Weitere Kehrtwende bei Kaufland

Neckarsulm  Kaufland will die haarsträubenden Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeitern in seinem Dienstleistungszentrum Möckmühl nicht dulden. Das Unternehmen reagiert damit auch auf die Berichterstattung der Heilbronner Stimme.

Von Christian Gleichauf

Kaufland Logistik Möckmühl

Im Gespräch mit unserer Zeitung erklären Konzernverantwortliche, die Nutzung von Werkverträgen sei grundsätzlich infrage gestellt. Kurzfristig wurde zwei Vertragspartnern gekündigt. Weitere Schritte folgen.

Mit Werkverträgen kaufen Firmen bei Personaldienstleistern bestimmte Leistungen ein. In Möckmühl wird beispielsweise die Zusammenstellung von Paletten in der Logistik oder die Befüllung von Würsten im Fleischwerk teilweise von Werkvertragspartnern erledigt. Kaufland besteht dabei auf die Einhaltung von erhöhten Standards – etwa einem Mindestlohn von zehn Euro pro Stunde für die Arbeiter. Allerdings bleibt es in dieser Konstruktion grundsätzlich dem Subunternehmer überlassen, wie er die Leistung erbringt, wie viele Arbeiter er dafür einsetzt.

Standards unterlaufen

Recherchen unserer Zeitung haben ergeben, dass einige Personaldienstleister systematisch die fehlenden Sprachkenntnisse und die Abhängigkeit von Mitarbeitern aus Osteuropa ausnutzen.

Von der „Stimme“ mit den Erkenntnissen konfrontiert, will Kaufland nun nicht mehr nur die Prüfungen seiner Partner intensivieren. Im Raum steht der grundsätzliche Abschied von Werkverträgen in allen Logistikzentren und Fleischwerken des Konzerns. Damit vollzieht das Unternehmen auch in diesem Bereich eine Kehrtwende. Zuletzt wurde schon der Nutzung von Werkverträgen bei der Regalbefüllung in den Filialen eine Absage erteilt (wir berichteten).

Der Einzelhandelsriese reagiert damit ausdrücklich auf Erkenntnisse, die durch die Berichterstattung der Heilbronner Stimme bekannt wurden. „Wir haben unsere Vertragspartner regelmäßig überprüft und Konsequenzen gezogen, wenn Missstände entdeckt wurden“, sagt der für die Beschaffung und Werkverträge zuständige Geschäftsführer Ilja Woitaschek.

Nicht nur bei Kaufland sollten Mitarbeiter so behandelt werden, wie jeder auch selbst behandelt werden möchte, sagt der 40-Jährige Bad Rappenauer. Doch nun sei klar geworden, dass auch mit intensivierten Kontrollen das Problem nicht zu lösen sei. „Ohnehin sind unsere anspruchsvollen Vorgaben an die Partner im Sinne des Werkvertrages manchmal eine Gratwanderung“, so Woitaschek.

Kaufland bietet Betroffenen den Kontakt zu einem Anwalt an, der Vertraulichkeit zusichert und keine weitere Geschäftsbeziehung zu Kaufland hat: hinweis@k-vertrauen.de, Telefon: 0800 0100800.

 
 

Längerfristiger Prozess

Der Neustart sei jedoch ein Prozess, man könne nicht einfach den Schalter umlegen. „Wir müssen sicherstellen, dass es hinterher eine bessere Lösung gibt als vorher“, sagt Michael Beck, Geschäftsführer Logistik Deutschland. Keinem Mitarbeiter sei geholfen, wenn er plötzlich auf der Straße stehe. Zudem seien Arbeitskräfte für Logistik und Fleischwerk in der Region kaum zu finden. Aus diesem Grund habe man die Personaldienstleister bislang genutzt. Und auch künftig werde es nicht ohne gehen. Dann soll aber wohl die Zeitarbeits-Variante zum Zuge kommen, bei der Kaufland seiner Verantwortung besser gerecht werden könne.


Kommentar: Neue Welt

Es ist bemerkenswert und überraschend, wie Kaufland auf die Vorwürfe, die seit Anfang des Jahres im Raum stehen, reagiert. Stimme-Redakteur Christian Gleichauf kommentiert.
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