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Kinder mit unsichtbarer Behinderung

Region Heilbronn - Leider nur heute, am Tag des alkoholkranken Kindes, sorgt die erschreckende Statistik für Schlagzeilen. In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 10.000 Kinder geboren, ohne die Chance auf ein normales Leben. Weil ihre Mütter während der Schwangerschaft Alkohol trinken. Es kommt nicht auf die Menge an. Auch ein niedriger Blutalkoholspiegel kann ernste Folgen haben

Von Siegfried Lambert
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Lesezeit  2 Min
Alkohol in der Schwangerschaft kann für das Kind ernste Folgen haben. Dabei kommt es nicht einmal auf die Menge an.
Region Heilbronn - Als Michael in seine neue Familie kam, ahnten seine Pflegeeltern noch nichts von den Schwierigkeiten und Problemen, die mit dem kleinen Jungen einzogen. Es war ja nicht das erste Kind, das sie aufnahmen, weil die leiblichen Eltern Probleme hatten. Aber es sollte das schwierigste werden. Michael war ein halbes Jahr alt, als seine Pflegemutter ihn beim Kinderarzt vorstellte. Der sah den Jungen nur kurz an und sagte dann: „Alkohol“. „Für mich war das ein Schock.“ Was Anita Holtz (alle Namen geändert) bis zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Michael hatte FAS - das Fetale Alkoholsyndrom.

Schwere Last

Leider nur heute, am Tag des alkoholkranken Kindes, sorgt die erschreckende Statistik für Schlagzeilen. In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 10.000 Kinder wie Michael geboren, ohne die Chance auf ein normales Leben. Weil ihre Mütter während der Schwangerschaft Alkohol trinken. Es kommt nicht auf die Menge an. Auch ein niedriger Blutalkoholspiegel kann ernste Folgen haben.

FAS ist die häufigste nicht-genetische geistige Behinderung. Trotzdem ist sie nahezu unbekannt. Dabei tritt sie wesentlich öfter auf als das Down-Syndrom.

Nur zwei von zehn schwangeren Frauen verzichten auf Alkohol. Die wenigsten wissen, dass Alkohol ein Zellgift ist, das schwere Fehlbildungen beim Kind erzeugen kann. Am stärksten wirkt sich der Alkohol dabei auf das Gehirn des Kindes aus. Das Baby erhält ihn über die Nabelschnur der Mutter - ungeschützt.

Manchen, wie Michael, sieht man die Erkrankung an. FAS-Kinder haben ein verändertes Gesicht, sind zu klein, zu schmal. Im Umgang mit ihnen merkt man die geistige Behinderung. Andere bringen ihre Eltern zur Verzweiflung, weil sie Kinder mit einer unsichtbaren Behinderung sind. Sie zeigen rätselhafte Verhaltensauffälligkeiten, sind unkonzentriert, oft aggressiv. In der Schule lernen sie nur unter Schwierigkeiten, haben Probleme mit Lesen und Rechnen. Sie können soziale Regeln nicht einhalten. Häufig wird bei ihnen mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) die falsche Diagnose gestellt.

Zu arglos

Die meisten FAS-Kranken brauchen zeitlebens einen gesetzlichen Betreuer. Vielen sind die eigenen körperlichen und geistigen Grenzen wenig bewusst. Sie bleiben im Denken und Handeln naiv wie ein Kind. Deshalb sind sie als Jugendliche und Erwachsene erheblich gefährdet. Weil sie Fremden arglos begegnen und Absichten nicht durchschauen. Nicht alle Eltern haben so viel Glück mit ihrem Kinderarzt, der auf einen Blick sieht, woran ihr Kind leidet. Michael war stark unterernährt, als er in seine Pflegefamilie kam. Das holte er schnell auf. Andere Defizite nicht. Sie werden Michael wie ein Fluch sein ganzes Leben lang begleiten.

„Jedes Pflegekind bringt sein eigenes Päckchen mit“, sagt Anita Holtz, die in einer Heilbronner Landkreisgemeinde lebt. „Aber bei Michael war es eine Herausforderung, wie wir sie noch nie erlebt hatten. Wir wussten nicht, was wir von dem Kind verlangen können, wann wir es überfordern.“ Besonders schwer war es, Michaels Wutanfälle auszuhalten. „Das passierte immer, wenn er sich nicht durchsetzen konnte.“ Weil sich kaum Lernfortschritte einstellten und er Verhaltensauffälligkeiten zeigte, landete er schließlich, wie viele FAS-Kinder, in einer Schule für Erziehungshilfe. „Dort hatte er einen festen Rahmen, mit klaren Grenzen.“ Für Michael war das ein Segen. Er fügte sich so gut ein, dass er nach zwei Klassen an eine Förderschule wechselte.

„Mit den neuen Freiheiten kam Michael überhaupt nicht zurecht,“ sagt seine Pflegemutter. Er scheiterte, musste schließlich die Schule verlassen. Seine Lehrer konnten mit der Erkrankung des Jungen und seinen Reaktionen nicht umgehen. Michael wurde für mehrere Monate in den SLK-Kliniken zur Beobachtung aufgenommen. Auf der selben Station, von der ihn seine Pflegeeltern als Baby abgeholt hatten.

Zurzeit macht er eine Ausbildung als Holzfachwerker in einem Jugenddorf, wo er in einer Wohngruppe lebt. „Wir wissen nicht, ob Michael durchhält, aber wir hoffen es“, sagt Anita Holtz. „Aufgeben, das kommt nicht in Frage.“
Info

Info: Details zur FAS-Erkrankung und zur Diagnostik im Internet: www.fasworld.de . - Ansprechpartnerin in Südwest: Silke Auer, Telefon 07457/69 60 18.
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