Die Angst der Väter, ihr Kind zu verlieren

Heilbronn  Männer wollen am Leben ihrer Söhne und Töchter teilhaben, auch wenn Mütter ihnen mitunter Steine in den Weg legen. In Heilbronn soll eine Ortsgruppe des Vereins "Väteraufbruch für Kinder" entstehen.

Von Heike Kinkopf

Geht die Partnerschaft in die Brüche, beginnt der Kampf ums Kind. Es lebt häufig bei der Mutter. Wie es Vätern geht, die Angst haben, den Sohn oder die Tochter zu verlieren, weiß Reinhard Rode. Der Heilbronner engagiert sich als Coach im bundesweit tätigen Verein „Väteraufbruch für Kinder“. In Heilbronn soll, so das langfristige Ziel, eine Ortsgruppe entstehen.

Reinhard Rode kennt sie. Die Geschichten von Vätern, die nach der Trennung von der Partnerin ihr Kind kaum sehen. Da steht beispielsweise ein Mann wie vereinbart vorm Kindergarten, um den Sohn abzuholen, und der Junge ist gar nicht da. Oder die Tochter ist immer am Besuchstag des Vaters krank. Oder sie darf nicht mit, weil dieser vermeintlich den falschen Kindersitz im Auto hat. 
Trennungsväter befürchten, aus dem Leben ihrer Kinder zu verschwinden. Sie haben Angst, dass der Fünfjährige irgendwann sagt, „nein, ich mag nicht zu Papa“. Sie vermissen den Alltag mit ihrem Kind. Betroffene Väter sind zudem im Kampfmodus. Mutter, Jugendamt, Richter, Gesetzgeber – das sind die ausgemachten Feinde. 

Wie sich das anfühlt, weiß der Heilbronner Rode aus eigener Erfahrung. Der 50-Jährige ist Vater von zwei Söhnen, der eine ist erwachsen, der andere noch ein Kind. Mit den beiden Müttern ist Rode im Reinen. Heute. Das war nicht immer so. Er und die Mutter des ersten Kindes verständigen sich von Anfang an über Besuchszeiten und Erziehung des Jungen. Ein Jugendamt oder Gericht brauchen sie dazu nicht. Rode weiß, „wie es sich anfühlt, wenn beide Elternteile sich ums Kind kümmern und es funktioniert“. Mit der Mutter des zweiten Kindes läuft es Rode zufolge anders. Kurz nach der Geburt wird das Paar „Stammkunde“ in Eheberatungsstellen. Dann verlässt die Frau ihn. Den Jungen nimmt sie mit. 

Jede Minute des Umgangs wird erstritten

„Jede Minute des Umgangs wurde erstritten“, erzählt Rode. Erster Tagesbesuch, erste Übernachtung, erstes Wochenende, erster gemeinsamer Urlaub – etliche Gerichtsverfahren bringt Rode zwischen 2006 und 2014 hinter sich. Viele unschöne Momente prägen die jahrelangen Streitereien zwischen den Eltern. Immer mittendrin: der Kleine.

Der Zoff zwischen Vätern und Müttern um Sorge- und Umgangsrecht oder um den Unterhalt hinterlässt Spuren – vor allem bei den Kindern. „Jeder Konflikt zwischen Eltern belastet ein Kind“, sagt Beate Stahl, Leiterin des Jugendamts im Landratsamt Heilbronn. Zumal Kinder „unglaubliche Antennen“ haben. Der Streit zwischen Eltern stürzt Kinder in einen inneren Konflikt, sie sind hin- und hergerissen zwischen Mutter und Vater. Meist verhielten sich Kinder dann loyal gegenüber dem Elternteil, bei dem sie wohnen, so Stahl.

Reinhard Rode und seine einstige Partnerin haben es geschafft, ihre Konflikte zu überbrücken. „Der Schlüssel war: Wir haben uns versöhnt“, sagt der 50-Jährige. Er rät Vätern bei Konflikten, nicht auf die Mutter verbal einzuhauen, „sondern sehen, was sie jeden Tag für das Kind macht und diese Arbeit und Leistungen wertschätzen“.

Wenn Eltern streiten, wer das Kind wann und wie lange sehen darf, sind sie meist noch als streitendes Ehepaar unterwegs und nicht als sorgende Eltern, meint Beate Stahl. Das Jugendamt werde derartige Paarkonflikte  auch nicht lösen. „Wir beraten zukunftsorientiert und gucken, dass es dem Kind gut geht.“

Väter ins Licht rücken

Der „Väteraufbruch“-Verein mit Sitz in Frankfurt rückt die Väter ins Licht. Er will emotionalen Rückhalt und rechtliche Beratung geben sowie Tipps, wie Väter Konflikte mit der Mutter lösen. Im Vordergrund steht jedoch immer die Beziehung zu Sohn und Tochter. „Es geht darum, sich auf die eigenen Aufgaben zu konzentrieren“, sagt Rode. Wie machen wir Hausaufgaben? Wann kochen wir? „Man sollte sich selbst zurücknehmen und sich ums Kind kümmern und darauf vertrauen, dass andere sehen, was man macht“, rät Rode mit Blick auf Jugendamt und Justiz.

Das Familiengericht Heilbronn registriert 505 Sorgerechtsverfahren und 197 Umgangsrechtsverfahren im vergangenen Jahr. Um den Kindesunterhalt geht es in 457 Verfahren. „Wer Antragsteller ist, lässt sich aus der Statistik nicht herauslesen. Allerdings kann man sagen, dass Umgangsrechtsverfahren meist von den Vätern beantragt werden, da doch in der weit überwiegenden Zahl der Fälle die Kinder bei der Mutter leben“, teilt Richterin Susanne Rumler mit.

„Wir dürfen nicht ohne Rechte dastehen“, sagt Rode. In Heilbronn unterstützt er die Initiative „Papa auch“. „Wir haben unseren Kindern etwas zu bieten. Und Kinder lieben ihre Väter.“ So wie Rode möchten auch andere am Leben ihrer Söhne und Töchter teilhaben und nicht auf die Rolle des Zahlvaters reduziert werden. Eine Möglichkeit dazu bietet das Wechselmodell, bei dem die Kinder abwechselnd bei Mutter und Vater wohnen. Sie sollen bei beiden zu Hause sein.