Sicherheitslücken des GKN Neckarwestheim bei Flugzeugabsturz

Neckarwestheim  Der Absturz eines Verkehrsflugzeugs kann auch Neckarwestheim II schwer beschädigen, findet ein Experte. Weitere Untersuchungen zur Sicherheit des Atommeilers laufen.

Von Reto Bosch

Kuppeln nur auf Militärjets ausgelegt

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt wird in deutschen Kernkraftwerken immer wieder Terror-Voralarm ausgelöst. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums in den vergangenen fünf Jahren acht Mal. Und zwar dann, wenn Behörden einen gezielten Flugzeuabsturz auf ein Atomkraftwerk befürchten.

Das wirft die Frage auf, wie gut die Reaktoren gegen solche Terrorakte geschützt sind. GKN II gehört zu den jüngsten und sichersten Anlagen in Deutschland. Ausgelegt ist der 1989 in Betrieb gegangene Meiler aber nur auf den Aufprall eines Militärjets.

9/11 - Als Verkehrsflugzeuge zu Waffen wurden

Der Anschlag auf das World-Trade-Center am 11. September 2001 führte Bürgern und Aufsichtsbehörden vor Augen, dass Verkehrsflugzeuge zur Waffe werden können. Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) untersuchte daraufhin die deutschen Kraftwerke, nach dem Super-Gau in Fukushima prüfte die Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) zehn Jahre später erneut, wie robust die deutschen Atomkraftwerke sind. Auch wenn viel Zeit verstrichen ist, gibt es noch kein endgültiges Ergebnis. "Die RSK führt im Auftrag des Bundesumweltministeriums noch weitere Untersuchungen durch, mit denen die Sicherheitsüberprüfung ergänzt und vertieft werden soll", sagte eine Ministeriumssprecherin der Heilbronner Stimme.

"Neckarwestheim II ist ausgelegt auf den Absturz einer schnell fliegenden Phantom", sagt Christian Küppers, Experte des Öko-Instituts für Nukleartechnik und Anlagensicherheit. Er weist darauf hin, dass ein Verkehrsflugzeug zwar langsamer unterwegs ist, aber mehr wiegt und deutlich größere Mengen Treibstoff an Bord hat. Ihm sind keine Nachweise bekannt, die GKN II bescheinigen, den Aufprall eines solchen Jets unbeschadet zu überstehen. Auch Zwischenergebnisse der noch laufenden vertiefenden Untersuchungen seien öffentlich nicht zugänglich.

Betreiber: Schutz ausreichend

Kuppeln nur auf Militärjets ausgelegt
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Betreiber EnBW erklärt, dass GKN II einen hohen Grundschutz gegen den Aufprall von Flugzeugen aufweise. Alle wichtigen Sicherheitssysteme lägen hinter dicken Betonstrukturen. Die Untersuchung der GRS habe bestätigt, dass der Reaktor einen ausreichenden Schutz gegen den Absturz großer Verkehrsflugzeuge besitzt. "Diese Untersuchung ist unverändert gültig", sagte eine EnBW-Sprecherin der Stimme. Technische Nachrüstungen seien nicht erforderlich gewesen.

Das Bundesumweltministerium verweist ebenfalls auf das GRS-Gutachten aus dem Jahr 2002. Dieses zeige, dass "die Struktur des Reaktorgebäudes bei einem Absturz von Verkehrsflugzeugen erhalten bleibt". Das stimmt, ein Blick in die Studie offenbart aber weitere Details. Zwar erwarten die Gutachter nicht, dass ein großer Jet das Reaktorgebäude durchdringt. Es könne aber zu Leckagen und Zerstörungen der Warte kommen. Die Ereignisse seien in den meisten Fällen beherrschbar, fraglich sei dies unter Umständen, wenn der Sicherheitsbehälter beschädigt werde.

Dieselbe Studie sagt aus, dass bei GKN I mit einer großflächigen Zerstörung des Reaktorgebäudes zu rechnen sei und damit, dass früh Radioaktivität freigesetzt werden könnte. Diese gravierenden Sicherheitsunterschiede zwischen den beiden Blöcken hatten Betreiber EnBW und Atomaufsicht bis 2011 immer wieder kleingeredet, sich darauf zurückgezogen, dass auch der ältere Meiler die für seine Genehmigung geltenden Schutzanforderungen erfülle.

Terror-Voralarme bei unklaren Flugbewegungen

Nun ist GKN I 2011 vom Netz gegangen. Trotzdem sieht Christian Küppers bei einem Flugzeugabsturz noch immer ein gewisses Risiko. Im Nasslagerbecken stehen bestrahlte Brennelemente. Deren Strahlung hat nachgelassen, sie produzieren nicht mehr so viel Wärme. Dennoch kann nach Ansicht Küppers im ungünstigsten Fall bei einem Absturz radioaktive Strahlung frei werden.

Die bauliche Sicherheit der Reaktoren ist das Eine. Aber natürlich gibt es auch Möglichkeiten zu verhindern, dass entführte Verkehrsflugzeuge die Meiler überhaupt erreichen. "Es wurden zahlreiche Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit im Luftverkehr ergriffen", sagt die Sprechern des Umweltministeriums. Und dazu gehören auch die Terror-Voralarme, mit denen die Behörden auf unklare Flugbewegungen reagieren (sogenannte Renegade-Fälle). In diesem Rahmen ist auch definiert, wann eine Anlage abgeschaltet werden muss. Im März, beim letzten Renegade-Alarm, war das in Neckarwestheim und Philippsburg nicht der Fall. Das Verkehrsflugzeug wurde begleitet von Abfangjägern und hatte eine andere Flugrichtung eingeschlagen.