Warum unser Wasser aus dem Bodensee kommt

Region  Am 25. Oktober 1958 ging die Fernversorgung in Betrieb. In manchen Haushalten fließt auch in der Region zu 100 Prozent Bodenseewasser aus dem Hahn.

Von unserem Redakteur Jan Berger

Schnell nach dem Zweiten Weltkrieg wurde rund um Stuttgart ein Problem offensichtlich: Der Gegend drohte
Wassermangel. Bei dem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum, das in den 50er Jahren erwartet wurde, war auch in Leonberg oder Rottweil klar, dass Grundwasser und andere Reservoire nicht ausreichen werden.

Deshalb begannen Politiker und Ingenieure 1952, sich mit der Wasserversorgung zu befassen – und richteten ihren Blick in Richtung Konstanz. „Das Problem damals war nicht die Entnahme des Wassers aus dem Bodensee“, erklärt Maria Quignon vom Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung
(BWV) heute. „Schwieriger wäre der Transport aus politischen Gründen über die Grenze von Baden nach Württemberg gewesen.“

Gründung von Baden-Württemberg

Das Problem löste sich mit der Gründung von Baden-Württemberg und damit lange, bevor im Februar 1956 der Bau der ersten Wasserleitungen begann. 13 Kommunen waren zu dieser Zeit Mitglieder der BWV. „Damals sagten viele, das sei die größte Baustelle Europas“, macht Maria Quignon die Dimensionen klar. Über 3000 Arbeiter kümmerten sich um den Bau der Leitungen, Behälter und Pumpanlagen.

Am 25. Oktober 1958 floss das erste Wasser, noch heute ist ein solches System von einer zentralen Entnahmestelle in Westeuropa einmalig. Der Verband versorgt inzwischen etwa vier Millionen Menschen in rund 320 Städten und Gemeinden.

 

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Hauptleitung 

Weil immer mehr Städte in Baden-Württemberg Wasser aus dem Bodensee haben wollten, wurde 1968 die Kapazität erweitert. Seitdem führt eine zweite Hauptleitung vom Bodensee unter der Schwäbischen Alb nach Norden. „Inzwischen nehmen manche Kommunen weniger Wasser von uns als früher“,
erklärt Maria Quignon, weil die Aufbereitung von Grundwasser vor Ort kostengünstiger geworden ist. Austritte aus dem Zweckverband gab es jedoch nicht.

Der BWV darf theoretisch so viel Wasser entnehmen, dass der See nicht geschädigt wird. 8000 Liter pro Sekunde kann der Verband im Moment technisch zur Verfügung stellen, im Jahresmittel ist es etwa die Hälfte. Das sind fast 29 volle Badewannen pro Sekunde – und trotzdem für den Bodensee nur eine geringe
Menge. Maria Quignon rechnet vor: „Wir entnehmen etwa ein Prozent der Wassermenge, die durch den See hindurchfließt.“ Am Wasserstand des Bodensees ändert sich dadurch nichts. Das Wasser wird in 60 Metern Tiefe aufgenommen und später gereinigt. Auch in der größten Sommerhitze gibt es keine Gefahr, dass die Leitungen trocken liegen – und auch das Eis im Winter reicht nicht soweit in die Tiefe.

In den kommenden Jahren steht für die BWV die Sanierung im Mittelpunkt. „Nicht jede Leitung altert gleich“, sagt Maria Quignon. Aber die ersten Behälter und Rohre aus den 50er Jahren müssten jetzt erneuert werden.

Heilbronn 

Aus den Heilbronner Wasserleitungen kommt zu über 81 Prozent Bodenseewasser – der Rest wird aus eigenen
Quellen in etwa zehn Metern Tiefe gewonnen und von Massenbachhausen zugekauft. In manchen Haushalten
fließt 100 Prozent Bodenseewasser aus dem Hahn. Es enthält nicht so viele Mineralien wie das Grundwasser und weniger Kalk. „Es gibt zwei Übergabestellen vom Bodenseewasser, eine in Kirchhausen und eine am Schweinsberg“, erklärt Andreas Brandenburger, der für die Trinkwasserstationen bei den Heilbronner Stadtwerken zuständig ist. Von dort wird es entweder direkt in das Leitungsnetz eingespeist oder weitergeleitet und vermischt.

Theoretisch könnte Heilbronn mehr eigenes Wasser nutzen. „Wollten wir die Stadt aber komplett über Eigenwasser versorgen, müssten wir es aufbereiten“, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Torsten Briegel. Denn das Grundwasser habe einen recht hohen Nitratgehalt. „Die Aufbereitung wäre teurer als das Bodenseewasser.“