Starb der letzte Wolf Württembergs bei Neudenau?

Region  Ein Dokument belegt: Der letzte Wolf Württembergs wurde nicht im Stromberg, sondern 1865 in Siglingen geschossen. Bisher wurde angenommen, dass der letzte Wolf im Land bei Cleebronn starb.

Von Reto Bosch

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Heinz Tuffentsammer (rechts) und Erwin Stammer mit der Chronik. Im Reichertshäuser Wald hinter ihnen wurde im Jahr 1865 ein Wolf erschossen. Foto: Mario Berger

Der letzte Wolf in Württemberg starb 1847 im Stromberg. Dieser scheinbaren Gewissheit verleiht ein bekannter Gedenkstein bei Cleebronn Ausdruck. Auch die Landesregierung geht davon aus, dass diese Annahme historische Gewissheit ist. Im Naturkundemuseum Stuttgart ist sogar der ausgestopfte Wolf aus dem Stromberg zu sehen. Doch nun liegen der Stimme Dokumente vor, die diese Geschichtsschreibung ins Wanken bringt.

Der Grünen-Abgeordnete Markus Rösler wollte von der Landesregierung unter anderem wissen, wann die letzten Wölfe nachgewiesen worden sind. Die Antwort auf seine parlamentarische Anfrage: "In Württemberg wurde der letzte Wolf 1847 im Bereich Stromberg bei Cleebronn erlegt."

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Über einen späteren Wolf ist nichts bekannt

Der am Stromberg 1969 aufgestellte Gedenkstein enthält diese Inschrift: "Hier wurde am 10.3.1847 der letzte Wolf in Württ. durch Waldschütz Sorg aus Eibensbach erlegt. Er hatte in der Umgegend über 50 Schafe in einem Jahr gerissen. Der Wolf steht heute präpariert im staatl. Naturkunde-Museum."

Wolf rüttelt an Geschichtsschreibung

Der Wolfstein wurde 1969 im Stromberg bei Cleebronn aufgestellt.

Foto: Bosch

Dessen Mitarbeiter Ulrich Schmid erklärt auf Stimme-Anfrage, dass die Geschichte des Cleebronner Wolfes an vielen Stellen dargestellt wird, unter anderem in Grundlagenwerken und populärwissenschaftlichen Aufsätzen. "Über einen späteren Wolf in Württemberg ist uns nichts bekannt."

Ortshistoriker findet Beleg für Wolf in Siglingen

Heinz Tuffentsammer dagegen schon. Der Neudenauer hatte in der Stimme die Aussage der Landesregierung gelesen und sich an Kindheitserzählungen erinnert. Der Ortshistoriker recherchierte im Stadtarchiv und fand eine Chronik, die lange in Privatbesitz war. Der Schreinermeister Josef Anton Nonnenmacher rüttelt mit seinen Aufzeichnungen an der württembergische Geschichtsschreibung - was der 1891 gestorbene Mann damals natürlich nicht wusste.

Er hat unter dem Jahr 1865 festgehalten: "Am 15. November wurde von Ökonom und Jagdpächter Scheufler in Siglingen in der Nähe des hiesigen Tannenwaldes, nämlich im Reichertshäuser Privatwald, eine junge Wölfin geschossen."

Vernichtungsfeldzug gegen Wölfe

Wolf rüttelt an Geschichtsschreibung

Laut Eintrag sollen sich in der Gegend mehrere Monate lang zwei alte und ein junger Wolf aufgehalten haben. Das geschossene Tier sei ein Jahr alt gewesen und habe 32,5 Pfund gewogen. Der erfahrene Ortshistoriker Tuffentsammer zweifelt nicht an der Seriosität der Quelle.

Das gilt im Übrigen auch für Stadtpfarrer Fridolin Mayer, der in seiner 1937 erschienen "Geschichte der Stadt Neudenau" das Geschehen von 1865 thematisiert und mit einem Satz gewürdigt hatte. Da die heutigen Neudenauer Ortsteile Siglingen und Reichertshausen württembergisch waren, liegt der Schluss nahe: Der letzte Wolf starb nicht 1847, sonderen frühestens 1865. Und nicht im Stromberg bei Cleebronn, sondern bei Neudenau-Siglingen.

"An dem Wert des Cleebronner Wolfes ändert sich dadurch für das Naturkundemuseum natürlich nichts - auch wenn er nur der zweitletzte wäre", meint Ulrich Schmid. Er bleibe ein wertvolles Zeugnis des konsequenten und unbarmherzigen Vernichtungsfeldzugs gegen die Raubtiere.

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