Trauer um Roman Herzog

Jagsthausen  Roman Herzog ist in der Nacht auf Dienstag im Alter von 82 Jahren gestorben. Ein Staatsmann. Der erste im wiedervereinigten Deutschland gewählte Bundespräsident. Ein Mahner. Und – seit den 1970er Jahren – ein Freund der Burgfestspiele in Jagsthausen.

Von Christian Gleichauf

Roman Herzog 1997 als Bundespräsident mit dem US-Präsidenten Bill Clinton. Foto: dpa

Mit Roman Herzog hat die Region Heilbronn ihre wohl namhafteste Persönlichkeit verloren. Weit reichen die Bande nach Jagsthausen zurück.

Bereits in den 1970er Jahren war der kulturell interessierte Jurist regelmäßiger Gast der Burgfestspiele. Als Kultusminister von Baden-Württemberg wurde er zum Förderer des Freilichttheaters. 1987 war er sogar Gründungsmitglied der Freunde der Burgfestspiele und bis zu seinem Amtsantritt als Bundespräsident im Jahr 1994 auch Vorsitzender dieses Vereins.

Neue Liebe

"Es geht ein Mensch verloren, der mir persönlich unendlich viel gegeben hat, und der mir sehr fehlen wird", sagt der Jagsthausener Bürgermeister Roland Halter. Bei den Burgfeststpielen waren die zwei Männer enge Weggefährten. Die Burgfestspiele waren es auch, die Roman Herzog an die Seite seiner zweiten Ehefrau Alexandra Freifrau von Berlichingen führten.

Vor einem Jahr auf der Götzenburg: Baronin Alexandra von Berlichingen mit ihrem Ehemann Roman Herzog. Der Altbundespräsident hatte zuletzt mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Foto: C. Gleichauf

Im Jahr 2000 war Herzogs erste Frau Christiane gestorben, mit der er zwei Söhne hatte. Alexandra von Berlichingen hatte ihren Ehemann Götz bereits 1994 verloren. "Aus langer Freundschaft wurde Liebe" lautete die Schlagzeile der Heilbronner Stimme im Juni 2001, als die zwei unserer Zeitung ihre Hochzeitspläne verrieten. Nach Ablauf des Trauerjahrs heirateten der Altbundespräsident und die Baronin - und die Regenbogenpresse belagerte die Götzenburg, die Roman Herzogs neues Zuhause wurde.

Fortan durften die Jagsthausener stolz sein auf ihren hoch angesehenen Mitbürger. Herzog genoss es, zwanglos durch den Ort zu gehen, Bankgeschäfte persönlich zu erledigen, im Dorfladen einzukaufen. "Wer ihn traf und mit ihm sprechen wollte, konnte das tun. Ohne Konventionen", erzählt Roland Halter. Nie habe Herzog aber ungefragt Einfluss genommen, sagt Halter, der gemeinsam mit Alexandra von Berlichingen und Jürgen Bircks die Geschicke der Burgfestspiele lenkt. Als Ratgeber war Herzog dennoch häufig gefragt. Mit seiner oft dezidierten Meinung hielt er dann auch nicht hinterm Berg.

Senkrechtstarter

Herzog war nicht das, was man gemeinhin unter einem "typischen Politiker" versteht. Seine politische Laufbahn begann mit 39 Jahren auch relativ spät. Doch er konnte sich auf einen messerscharfen Verstand verlassen. Abitur: 1,0. Jura-Promotion mit 24. Professur für Staatsrecht und Politik in Berlin im Alter von 32 Jahren. 1973 holte ihn Helmut Kohl als Staatssekretär in die Landesregierung nach Rheinland-Pfalz. Im bayerischen Landshut geboren, war Herzog übrigens nie in die CSU eingetreten, sondern 1970 in die CDU.

