Verschärfte Regeln für Castortransporte

Region  Mehr Schutz gegen Terroranschläge: Das Bundesumweltministerium hat der Heilbronner Stimme auf Nachfrage bestätigt, dass das Haus an verschärften Vorgaben für Castortransporte arbeitet.

Von unserem Redakteur Reto Bosch

Die höheren Castoren nehmen ausgediente Brennelemente der beiden Neckarwestheimer Reaktoren auf. Die kleineren Behälter sind für die kürzeren Elemente aus Obrigheim gedacht. Foto: Andreas Veigel

Die Sicherungsregelungen sollen zwar erst "in Kürze" in Kraft treten. Trotzdem will das Ministerium die neuen Vorgaben für die geplante Castorverlagerung von Obrigheim nach Neckarwestheim bereits anwenden. Verzögerungen erwartet der Kernkraftwerksbetreiber EnKK nicht. Atomkraftgegner lehnen die Transporte ab und planen Protestaktionen.

In Obrigheim stehen 342 hochradioaktive Brennelemente im Nasslager. Um auf den Bau eines Zwischenlagers verzichten zu können, will die EnBW diese in 15 Castoren verpacken und per Schiff auf das GKN-Gelände bringen. In den unterirdischen Stollen steht ausreichend Platz zur Verfügung. Das Schiff kann pro Fahrt drei der 120 Tonnen schweren Behälter transportieren. Die Änderungsgenehmigung für das Neckarwestheimer Lager liegt der EnKK bereits vor, die atomrechtliche Transportgenehmigung wurde im März 2014 beantragt.

Grünes Licht geben muss das Bundesamt für Entsorgungssicherheit (BfE). Und klar ist nun: Die Behörde orientiert sich an einem strengeren Regelwerk. "In die Anforderungen der neuen Regelungen sind unter anderem Erkenntnisse der Innenbehörden eingeflossen", erklärt eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage. Details darf sie nicht nennen, ansonsten drohten die Maßnahmen an Wirkung zu verlieren. Es liegt auf der Hand, dass Fahrzeuge und Castorbehälter besser gegen Anschläge geschützt werden müssen - das bestätigen der Stimme auch Experten aus der Branche.

Im nächsten Jahr sollen die Schiffe starten

"Der Inhalt des neugefassten Richtlinienentwurfs ist uns schon länger bekannt", sagt EnBW-Pressesprecherin Friederike Eggstein. "Für uns war immer klar, dass das zum Transportzeitpunkt relevante Regelwerk zur Anwendung kommt." Der Karlsruher Energieversorger geht weiterhin davon aus, dass die Schiffe nächstes Jahr starten. Der Bau der Schiffsanlegestelle in Neckarwestheim ist weit fortgeschritten. Die Strecke auf dem Neckar misst 50 Kilometer, es gibt einige Staustufen. Die laut EnBW unsinkbaren Schiffe passieren mit ihrer hochradioaktiven Fracht mehrere Städte und Gemeinden. Vertreter der EnBW haben Verwaltungschefs und Gemeinderäte der Streckenanlieger informiert. Auf nennenswerte Widerstände sind sie dabei nicht gestoßen.

Sehr wohl Widerstand leisten will aber die Gemeinde Neckarwestheim.

Sie pocht darauf, dass das Zwischenlager nur für GKN-Brennelemente genutzt werden dürfe. "Wir haben die Unterlagen erst im November bekommen und sie an unseren Gutachter weitergeleitet", sagt Bürgermeister Jochen Winkler. Wenn es eine Möglichkeit gibt, werde die Kommune juristisch gegen die Pläne vorgehen. Das Aktionsbündnis Castor-Widerstand lehnt die Transporte als zu riskant und unnötig ab. "Mit dem Zusammenschluss ,Bündnis Neckar castorfrei' gibt es bereits eine regionale Gruppe, die sich mit Öffentlichkeitsarbeit und Aktionen vorbereitet", sagt Pressesprecher Herbert Würth. Das Bündnis rechnet schon ab dem ersten Quartal mit den Transporten.


Kommentar: Risiko

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Atomausstieg enthält viele Botschaften. Eine davon: Kernenergie ist eine "Hochrisikotechnologie". Damit hat Deutschlands höchstes Gericht schriftlich fixiert, was für Atomkraftskeptiker selbsterständlich, für Atomkraftbefürworter unverständlich ist. Welche Konsequenzen aus dieser Einschätzung abzuleiten sind, ist Sache der politisch Verantwortlichen im Licht der öffentlichen Diskussion. Die Bundesregierung hat 2011 nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima den Atomausstieg eingeleitet. Weil sie das Restrisiko nuklearer Energiegewinnung für zu hoch hielt.

Das Risiko erlischt aber nicht mit Umlegen des Schalters. Das Kernkraftwerk Obrigheim ist 2005 vom Netz gegangen. Im Nasslager stehen aber noch immer 342 hochradioaktive Brennelemente. Die Pläne der EnBW, diese 15 Castoren nach Neckarwestheim zu verlagern und dort in den unterirdischen Stollen zu deponieren, sind schlüssig: Ein teures und viele Jahre zu überwachendes Zwischenlager in Obrigheim wird überflüssig. Doch: Ein solcher Transport auf dem Neckar stellt ein erhebliches Risiko dar. Zumal es keine Erfahrungswerte mit derartigen Schiffstransporten auf Binnengewässern gibt. Auf diese grundsätzlichen Gefahren weisen die Atomkraftgegner zu Recht immer wieder hin. Zumal die Schubschiffe einige dicht besiedelte Gebiete passieren und sechs Staustufen zu bewältigen haben.

Auch wenn es 100-prozentige Sicherheit vermutlich nie geben wird, ist es zu begrüßen, dass das Bundesumweltministerium die Richtlinien für Castortransporte verschärft. Ein Blick in die Welt zeigt, dass die Terrorgefahr gewachsen ist. Darauf muss sich das Regelwerk einstellen − auch wenn dies die Transporte teurer macht. Höchstmögliche Sicherheit sind Kraftwerksbetreiber und Behörden den Bürgern schuldig.

 


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