Viel Geistreiches an der langen Tafel

Heilbronn  Das hat es in Heilbronn so noch nicht gegeben: Eine 100 Meter lange Tafel mitten in der Fußgängerzone mit Platz für 450 Menschen. Die Teilnehmer sind begeistert von der gemeinsamen Aktion der Kirchen im Lutherjahr.

Von Bärbel Kistner

Viel Geistreiches an der langen Tafel
Die Tradition der Tischreden im Hause Luthers haben evangelische und katholische Kirche gemeinsam mit der 100 Meter langen, schön dekorierten Tafel in der Kirchbrunnenstraße aufleben lassen. Gereicht wurde Wasser, Saft, Wein und Brot. Foto: Andreas Veigel

Die ersten der insgesamt 45 Tische sind am Samstagmittag gleich gefüllt, an manchen setzen sich die Gäste eher zögerlich auf die Bänke - um gespannt darauf zu warten, welcher Redner ihrem Tisch zugelost wurde. Gut zehn Minuten lang setzen die Tischredner einen Impuls, um dann bei Wasser, Saft, Wein und frischem Brot - das es kostenlos gibt - mit ihrer Runde ins Gespräch zu kommen.

An die Tradition der Tischreden im Hause Martin Luthers soll die Aktion in der Kirchbrunnenstraße im Reformationsjahr erinnern. Es ist bislang größte, gemeinsame Aktion von der evangelischen Kiliansgemeinde und der katholischen Deutschordensgemeinde.

Die Chefin der Dualen Hochschule, Nicole Graf, findet "die Idee der Gemeinschaftlichkeit" toll, die im Alltag in den Hintergrund gerate. Ihr Thema: "die Bedeutung des gemeinsamen Essens ins gesellschaftliche Bewusstsein zu tragen." Auch Regionalverbandsdirektor Klaus Mandel stellt die gemeinsame Tafel in den Mittelpunkt - diese sei in vielen Familien nur an Sonntagen möglich, "mit Zeit zum Reden, Essen und Streiten". Den Familientag gelte es zu schützen. Seine Tischrede versah er deshalb mit Kritik am Handelsverband, der zehn verkaufsoffene Sonntage im Jahr fordert.

Themenspektrum reicht vom Käthchen bis zum Feinstaub

WG-Geschäftsführer Karl Seiter lässt die Gäste entscheiden, ob sie über Frost im Weinbau oder Fluch und Segen der Heilbronner Stadtentwicklung reden wollen. WKO-Geigerin Nana Koch hat eine orientalische Fabel zum Vorlesen mitgebracht. Das Käthchen entscheidet sich für die Rolle der Symbolfigur.

Thomas Strobl spinnt einen "breiten Bogen": von einer Wertedebatte über Fankrawalle bis zu Feinstaub. Entscheidend für ein gutes Tischgespräch sei nicht, was auf den Tisch kommt sondern wer sich auf den Bänken befindet. Am Tisch des Innenministers wird lange und ausgiebig diskutiert. Michael und Carola Gäbele finden es "bereichernd und inspirierend" mit bislang unbekannten Menschen zusammenzusitzen und sich auszutauschen.

 

 

Redner Prälat Stumpf erinnert an die Tischgemeinschaft als bedeutendes Motiv im christlichen Glauben. In einer Innenstadt eine Tischgemeinschaft zu bieten, die gleichberechtigt Menschen verschiedener Interessenlagen zusammenführt, gefällt dem Theologen außerordentlich gut.

Alexandra Gutmann von der Mitternachtsmission nutzt ihre Rede, um an diejenigen zu erinnern, die am Rande der Gesellschaft stehen und eben nicht ohne Weiteres in der Gesellschaft aufgenommen werden. Landtagsabgeordnete Susanne Bay verweist auf den Wandel der Rolle der Frauen, die in der Vergangenheit als Gesprächspartnerinnen bei Luther am Tisch außen vor blieben.

Experiment geglückt - Bürgermeisterin fordert Wiederholung 

Das bislang einmalige Experiment ist nach Einschätzung aller Beteiligten geglückt, der evangelische Pfarrer Hans-Jörg Eiding hochzufrieden: "Wir wussten nicht, ob die Leute sitzen bleiben, das lässt sich nicht organisieren." Sein katholischer Kollege Roland Rossnagel sieht die Aktion als Beitrag der Kirchen, Menschen in der Stadt zusammenzuführen. Sollte es eine einmalige Aktion bleiben, fände Tischrednerin und Bürgermeisterin Agnes Christner das sehr schade: "Das ist so gut angekommen, das muss man wiederholen."