Als Tausende mit seltsamen Brillen gen Himmel sahen

Region  Heute vor 15 Jahren erlebte die Region die totale Sonnenfinsternis: Vögel verstummen, Menschen raunen, und in Stuttgart regnet es

Von unserer Redakteurin Franziska Feinäugle

 

 

 

Sie sind wie Puzzleteilchen, die Erinnerungen an die totale Sonnenfinsternis heute vor 15 Jahren. Jeder weiß ein oder zwei Puzzleteilchen und hat andere schon wieder vergessen, aber im kollektiven Gedächtnis der Region ist die Sonnenfinsternis für immer fest verankert − möglicherweise sogar unter der Abkürzung "Sofi", wie sie damals liebevoll genannt wurde.

Ungutes Gefühl

Eine 59-jährige Heilbronnerin erinnert sich an "ein ungutes Gefühl", das in ihr aufstieg, als am 11. August 1999 um 12.33 Uhr eineinhalb Minuten lang der Mond die Sonne komplett verdeckte. Mit zugekniffenen Augen blinzelte sie in der Heilbronner Innenstadt vorsichtig hinauf zu dem astronomischen Schauspiel. "Ich hatte mich nämlich geweigert, mir so eine Brille zu kaufen", weiß die Heilbronnerin noch. Warum, weiß sie nicht mehr. Ihre Augen haben jedenfalls keinen Schaden genommen, kann man aus heutiger Sicht sagen.

Interessanterweise sehen die meisten Menschen, die das Jahrhundertereignis in der Region miterlebt haben, in ihrer Erinnerung gar nicht zuerst die verfinsterte Sonne mit ihrem Strahlenkranz vor ihrem inneren Auge aufsteigen. Sondern? "Die Brillen!"
 
 
 

 

 

 

Diese unvergesslichen Pappbrillen mit den Schutzfolienbrillengläsern, ohne die man auf gar keinen Fall in die Sonne sehen durfte. "Der Markt ist leergefegt", hieß es schon eine Woche vor der Sonnenfinsternis in einer Zeitungsmeldung, "es können auch keine Brillen mehr nachbestellt werden." Allein über die Heilbronner Stimme waren 20.000 Stück verkauft worden.

Wo diese Brillen heute wohl alle sind? "Ganz hinten in einem Schublädle in meinem Schreibtisch", sagt eine Zeitzeugin aus Ingelfingen, die die Sofi damals in Heilbronn erlebt hat. "Ich weiß gar nicht, ob ich die Brille nochmal brauche."

Kommt drauf an. Wer die nächste totale Sonnenfinsternis in unseren Gefilden erleben will, muss sich noch bis zum Jahr 2081 gedulden.

Schlafende Hunde

Und dann großes Glück haben. Denn in Stuttgart regnet es, als heute vor 15 Jahren die versammelten Himmelsgucker im Raum Heilbronn fast überall freien Blick auf das Schauspiel haben.

Richtig Nacht wurde es übrigens nicht, es war eher, "als wäre in allen Richtungen gleichzeitig Abendhimmel", beschreibt es eine Augenzeugin. Sterne gehen auf. Die Vögel verstummen. Im Heilbronner Tierheim legen sich die Hunde schlafen. Die Menschen schwanken zwischen stillem Staunen, Jubel, Raunen. Einige klatschen Beifall.

Und in kleinen Landgemeinden passiert, was in Heilbronn gerade noch rechtzeitig unterbunden wurde: Die Straßenlampen gehen an.