Roman Herzogs letztes großes Stimme-Interview

Jagsthausen  Heute ist Alt-Bundespräsident Roman Herzog gestorben. Im Interview vom April 2016 sprach er in Jagsthausen über Populismus, Angela Merkel, Schreibpläne und seine Gespräche mit Papst Johannes Paul II.

Von Christian Gleichauf

Altbundespräsident Roman Herzog und seine Frau Baronin Alexandra von Berlichingen in der gemeinsamen Wohnung in der Götzenburg in Jagsthausen.

 

Der frühere Bundespräsident Roman Herzog ist tot. Er starb im Alter von 82 Jahren. Das bestätigte das Bundespräsidialamt am Dienstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Herzog stand von 1994 bis 1999 an der Spitze der Bundesrepublik. Zuvor war der Jurist Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

Der Altbundespräsident lebte seit 15 Jahren in Jagsthausen an der Seite von Alexandra Freifrau von Berlichingen. In der Regel saß er dort täglich an seinem Schreibtisch, arbeitete an Büchern, pflegte Korrespondenzen – wenn es die Gesundheit zuließ.

Um die war es zwischenzeitlich nicht gut bestellt, Interviewanfragen lehnte er in den vergangenen Monaten regelmäßig ab. Zum letzten Mal traf er sich im April 2016 zum Gespräch mit unserer Zeitung.

 

Sie sind gerade 82 geworden, Herr Herzog. Was treibt Sie derzeit um?

Roman Herzog: Nachdem es mir gesundheitlich eine Zeit lang nicht so gut ging, bin ich momentan dabei, einiges aufzuarbeiten. Viel Papier. Gerade machen mir aber die Blumen zu schaffen, die mir die Leute geschickt haben. Es ist ja nett gemeint, aber ich muss davon ständig niesen. 

 

Und wenn die weg sind? Was steht dann an?

Herzog: Ich würde zu gerne Psychogramme über Politiker schreiben. Oder auch in ihren Memoiren nachlesen, wie sie bestimmte Dinge darstellen. Dann würde ich aufschreiben, wie es nach meinem Wissen wirklich war. Aber das könnte ich zu Lebzeiten nicht drucken lassen. Also muss ich mal schauen. Immerhin habe ich es schon geschafft, meine Gespräche mit Johannes Paul II. zu Papier zu bringen. Das war mir persönlich wichtig. Das wird dann also mal in meinem Nachlass zu finden sein. Tief vergraben. Die Vorstellung, dass ich etwas hinterlassen kann, und niemand wird mir mehr widersprechen können, gefällt mir. An Interviews zu politischen Themen bin ich deshalb nicht mehr besonders interessiert.

 

Keine politischen Themen, das wird schwierig. Dann erzählen Sie doch mal. Wer stört Sie denn so jeden Tag? Gibt es da viele Anrufe von Leuten, die man gar nicht kennt?

Herzog: Nein, eigentlich nicht. Die meisten Leute sind gemeinhin doch viel anständiger als beispielsweise Journalisten. 

 

Also doch Politik: Die Landtagswahl hat für ein neues politisches Kräfteverhältnis gesorgt. Wie bewerten Sie das im Hinblick auf die Bundestagswahl im nächsten Jahr?

Herzog: Na, wir bekommen vielleicht wieder eine Parteienlandschaft wie nach der ersten Bundestagswahl am 14. August 1949. Damals haben sechs – nein, lassen Sie mich rechnen – zehn oder elf Parteien den Einzug ins Parlament geschafft. Da mussten sich dann mehrere Parteien zur Koalition zusammenfinden. Geht es nach den Vätern des Grundgesetzes, muss es also nicht unbedingt ein Zwei-Parteien-System sein. So wird es künftig neue Koalitionen geben müssen. 

 

Hätten Sie den Erfolg der AfD in dieser Form für möglich gehalten? 

Herzog: Kurz vor der Wahl hat es sich ohnehin abgezeichnet. Aber ich habe es schon vor anderthalb Jahren für möglich gehalten. Man hat doch eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich das Heer der Nichtwähler zusammensetzt. Selbst unter den CDU- und SPD-Wählern waren immer schon solche zu finden, die unter Umständen auch mal bei der NPD ihr Kreuz machen können. Dazu kommen die klassischen Protestwähler. Das Potenzial ist also da.

 

Es ist auch ein europäischer Trend. Überall haben Populisten und Nationalisten Zulauf. Warum aber in Deutschland, wo wir doch aus der Geschichte lernen konnten?

Herzog: Also verzeihen Sie, aber das ist eine typisch deutsche Sichtweise. Auch das muss bei uns offenbar noch besser sein als anderswo. Nein, das ist hier nicht das Kriterium. Und als einer, der noch SA und SS marschieren sah, finde ich auch, dass zwischen Nationalsozialisten und manchen neuen Kräften doch noch ein gewisser Unterschied besteht.

