Turmdrehkrans relativ. Im Harthäuser Wald baumelt der Haken maximal auf 164 Metern. Wenn nötig, könnte das Ungetüm noch weiter wachsen. Möglich ist das auch, weil der Kran mit dem Mast des Windrads verbunden ist. Das schafft Stabilität. Wind setzt dem Turmdrehkran weniger zu als dem Artgenossen auf Raupen, er kann bei Windgeschwindigkeiten bis zu 65 Kilometer pro Stunde in Betrieb bleiben. 125 Tonnen hebt der weithin sichtbare Koloss. "Wir können präziser und schneller arbeiten", sagt Enercon-Mann Alexander Göttinger. Auch, weil der Kranführer von seiner Kabine aus eine optimale Sicht hat und nicht auf eine Kamera angewiesen ist.

Acht Wochen Aufbau

Alexander Göttinger rechnet damit, dass der Aufbau dieses Windrads insgesamt etwa acht Wochen in Anspruch nimmt. Mit den herkömmlichen Raupenkränen können es rund zwölf Wochen sein. "Wir haben hier aber auch ein eingespieltes Team und gute Bedingungen", meint Göttinger. Und was kostet ein Turmdrehkran? "Der Einsatz schlägt mit 10 000 bis 15 000 Euro pro Tag zu Buche", sagt Florian Schütz.

Wenig Platz Liebherr hat den Turmdrehkran für Standorte entwickelt, an denen wenig Platz zur Verfügung steht. So sind zum Beispiel Rotoren auf Höhenzügen im Schwarzwald mit diesen Anlagen gebaut worden. Egal wo die Neuentwicklung zum Einsatz kommt: Die Stelle muss gut erreichbar sein. Die Elemente des Krans verteilen sich auf 50 Lastzüge. Der Harthäuser Wald liegt in dieser Hinsicht optimal. "Die Transporte müssen keine Ortschaft passieren", sagt Harald Endreß.


Strom für 38 000 Haushalte

Der Windpark im Harthäuser Wald soll bis Herbst mit 18 Anlagen komplett sein.

Strom für 38 000 Haushalte
In Löwenstein kam ein konventioneller Raupenkran zum Einsatz. Sein Ausleger musste auf dem Boden montiert und anschließend aufgerichtet werden. Dafür braucht es Platz.Foto: Archiv/Sawatzki

Im Harthäuser Wald sollen sich bis zum Herbst 18 Windräder drehen. Harald Endreß, Geschäftsführer der Zeag Erneuerbare Energien GmbH, ist zuversichtlich, dass der Zeitplan hält. Mit der Leistung der 14 bestehenden Anlagen ist Endreß inzwischen zufrieden. Und: Die Kritik aus den Reihen der Schutzgemeinschaft Harthäuser Wald habe abgenommen.

Im vergangenen Jahr haben die 14 Rotoren weniger Strom produziert als die Zeag ursprünglich kalkuliert hatte. Der Wind hielt sich zurück (wir berichteten). Mit dem bisherigen Verlauf des Jahres 2017 ist Harald Endreß aber einverstanden. Die Anlagen hätten einen guten technischen Stand erreicht, die Verfügbarkeiten lägen bei mehr als 98 Prozent. "Die Kinderkrankheiten sind überwunden." Insgesamt fließen nach Zeag-Angaben in die 18 Windkraftanlagen im Harthäuser Wald rund 90 Millionen Euro. 115 Millionen Kilowattstunden Strom sollen die 18 Anlagen erzeugen. Genug Strom, um laut Endreß 38 000 Haushalte zu versorgen.

Schutzgemeinschaft beklagt Eingriff in Ökosystem Wald

Die Schutzgemeinschaft Harthäuser Wald hatte sich energisch gegen die Windkraftpläne gewehrt, beklagt den Eingriff in das Ökosystem Wald. Vögel und Fledermäuse würden gefährdet, zudem zweifeln die Windkraftgegner die Wirtschaftlichkeit dieser Form der Energieerzeugung an. Nach Ansicht des Zeag-Geschäftsführers ist die Akzeptanz gewachsen. "Es gibt nicht mehr so viele Menschen, die das kritisch sehen. Wahrscheinlich auch durch das eigene Erleben hier." Strittige Punkte gebe es im Moment nicht. Vor einiger Zeit waren tote Vögel und Fledermäuse unter Windrädern gefunden worden. Ist das noch ein Thema? "In diesem Jahr hatten wir bis jetzt keine Funde mehr. Die Fledermaus-Schutzanlage scheint zu funktionieren, es läuft alles rund."

Bürger haben die Möglichkeit, sich an den Windkraftanlagen zu beteiligen. Die Zeag hat von Anfang an erklärt, dass sich bestehende oder noch zu gründende Bürgerenergiegenossenschaften an der jeweiligen Betreibergesellschaft beteiligen dürfen. Solche Betreibergesellschaften gibt es in Hardthausen, Möckmühl, Widdern, Jagsthausen und Forchtenberg. Bürgerenergiegenossenschaften (BEG) gibt es inzwischen für alle beteiligten Kommunen. Die älteste sitzt in in Hardthausen. Diese strebt zusammen mit der Gemeinde Hardthausen eine Beteiligung von 25,1 Prozent an, um sich das volle Mitspracherecht zu sichern. Die Zeag tritt als Investor auf und trägt die unternehmerische Verantwortung für den Betrieb der Anlagen.