Pakt für Bewegung auf allen Verkehrswegen

Neckarsulm/Heilbronn  Gemeinsam mit zahlreichen Partnern aus der Region stellte Landesverkehrsminister Winfried Hermann am Mittwoch den Mobilitätspakt für den Wirtschaftsraum Heilbronn-Neckarsulm vor. Die Begeisterung darüber teilten nicht alle Beteiligten in gleichem Maße.

Von Christian Gleichauf

 

Ein Mobilitätspakt soll Stillstand im Raum Heilbronn-Neckarsulm verhindern. Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat die gemeinsam mit Partnern aus der Region zusammengestellte Maßnahmenliste am Mittwoch im Deutschen Zweirad- und NSU-Museum in Neckarsulm vorgestellt. Neben viel Lob für das Gemeinschaftswerk gab es allerdings auch kritische Töne.

Viele Sorgen 

„Seit ich Minister bin, gab es regelmäßig Besuche von Landrat Piepenburg, von Bürgermeistern, vom Kabinettskollegen Gall, die alle sagten, wir haben ein Problem“, erzählte Verkehrsminister Winfried Hermann. Angesichts so vieler berechtigter Anliegen sei es an der Zeit gewesen, alle Akteure an einen Tisch zu holen. Zur Vorstellung des Paktes waren sie mit dabei: Landrat, Bürgermeister, Abgeordnete, Vertreter von Wirtschaft und Behörden, Planer. Mit zehn bis 15 Seiten hatte der Minister für das Papier gerechnet, 40 sind es nun geworden. 

Engere Stadtbahn-Taktung

Besonders schnell könnte es bei der Stadtbahn gehen. Engere Taktung in Richtung Norden und zusätzliche Züge sollen den öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen, auch auf der Frankenbahn. Schon Ende dieses Jahres und dann noch einmal 2018 und 2019 könnten Verbesserungen umgesetzt werden.

Etwas länger dauert es bei den Radwegen. Der vom Land beschlossene Bau der Radschnellverbindung Bad Wimpfen–Heilbronn wird jetzt mit Hochdruck angegangen, braucht aber mindestens vier bis fünf Jahre, so das Regierungspräsidium Stuttgart. Für weitere Strecken ins Leintal und ins Weinsberger Tal sind derzeit erst die Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben worden.

Bei den Straßenbaumaßnahmen sieht das Bild etwas anders aus. Wirklich neu sind hier weder der A 6-Ausbau, der bereits erfolgt, noch der vierspurige Ausbau der Neckartalstraße oder die Nordumfahrung Frankenbach über die Böllinger Höfe mit direktem Anschluss an die Neckartalstraße. Geprüft werden aber weitere wichtige Knotenpunkte. Als Sofortmaßnahmen sollen schon im Herbst Ampelanlagen besser aufeinander abgestimmt werden. Außerdem werden zusätzliche Abbiegespuren oder Bypässe an Kreisverkehren ergänzt. Viel Planungsarbeit steht hier noch bevor.

In Zukunft aber doch weniger Stadtbahnen?

„Wir erleben einen Aufbruch“ kommentierte Landrat Detlef Piepenburg. Aber er wollte dem Verkehrsminister auch an diesem Tag Kritik nicht ersparen: „Heute Morgen sind wieder rund 20 Stadtbahn-Verbindungen ausgefallen. Das sind die Dinge, die uns im Alltag gewaltig umtreiben.“ Zudem hätten das Land und der Stadtbahnbetreiber AVG zwei Tage zuvor in Karlsruhe einen neuen Verkehrsvertrag unterzeichnet, der womöglich zulasten der Region Heilbronn gehe. Zahlreiche Stadtbahnverbindungen der Linie S4 aus Karlsruhe könnten künftig wegfallen. 

Seine Bedenken hatte der Landrat in einem Brief formuliert, den er öffentlichkeitswirksam übergab. Der Minister reagierte pikiert. „Wir suchen Lösungen, da kommt der Landrat wieder mit Problemen“, so Hermann gegenüber unserer Zeitung.

„Knackpunkte ausgeklammert“

Kritik an dem Pakt kam vom CDU-Landtagsabgeordneten Bernhard Lasotta, der den ersten runden Tisch zu dem Thema vor gut einem Jahr initiiert hatte. „Der ursprüngliche Ansatz hat die Probleme in einem größeren Zusammenhang gesehen. Die Knackpunkte wurden nun ausgeklammert.“ Zudem seien vor allem die Straßenprojekte herausgestrichen worden.

 

Hintergrund: Mehrere Pläne

Unterzeichnet wurde der Mobilitätspakt vom Verkehrsminister, der AVG, von Audi, der Schwarz-Gruppe, dem Landrat, der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg, dem RP Stuttgart sowie den OBs von Heilbronn und Neckarsulm. Unter anderem wird der Pakt ergänzt durch ein Mobilitätskonzept, das im Auftrag von Audi und der Schwarz-Gruppe erarbeitet und 2018 vorgestellt wird, sowie Konzepte der Städte Neckarsulm und Heilbronn. 

 

 

Erster Aufschlag

Ein Kommentar von Christian Gleichauf

Christian Gleichauf
Christian Gleichauf

Verkehr lässt sich nicht wegzaubern. Und auch die Vorstellung, dass man rund um Heilbronn und Neckarsulm nun einfach drei, vier neue Straßen baut und alles gut ist, hat mit der Realität wenig zu tun. Es wäre ein Konzept von gestern für die Probleme von heute und morgen. 

Und trotzdem: Wenn der jetzt vorgestellte Mobilitätspakt ein erster Aufschlag zur Lösung der Verkehrsprobleme in diesem Raum sein sollte, dann ist dem Arbeitskreis unter Verkehrsminister Winfried Hermann zumindest kein Ass gelungen. Statt zu schauen, was notwendig ist, um die Probleme zu lösen, wurde erst einmal geschaut, was machbar und finanzierbar ist. Das ist nicht falsch. Aber es ist nicht mutig, nicht innovativ, und es wird voraussichtlich auch nicht genügen.

Insbesondere das schnelle Wachstum der Schwarz-Gruppe wird die Verkehrsprobleme weiter verschärfen, und zwar nicht nur in Neckarsulm, sondern auch rund um Bad Wimpfen – das in diesem Konzept gar nicht vorkommt. Der ganzheitliche Ansatz, der eigentlich verfolgt werden sollte, findet bisher in zu engen Grenzen statt. 

Das muss nicht so bleiben. Denn es folgen weitere Aufschläge. Der nächste mit dem umfassenden Konzept, das das Ingenieurbüro BIT nächstes Jahr vorstellt. Und die nun etwas stiefmütterlich behandelten Kommunen im Umfeld – Erlenbach, Bad Friedrichshall, Offenau oder Untereisesheim – dürfen sich nicht eingeschnappt zurückziehen, sondern müssen deutlich formulieren, was aus ihrer Sicht notwendig ist.

Am Ende kommt es aber auch darauf an, dass Aufschläge angenommen werden: von den Menschen, die bisher so oft im Stau stehen. Jeder einzelne sollte prüfen, ob Bahn, Bus, Rad oder die Mitfahrgelegenheit beim Kollegen nicht irgendwann ebenso zügig ans Ziel führen wie das Auto. Der Appell des Neckarsulmer OBs, „Seien Sie bereit zum Umdenken!“, ist angebracht. 

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christian.gleichauf@stimme.de