 

Der Wahlerfolg der AfD ist auch eine Reaktion auf die Politik der Kanzlerin. Wie beurteilen Sie denn ihre Flüchtlingspolitik?

Herzog: Ich weiß nichts über ihre Motive. Ich weiß nicht, was sie denkt. Aber unabhängig davon, ob man jetzt die positiven oder die negativen Auswirkungen betont: Sie schafft es, in bester Adenauer-Manier, den anderen Parteien die guten Wahlkampfthemen wegzunehmen. Und ohne Zweifel steht Deutschland in Europa momentan gut da, während andere Länder die Zäune bauen. Aber wie gesagt, Frau Merkel begründet ja nichts, das ist eine gewisse Schwäche ihrer Politik. Gleichzeitig unterstreicht es aber die Stärke ihrer Position. Helmut Kohl hat in der Regel auch keine Entscheidung begründet. Insgesamt finde ich, dass die Lage zu bewältigen ist. Und somit steht die Kanzlerin innenpolitisch wie außenpolitisch keineswegs schlecht da.

 

Ihr Vertrauen in unsere demokratischen Strukturen wird durch den Erfolg der AfD nicht erschüttert?

Herzog: Nein. Das Volk ist der Souverän, auch wenn Teile des Souveräns am Stammtisch sitzen. Aber ich bin mir sicher, dass die AfD in ihrer jetzigen Form eine Episode bleibt. Da bin ich ziemlich gelassen.

 

Gelassen bleiben angesichts der Positionen, die diese Partei vertritt?

Herzog: Den politischen Gegner muss man natürlich bekämpfen. Aber da hilft es nicht, um diesen politischen Gegner herumzutanzen, als ob man ihn am Marterpfahl hätte. Die anderen Parteien dürften sich stattdessen etwas mehr um ihr eigenes Profil kümmern.

 

Was hat Ihnen da im Wahlkampf gefehlt?

Herzog: Der Angriff auf den politischen Gegner. Die CSU zeigt eine Variante. Die lässt rechts von sich wenig Platz. Entsprechend schwach ist die AfD in Bayern. Man kann als CDU in Baden-Württemberg auch der Kanzlerin folgen, mit einer klaren Linie. Man muss sich das alles halt vorher überlegen und nicht hinterher. 

 

Künftig wird man sich im Landtag mit AfD-Abgeordneten auseinandersetzen müssen...

Herzog: Unter anderen Vorzeichen gab es all das schon. Wenn ich nur an die Grünen denke, wie sie erstmals in den Landtag eingezogen sind. Damals hieß es bei den älteren Herren in der CDU und in der SPD: Die kommen in keinen Ausschuss. Wir Jüngeren waren der Überzeugung, dass man die Leute lieber arbeiten lassen sollte. Dann, so die Überlegung, haben sie schon weniger Zeit, durchs Land zu fahren und Unfug zu treiben. Übrigens ist bei dieser Arbeit auch so manches persönliche Verhältnis entstanden. Es verbindet mich beispielsweise mit Winfried Kretschmann bis heute. Wenn wir uns sehen, haben wir eigentlich immer Spaß.

 

Jetzt haben Sie ja doch über Politik geredet.

Herzog: Ja, aber nun ist es auch wieder genug.

 

Wie es dazu kam

Wer mit Roman Herzog ins Gespräch kommt, hat etwas zu erzählen. So traf unser Redakteur Christian Gleichauf beim Termin mit Alexandra von Berlichingen vor ihrem 75. Geburtstag ebenso wie schon fünf Jahre zuvor auf einen humorvollen und offenen Altbundespräsidenten, der auch zur aktuellen Politik Stellung bezog. Bei einem weiteren Treffen in der Götzenburg, bei dem es auch um andere Themen ging, ergab sich das hier abgedruckte Interview.

Zur Person

Roman Herzog ist am 5. April 1934 in Landshut geboren. Nach dem Jurastudium in München promovierte er 1958, war wissenschaftlicher Assistent, anschließend Privatdozent an der Universität München und von 1966 bis 1969 Professor an der Freien Universität Berlin für Staatsrecht und Politik. Anschließend Professor in Speyer. 

1978 wurde er Minister für Kultur und Sport des Landes Baden-Württemberg. 1980 wechselte er an die Spitze des Innenministeriums in Stuttgart, bevor er 1983 Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts wurde. 1987 Präsident des Bundesverfassungsgerichts, 1994 zum siebten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Seit dem Ende seiner Amtszeit 1999 ist Roman Herzog wissenschaftlich und publizistisch tätig. Im Jahr 2000 leitete er den Konvent zur Erarbeitung der EU-Grundrechte-Charta und legte die Empfehlungen der Herzog-Kommission zur Parteienfinanzierung vor. Nach dem Tod seiner Ehefrau Christiane Herzog im Jahr 1999 heiratete er 2001 Baronin Alexandra von Berlichingen und lebt seitdem mit ihr auf der Götzenburg in Jagsthausen.