Das Summen und Brummen in Willsbach geht weiter

Obersulm  Die einen hören ihn, die anderen nicht. Ein mysteriöser Ton beschäftigt seit Monaten Menschen in Obersulm-Willsbach. Das Landratsamt schaltet ein Telefon für Hinweise. Wo summt und brummt es? Wann und wie lange? Experten kennen das. Sie nennen es Brummton-Phänomen.

Von Heike Kinkopf

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Rund 15 Menschen melden sich im Landratsamt Heilbronn. Sie geben an, um wie viel Uhr sie den Ton hören, sie versuchen ihn zu beschreiben. „Er sei lang anhaltend“, sagt Manfred Körner, Sprecher des Landratsamtes. Das Summen beziehungsweise Brummen sei aufsteigend und abfallend. Es sei nachts zu hören und tagsüber. „Der Ton ist nicht zuzuordnen“, fasst Körner die Hinweise ein, die bislang im Landratsamt eingegangen sind.

Anrufer melden sich mit Namen, andere bleiben anonym. Sie wohnen in Willsbach. Sie leben aber auch außerhalb. „Aus Weiler, sogar aus Möckmühl haben wir Hinweise“, nennt Körner die Bandbreite der Tippgeber. Nicht wenige stellen Vermutungen an, was den unerklärlichen Ton verursacht: Sind es die Windräder von Löwenstein? Was ist mit dem Bergbau in Heilbronn? Oder liegt es an Sendemasten für Mobilfunk? Ein anderer wiederum vermutet, dass „Metall im Körper“, etwa durch Schrauben nach einer Beinbruch-Operation, auf Strahlungen von Fernsehantennen reagiere und das Summen hervorrufe. Es klingt verrückt.

Anwohner sprechen von einer Plage

Das Lachen ist Betroffenen in Willsbach vergangen. Einige Bewohner geben an, dass sie das Geräusch seit mehr als einem Jahr plagt. Das Summen und Brummen geht ihnen auf den Geist. Der Ton raubt ihnen den Schlaf. „Ich bin schon nachts aufgewacht und dachte, jetzt piept’s schon wieder“, erzählen Bürger der Heilbronner Stimme.

Vor allem die Firma Multi Packaging Solutions gerät ins Visier. Der Verdacht gegen das Unternehmen scheint sich nach bisherigen Erkenntnissen aber offenbar nicht zu bestätigen, heißt es im Landratsamt.

Die Willsbacher stehen mit dem unerklärlichen Ton nicht allein da. „Das Brummton-Phänomen gibt es deutschlandweit“, erklärt Diplom-Ingenieur Christian Eulitz von Möhler und Partner Ingenieure. Das Unternehmen mit Sitz in München legt einen Schwerpunkt auf Schallschutz und Bauphysik. Für das Umweltbundesamt ist der Leitfaden „Tieffrequente Geräusche im Wohnumfeld“ entstanden.

Beschwerden über Töne nehmen stark zu

Kurz gesagt: Es geht um Technologien, die in der Umgebung in den verschiedensten Geräten und Anlagen vorhanden sind. Dazu gehören mechanisch bewegte Teile, größere schwingfähige oder rotierende Massen, Elektromotoren und Trafos, Ventilatoren und Pumpen. Eines steht für Christian Eulitz fest: Die Anzahl und Diversifikation der Geräte steigt – und mit ihnen die Klagen. Das zeigt eine Untersuchung aller Beschwerdefälle seit 1991. „Ihre Anzahl hat sich seit dem verzehnfacht“, sagt Eulitz.

In einer Studie hat das Ingenieursbüro 2014 alle Klagen von Menschen in Deutschland untersucht. Das Brummton-Phänomen tritt demnach häufiger in Süd- und Westdeutschland auf. Im Osten der Republik so gut wie gar nicht. „Es hat aber nichts mit Ballungsräumen zu tun“, sagt Eulitz. Wichtig wird in Zukunft sein, herauszufinden, welche Quelle denn nun brummt.

Messungen sollen Quelle eingrenzen

Zurück nach Willsbach. „Was wir auf jeden Fall brauchen, ist eine objektive Feststellung eines wissenschaftlichen Werts“, formuliert es Eulitz. Sonst bleibe der Ton unbestimmt. Denkbar seien Überwachungsmessungen. Dann habe man einen Anhaltspunkt. Zusätzlich könnten Fragebogen an die Haushalte verteilt werden, in denen Bürger ihre Wahrnehmungen festhalten. Dann, so Eulitz, lässt sich methodisch eingrenzen, womit man es in einem bestimmten Umkreis zu tun hat.

Eines gibt Christian Eulitz zu bedenken. Selbst wenn die Ursache des Geräusches herausgefunden wird. „ist es gut möglich, dass es zulässig ist“. Beispielsweise weil der Ton keine erlaubten Werte überschreitet. „Wenn der Umgebungslärm sehr gering ist, dann wird eine Einzelquelle umso lauter wahrgenommen“, sagt der Ingenieur und nennt ein Beispiel. Heutzutage störe mancherorts plötzlich das Läuten der Kirchenglocken, weil es das einzige verbliebene laute Geräusch ist.

Im Landratsamt Heilbronn hofft man derweil auf weitere Hinweise von Bürgern, um dem Summen in Willsbach auf den Grund zu gehen. Das Telefon mit der Nummer 07131 994380 beim Amt für Bauen, Umwelt und Nahverkehr bleibt vorerst geschaltet.

 

TV-Dokumentation

Der Fernsehsender ZDF kündigt einen Beitrag über das Summen in Willsbach an. Für das Format „Terra Xpress“ begibt sich die Produktionsfirma zurzeit auf Recherche. Betroffene Bürger sollen zu Wort kommen sowie Vertreter vom Rathaus in Obersulm und vom Landratsamt.