So sah es beim Käsritt vor Jahrzehnten aus

Leingarten  Bunt wie selten war der Käsritt 2017. In Schwarz-Weiß und Farbe zeigen unsere historischen Bilder, was die Großgartacher und Leingartener in den vergangenen 60 Jahren gezeigt haben.

Von unserer Redaktion

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36 Gruppen machen das Heimatfest am Wochenende zum freudigen Spektakel

Tausende säumen die Heilbronner Straße in Leingarten, als der Festumzug mit seinen 36 Gruppen vorbeizieht: Vampire, Piraten, Ritter, Elefanten - allesamt aus "Klassikern der Filmgeschichte", so lautete schließlich das Motto, das der Filmemacher und Festorganisator Hajo Baumgärtner für den diesjährigen Käsritt ausgegeben hatte. "Was für ein Aufwand! Wir sind ganz begeistert", sagt Margarethe Heil, die mit ihrem Mann Rolf aus Karlsbad gekommen ist.

Herbert Flinspach mit der Käsrittsiegerin von 2013, Verena Kölz. Foto: Christian Gleichauf

Der Aufwand war in der Tat beträchtlich. Die evangelische Jugend etwa hatte in den vergangenen zwei Wochen sogar Nächte durchgearbeitet, um pünktlich den kleinen Weinbergschlepper zum fahrenden Löwenkopf umzubauen.

Herbert Flinspach hatte sie am frühen Morgen "erwischt". Der 69-Jährige kümmert sich seit den 90er Jahren darum, wo die Vereine und Gruppen Scheunen oder Hallen finden, um ihre Festwagen zu gestalten. Er schaut auch vor dem Umzug bei allen vorbei. "Es ist toll, wie viel Begeisterung auch bei der Jugend immer wieder da ist."

Reiter sind unglücklich

Dabei gab es zwei unfreiwillige Neuerungen in diesem Jahr. Zum einen gab es nicht genügend Helfer, um am Sonntag beim Umzug Eintritt zu verlangen. Zum anderen fiel der Reiterwettbewerb weg - aus Sicherheitsgründen. "Als altem Reiter fehlt mir jetzt schon das Kribbeln", sagt Flinspach, der das Rennen in den 60er Jahren dreimal gewonnen hatte.

Und auch Heinz Kocher - in den 80er Jahren zweimal Käsrittsieger - bedauert die Absage, "auch wenn ich es nachvollziehen kann." Für Flinspach trotzdem die falsche Entscheidung. "Der Festumzug ist vielleicht gefährlicher als das Rennen."

Scheuendes Pferd verfehlt knapp Kinder

Wenige Minuten später erweist sich seine Aussage fast als Prophezeiung. Kurz nach Beginn des Umzugs scheut das Pferd einer jungen Reiterin. Mehrere lange Sekunden versucht sie, es unter Kontrolle zu bringen. Plötzlich macht das Pferd mehrere Schritte nach hinten.

Im letzten Augenblick kann eine Familie mit zwei kleinen Kindern ausweichen. Um Zentimeter verfehlt die Hinterhand die Kinder Daniel (3) und Johanna (5). "Das war knapp", sagt Vater Simon Troßbach aus Leingarten erschrocken und erleichtert. Es bleibt wohl das einzige Vorkommnis an diesem Tag.

Männerchor liegt komplett daneben

Ein Käsritt mit dem Segen von oben
Ein Umzugswagen fast wie im rheinischen Karneval: Die Evangelische Jugend präsentiert den "König der Löwen. Foto: Mario Berger

Und auch sonst hat das Fest den Segen von oben. Der Männerchor liegt mit "Singing in the Rain" an diesem Tag komplett daneben. "Aber wir haben Wasser dabei", sagt Mathias Jillich, der mit seinen Helfern viele Wochen am Wagen gebaut hat. Selbst Abordnungen aus den Partnerstädten Leingartens sind gekommen, um mitzumachen. Der Bauhof hat für sie die Wagen hergerichtet.

Besucher aus Lésigny in Frankreich spielen "Die vier Musketiere", die italienischen Freunde aus Asola "Don Camillo und Peppone". Anna Zilioli etwa spielt eine wütende Bürgerin und geht in ihrer Rolle voll auf.

Und von überall her kommen auch die Gäste. "Was die sich haben einfallen lasen? Super!", freut sich Gisela Germann aus Heilbronn-Horkheim. Sie ist überrascht, was hinter diesem "Käsritt" steckt, von dem sie bisher nur gehört hatte.

Auf zum Hipfelhof

Dann drehen alle Gruppen noch eine Runde auf dem Festgelände, wo anschließend die ruhigen Arbeitspferde der Interessengemeinschaft Kaltblut Aufgaben im Parcours bewältigen. Währenddessen reitet eine Abordnung der Käsreiter zum Hipfelhof, um die zwei Laib Käse abzuholen - die zentrale Tradition des großen Leingartener Heimatfests. Anschließend wird der Käse an ehemalige Käsrittsieger und Ehrengäste verteilt.

Käse fürs Weiderecht

Der Leingartener Käsritt fand in der Vergangenheit im Dreijahres-, zuletzt im Vierjahresrhythmus statt. Das seit Jahrzehnten gefeierte Heimatfest hat seinen Ursprung im Mittelalter. Es geht zurück auf das Weiderecht der Großgartacher auf dem Frankenbacher Hipfelhof. Als es Ärger wegen Flurschäden gab, wurde das Weiderecht durch das Recht, jährlich zwei Laib Käse abzuholen, ersetzt. Gemeinsam zogen also Reiter und Bevölkerung durch das Dorf und verzehrten den Käse. cgl