Unter Lothar Späth kam er 1978 in die baden-württembergische Landesregierung. Zuerst als Kultusminister, ab 1980 dann als Innenminister. 1983 dann der Ruf ans Bundesverfassungsgericht, zuerst als Vizepräsident, ab 1987 als Präsident. Eine Karriere, die dem sympathischen Bayer nicht zu Kopfe stieg. Roland Halter erinnert sich an einen Besuch in Karlsruhe 1987: "Ich werde nie vergessen, mit welcher Wärme er mich dort empfangen hat."

Der Richtige

Auch als Bundesrichter gelang es Herzog, die Menschen für sich zu gewinnen. Als die Union 1993 einen neuen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten suchte - der bis dahin nominierte Steffen Heitmann hatte sich selbst disqualifiziert - wurde sie mit Roman Herzog fündig. Im Mai 1994 wählte ihn die Bundesversammlung zum neuen Staatsoberhaupt.

Der richtige Mann zur richtigen Zeit. Schnörkellos und korrekt: Von Anfang an erklärte er, nicht für eine Wiederwahl im Jahr 1999 zur Verfügung zu stehen. Schon damals ein Ausdruck des Respekts. Die Würde des Amtes beschäftigte ihn weiterhin - nicht zuletzt, weil seine Nachfolger Köhler und Wulff auch in seinen Augen Fehler gemacht hatten. Öffentlich hätte er sich allerdings nie dazu geäußert.

Roman Herzog, der damalige Vorsitzende des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts, bei der Verlesung einer Urteilsbegründung. Foto: dpa

Fehlenden Respekt vor dem Amt machte er auch bei den Medien aus. So wurde mehrfach seinen Einkünften nachgespürt, ohne ihn persönlich dazu zu fragen. Dann wurden falsche Zahlen in die Welt gesetzt. Er konnte sich echauffieren, wenn das Gespräch auf dieses Thema kam. Trotzdem blieb sein Umgang mit Journalisten offen.

Verknüpft mit seinem Namen bleibt die Ruck-Rede von 1997. Der Jugend ruft er damals zu: "Wenn ihr schon dem System nicht mehr traut, dann traut euch doch wenigstens selbst etwas zu!" Es sollte ein Ruck gehen durch Deutschland. Zumindest in manchen Bereichen hat Deutschland die damals von Herzog ausgemachte Mutlosigkeit überwunden. Andere Punkte sind noch immer gültig. Doch es ist nicht die einzige bewegende und mahnende Rede gewesen. Mit seiner direkten Art sprach er immer wieder Missstände und Fehlentwicklungen an, im Kleinen wie im Großen.

 

Roman Herzogs letztes großes Stimme-Interview

Am Dienstag ist Alt-Bundespräsident Roman Herzog gestorben. Im Interview vom April 2016 sprach er in Jagsthausen über Populismus, Angela Merkel, Schreibpläne und seine Gespräche mit Papst Johannes Paul II. >>Hier weiterlesen ...

 

Geistig war Roman Herzog bis zuletzt hellwach, arbeitete unaufgeregt und fleißig an Büchern, Beiträgen und Korrespondenzen. Täglich, wenn sein Gesundheitszustand es zuließ. Humorvoll kommentierte er das Weltgeschehen oder tauschte sich mit seiner Frau liebevoll oder auch mal bissig über den letzten Opernbesuch in München aus.

Kein Thema

Mit körperlichen Beschwerden hatte er allerdings immer wieder zu kämpfen. Darüber sprechen wollte er nicht. 2008 hatte er eine Krebsoperation. Später folgte eine Hüft-OP, die ihn vorübergehend einschränkte. Er liebte die Enkelkinder seiner eigenen und die seiner zweiten Frau. Das letzte Weihnachtsfest verbrachte er zu Hause im Kreis seiner Familie. Nach einer kurzen, akuten Erkrankung starb er jetzt im Krankenhaus von Bad Mergentheim. Eine mahnende Stimme ist verstummt.

 

Artikel zum Tod Roman Herzogs