Tradition endet nach 101 Jahren

Heilbronn - Als Erhard Schnepf vor gut einem Jahr das 100-jährige Bestehen seines Textilgroßhandels feierte, standen die Zeichen der Branche bereits seit längerem auf Sturm: Flächenkonzentration, verändertes Einkaufsverhalten, neue Vertriebswege.

Von unserer Redakteurin Bärbel Kistner

Heilbronn - Als Erhard Schnepf vor gut einem Jahr das 100-jährige Bestehen seines Textilgroßhandels feierte, standen die Zeichen der Branche bereits seit längerem auf Sturm: Flächenkonzentration, verändertes Einkaufsverhalten, neue Vertriebswege. Das Jubiläum verhalf der Traditionsfirma zwar zu einem kurzfristigen Umsatzschub, die erhoffte Öffnung des Unternehmens für Einzelhandelskunden gelang aber nur teilweise: "Wir wurden in der Öffentlichkeit nicht als Laden wahrgenommen", urteilt Schnepf.

Die Gründerzeitvilla in der Bahnhofstraße 9 hat keine Schaufenster, einzig ein Messingschild verweist drauf, dass Textilien verkauft werden. "Schwellenangst" habe ganz normale Kunden davon abgehalten, die Geschäftsräume zu betreten.

Alleine mit dem Großhandel, das hat sich seit Jahren abgezeichnet, konnte das Unternehmen jedoch nicht mehr bestehen. "Unsere Kundenliste ist auf weniger als zehn Prozent geschrumpft, verglichen mit der vor 30 Jahren", bilanziert der 62-jährige Firmeninhaber.

Eingekauft im Großhandel haben kleine Einzelhändler oder Lebensmittelmärkte, die noch eine Textilabteilung führen. Doch der Strukturwandel der Branche trifft insbesondere diesen kleinstrukturierten Einzelhandel, hier haben vor allem im ländlichen Raum in den vergangenen Jahren viele Läden geschlossen. Die Einkaufsgenossenschaft, der einmal 17 Firmen angehörten, hat sich vor vier Jahren aufgelöst. Erhard Schnepf war der einzige, der noch übrig war.

Den Großhandel komplett auf Einzelhandel umzustellen, hatte Erhard Schnepf ausgeschlossen. Das Haus verfügt zwar über rund 1300 Quadratmeter, verteilt auf vier Etagen, doch "die Flächen passen nicht für ein Einzelhandelsgeschäft".

Wenn Schnepf schließt, geht auch für viele langjährige Mitarbeiter eine Ära zu Ende. Die erste Auszubildende, die Schnepf als 21-Jähriger Anfang der 70er Jahre eingestellt hatte, ist immer noch im Betrieb. "Wir waren hier wie eine Familie." 18 Mitarbeiter hat Schnepf noch beschäftigt, und er ist froh, dass sie zum Teil bereits neue Jobs gefunden haben. "Zurzeit hängen sie sich aber noch einmal richtig rein, machen Überstunden und sind motiviert."

Sortiment

Der Räumungsverkauf hat begonnen, auch normale Kunden können einkaufen. Bis 22. Dezember will Schnepf sein Sortiment an Textilien für Damen, Herren, Kinder, dazu Miederwaren, Strümpfe und Handarbeiten abverkauft haben. "Viele haben sich gefragt, was sich hinter unserer Fassade verbirgt, jetzt hat jeder die Gelegenheit, hereinzukommen." Für die Zukunft des Firmensitzes hofft Schnepf, dass der prächtige, denkmalgeschützte Sandsteinbau aus dem Jahr 1896 einen Mieter finden wird.