Als Frechheit siegte

Der frühere Audi-Chefplaner Werner Wieland betrieb Standortsicherung auf seine Weise − Heute wird er 85

Als Frechheit siegte

"Kommen Sie mal mit. Ich zeig’ Ihnen, was wir hier machen und Sie noch nicht können."

Werner Wieland

Neckarsulm - Das Porträt

Von unserem Redakteur Christian Gleichauf

Werner Wieland hat eine Karriere hinter sich, wie sie heute kaum noch möglich wäre. Mit 14 Jahren begann er 1943 als Blechschlosserlehrling bei der NSU. Mit 66 Jahren verabschiedete er sich 1994 als Audi-Chefplaner für die Werke Ingolstadt und Neckarsulm in den Ruhestand. Zu seinem 85. Geburtstag blickt er gemeinsam mit Gefährten zurück auf Weggabelungen, die die Zukunft des Werks entscheidend beeinflusst haben.

Über die "freche Gosch" des Lehrlings Wieland hatte sich schon sein Obermeister gewundert, als er bei der Gesellenprüfung zum Blechschlosser den Prüfer darüber aufklärte, dass sein Werkstück doch gelungener war als das eines besser bewerteten Mitprüflings. Das Entscheidende: Der Prüfer ließ sich überzeugen, dass Wieland mit seiner Selbsteinschätzung nicht falsch lag. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Wieland forsch seine Meinung kundtat. Wer ihn heute trifft, traut dem freundlichen Herrn kaum zu, wenn er sagt: "Wer Streit wollte, konnte ihn haben."

Aufstieg Frühzeitig setzte er seinen Kopf durch. Nach der Weiterbildung zum Werkzeugmacher und der Meisterprüfung 1958 ging es steil bergauf. Als Assistent des Werkzeugbau-Leiters veranlasste er, was man heute neudeutsch als Insourcing bezeichnet. Schon damals hatte die NSU viele Aufträge an Zulieferer vergeben. "Wir selbst haben nur noch den Kruscht gemacht", sagt Wieland. Er sorgte dafür, dass auch größere Formteile für die riesigen Pressen wieder im Werk hergestellt wurden − und wurde mit 36 Jahren zum Leiter des Werkzeugbaus. Fünf Jahre später, 1969, wurde er Planungsleiter und sollte auf dieser Position 25 Jahre lang die Entwicklung des Werks mitbestimmen.

In dieser Position kam es auch zu einer folgenschweren Begegnung. In den Diskussionen um die Schließung des Standorts Neckarsulm im Jahr 1975, die im "Marsch auf Heilbronn" gipfelten, schauten sich die VW-Verantwortlichen aus Wolfsburg das Werk an. Man nannte Neckarsulm zu jener Zeit im Konzern spöttisch "Vereinigte Hüttenwerke", weil zahlreiche Hallen noch aus der Vorkriegszeit stammten. Beim Blick in den Werkzeugbau habe der damalige VW-Chef Toni Schmücker gesagt: "Den kann man auch zumachen." Daraufhin entgegnete Wieland: "Kommen Sie mal mit. Ich zeig’ Ihnen, was wir hier machen und Sie noch nicht können." Die Reaktion anschließend war eindeutig. "Eigentlich sollten wir Sie in Wolfsburg haben", habe Schmücker gesagt. Am Ende blieb nicht nur der Standort insgesamt verschont, auch zentrale Bereiche blieben erhalten. Und Wieland blieb in Neckarsulm.

Arbeit gesichert Wieland hat im Lauf der Jahre mehrere Angebote abgelehnt. "Für mich ging es immer nur um das Werk." Auch, als er sich wenig später bei VW dafür einsetzen durfte, dass der Porsche 924 in Neckarsulm gebaut wird. "Wir übernehmen den 924, sonst macht ihr den auch noch kaputt", schmetterte er den VW-Verantwortlichen in Salzgitter entgegen. Es schadete nicht. Der 924 kam nach Neckarsulm und sicherte hunderte Arbeitsplätze.

Er hätte mit den Leuten nie so umgehen können, wenn er nicht gewusst hätte, wovon er spricht", sagt Klaus Gugisch (72), der unter Wieland in der Planung gearbeitet hat. Uwe Feyrer (68), ebenfalls ehemaliger Werksplaner, merkt an: "Er hat sich mit den Oberen angelegt und nicht nach unten geschlagen."

Rückendeckung Das sprach sich herum. Selbst bei Ferdinand Piëch hatte die Meinung Wielands Gewicht. So kommt es nicht von ungefähr, dass sich der heutige VW-Aufsichtsratschef in den 80ern für Neckarsulm stark machte, als er einen Standort für den Aluminium-Leichtbau suchte. Hier durfte Wieland noch die Weichen stellen.

Ein Wermutstropfen bleibt. Der von Wieland weiterentwickelte Wankelmotor, der statt aus Gussteilen aus Blech gebaut werden sollte, schaffte es nicht bis in die Serienproduktion. Der Wankel wurde aufgegeben. Eines der wenigen produzierten Exemplare hütet Wieland in seinem Keller in Obereisesheim.