Schwere Vorwürfe gegen Gemeinde Gottes (03.09.2009)

Neuenstadt - Es wird ernst. Das Schulverbot für die Gemeinde Gottes in Neuenstadt-Stein hat Bestandskraft. Ob die Eltern ihre Kinder jetzt in anderen Schulen anmelden, ist jedoch unklar. Unterdessen haben sich Aussteiger der Gemeinde Gottes bei der "Heilbronner Stimme" gemeldet und schwere Vorwürfe gegen Lehrer und Schule erhoben.

Von Carsten Friese

Neuenstadt - Es wird ernst. Das Schulverbot für die Gemeinde Gottes in Neuenstadt-Stein hat Bestandskraft. Nachdem die Gemeinde gegen den Bescheid des Regierungspräsidiums Stuttgart (RP) keine Beschwerde eingelegt hat, gilt der Behördenspruch: Der Verein Evangeliums Posaune, der aus tiefreligiöser Weltanschauung rund 25 Kinder in Eigenregie mit nicht ausgebildeten Lehrern unterrichtete, darf seine Schule nicht mehr öffnen.

Zwangsgeld

Ob die Eltern ihre Kinder jetzt in anderen Schulen anmelden, ist jedoch unklar. „Kein Kommentar“, heißt es auf unsere Anfrage bei der Gemeinde Gottes. Wenn am 14. September die Schule wieder beginnt, gilt die Schulpflicht. Spätestens dann müssen die Eltern ihre Kinder in anderen Schulen im Umkreis anmelden. Sonst könne man ein Zwangsgeld von bis zu mehreren tausend Euro androhen und verhängen, sagt RP-Sprecher David Bösinger. Das Wohl der Kinder stehe immer im Mittelpunkt. Man wolle nun rechtsstaatliche Zustände herstellen und werde dies überprüfen.

Unterdessen haben sich Aussteiger der Gemeinde Gottes bei der Stimme gemeldet und schwere Vorwürfe gegen Lehrer und Schule erhoben. Er sei vom Schulleiter für schlechte Noten oder vergessene Hausaufgaben mit einem Lederriemen geschlagen worden, berichtet der ehemalige Schüler Ralph (16, alle Namen geändert). „Ich hatte Angst vor dem Mann.“ Mehr als streng und unmenschlich bezeichnet er den Druck in der Schule. Seine Eltern? Die hätten es akzeptiert. „Sie wollten keine andere Schule.“

Schwere Vorwürfe gegen Gemeinde Gottes
Verschlossene Tür: Unterricht darf hier nicht mehr stattfinden.Foto: Friese

Axel (18) berichtet von einer Lehrerin, die ihn in Klasse 2 mit einem Stock gezüchtigt habe. Auch er erlebte, wie ein Mitschüler mit einem Lederriemen geschlagen wurde, wie er sagt. Das Leben in Gemeinde und Schule bezeichnen die Jungen als „Gefängnis“. Internet, Computer, Handy, Fernsehen seien verboten, der Kontakt zu „ungläubigen“ Nachbarkindern untersagt. Kino, Freibad, Fußballverein - tabu. „Es war normal, wenn alles für einen entschieden wird, man kennt es ja nicht anders“, blickt Axel zurück.

Als er nach heftigem Streit zu Hause auf eine andere Schule wechselte, war es zunächst wie ein Sturz ins Bodenlose. Michael Jackson, Stefan Raab, Mario Gomez? Von dem, worüber die anderen redeten, hatte er keine Ahnung. „Ich kam mir vor wie ein Volldepp.“ In der neuen Schule stand er alleine auf dem Pausenhof. Als seine Eltern bei ihm ein Handy und PC-Spiele fanden, gab es erneut Streit. Axel zog aus. Mit 16.

Dass die Gemeinde „wie vor 200 Jahren lebt“, kann Roman (20) nicht verstehen. Er verließ die Schule nach Klasse 9, weil er im Hochsommer nicht mehr mit langen Hosen und Hemden rumlaufen wollte. Auch er hat in Schule und Gemeinde eine „extreme Strenge“ erlebt, „die nichts bringt“. Als „verlorene Kindheit“ bezeichnet er die Zeit. Kein Fernsehen, Internet, Computer: „Wie soll man da draußen bestehen?“ Nach etlichen Bewerbungen hat er einen Job. Bei einem Chef, den das alte Zeugnis der Gemeinde Gottes mit der Bewertung „erwünschter Charaktereigenschaften“ nicht interessierte.

Besuchsverbot

Axel sagt nach seinem Ausstieg, es gehe ihm heute besser. Endlich habe er Freunde gefunden, endlich könne er entscheiden, was er tut. Seine Geschwister darf er nicht besuchen. Die Mutter wolle seinen „schlechten Einfluss“ nicht. „Ich habe eine Familie verloren“, sagt Axel nachdenklich. „Aber ein neues Leben gewonnen.“

Reaktion der Gemeinde

Auf unsere Anfrage, ob es in der Gemeinde Gottes Praxis war oder ist, Schüler mit Schlägen zu züchtigen, antwortete die Gemeinde: „Das Vorliegen der genannten Vorwürfe in den letzten Jahren ist uns nicht bekannt. Der ehemalige Schulleiter wurde im November 2005 aus dem Amt entlassen. Schläge sind keine zulässige Art von Disziplin an unserer Schule.“ Ex-Schüler Ralph glaubt nicht, dass heute noch geschlagen wird. Den heutigen Lehrerinnen traut er es nicht zu.