Nitrat: Grundwasser in der Region stark belastet

Region  Grundwasser in der Region Heilbronn ist überdurchschnittlich häufig mit Nitrat belastet. Umweltschützer fordern deshalb strengere Düngeregeln für die Landwirtschaft. Der Bauernverband verweist darauf, dass die Werte seit Jahren sinken.

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Traktor mit Gllewagen
Gülle aus der Viehhaltung gilt bundesweit als ein Hauptverursacher der Nitratbelastung. In der Region Heilbronn ist das eher zweitrangig.“ Foto: Fotolia / Rainer Müller

Die EU hat Deutschland wegen zu hoher Nitratwerte im Grundwasser verklagt. Innerhalb Baden-Württembergs fallen Land- und insbesondere Stadtkreis Heilbronn negativ auf. Hier gibt es überdurchschnittlich viele Messstellen, an denen Grenzwerte überschritten werden. 

Während Umweltschützer auf schärfere Düngeregeln hoffen, verweist der Bauernverband auf den positiven langjährigen Trend. Die Stadt Heilbronn steht angesichts vieler kritischer Werte vor einem Rätsel.

Trinkwasser unbedenklich

An fast der Hälfte der Messstellen im Stadtkreis Heilbronn wurde 2015 der Grenzwert für Nitrat von 50 Milligramm pro Liter Grundwasser überschritten. Im Landkreis war das bei fast 19 Prozent der Fall. In ganz Baden-Württemberg, das besser abschneidet als viele andere Bundesländer, fiel jede zehnte Probe durch. Der Hohenlohekreis hat nur 6,7 Prozent kritische Werte. Das geht aus neuen Zahlen der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) hervor, die unsere Zeitung mit Blick auf die Region ausgewertet hat.

Für das Trinkwasser ist der Befund zunächst nicht dramatisch. Was in der Region aus dem Hahn kommt, besteht zum großen Teil aus nitratarmem Bodenseewasser. In Heilbronn sind es rund 75 Prozent. So liegt der Nitratwert beim Leitungswasser in der Stadt mit etwa 20 Milligramm pro Liter weit unter dem Grenzwert. Bodenseewasser aber ist teuer. Wollten die Gemeinde mehr Eigenwasser nutzen, müsste es auch wegen der hohen Nitratwerte aufbereitet werden. Und: Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie gibt vor, dass auch Grundwasser in „guten Zustand“ gebracht werden muss. Die Nitratwerte müssen also runter.

Vor dem Hintergrund der angedrohten EU-Klage gewinnen die neuen LUBW-Befunde also an Brisanz. Wenn auf der Regionalkarte der LUBW ein roter Punkt aufleuchtet, der kritische Werte anzeigt, ist dafür nach Ansicht von Rolf Kremsler meist „die intensive Landbewirtschaftung“ die Ursache. Vor allem Gartenbaubetriebe mit Gemüseanbau brächten vergleichsweise viel Nitrat in den Boden, so der für Wasserwirtschaft zuständige Sachbereichsleiter im Landratsamt Heilbronn.

red and green salad
Beim Anbau von Gemüse wird vergleichsweise viel Düngung benötigt: Das ist auch in der Region Heilbronn ein Hauptgrund für die Nitratbelastung im Grundwasser. Foto: Fotolia

Die Pflanzen stehen lange auf den Feldern und müssten gedüngt werden, um den Ansprüchen des Marktes zu genügen. Das würde erklären, warum etwa in Heilbronn-Horkheim die Werte besonders hoch sind. Am Brunnen Hossäcker wurde mit 122 Milligramm Nitrat der Negativrekord der gesamten Region aufgestellt. Im Stadtteil gibt es viele Gartenbaubetriebe.

Nitrate sind Stickstoff-Sauerstoff-Verbindungen, die auch natürlich im Boden vorkommen. Sie werden in der Landwirtschaft als Düngemittel eingesetzt, etwa in Form von Gülle oder Kunstdünger. Sie fördern das Wachstum der Pflanzen und sind eigentlich nicht schädlich. Im menschlichen Körper können die Stoffe jedoch zu Nitrit umgewandelt werden, das als giftig gilt.

Zeitlupeneffekt

Jan Schwarting verweist darauf, dass die Nitratbelastung in der Region abnehme. „Der Trend ist eindeutig“, betont der Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg. Seit Langem unternehme man in der Region Anstrengungen, den Düngereinsatz zu reduzieren. Mit Erfolg, allerdings mit einem Zeitlupeneffekt, wie Schwarting erklärt. Durch den weit verbreiteten Lössboden dauere es mitunter Jahre, bis Nitrat im Grundwasser ankomme. Folglich kämen Verbesserungen auch erst mit langer Verzögerung an den Messstellen an. Die LUBW misst seit 2000 einen Rückgang der Belastung um 21 Prozent im Land- und um 13 Prozent im Stadtkreis. 

Wenn das Nitrat von den Äckern oder Weinbergen kommt, warum liegen dann auch viele Brunnen im Heilbronner Stadtzentrum über dem Limit – etwa die Messstelle an der Kilianskirche? Das würde Jean-Christophe Pilz auch gerne wissen. Ein „Kuriosum“ seien die Werte, so der stellvertretende Leiter des Planungs- und Baurechtsamts.

Der sogenannte Grundwasserkörper Kraichgau -Unterland, zu dem Heilbronn gehört, sei als gut eingestuft. Kein Wunder: Die Ausreißer im Stadtgebiet sind von der LUBW nicht in diese Bewertung eingeflossen, eben weil die Ursache unklar sei, so Pilz: „Wir können es nicht nachvollziehen und wollen dem nachgehen.“ Wahrscheinlich ist seiner Ansicht aber, dass Heilbronn von belastetem Wasser aus den umliegenden Weinbergen unterspült wird. Bauernvertreter Schwarting hält es auch für möglich, dass Düngung von städtischen Sportplätzen oder Friedhöfen eine Rolle spielen.

Düngegesetz

Den Bauern sei kein unzulässiger Einsatz von Düngemitteln vorzuwerfen, betont Gottfried May-Stürmer, Geschäftsführer im BUND Heilbronn-Franken und Landwirtschaftsreferent im Landesverband der Umweltschutzorganisation: „Das erfolgt alles im Rahmen der geltenden Gesetze.“ Die Umweltschützer setzen daher auf die vom Bund angekündigte Novelle der Düngeverordnung. Mit dem neuen Gesetz will Berlin die EU-Klage abwenden. Was genau drinsteht, darüber können auch Experten nur rätseln. „Man weiß nichts“, sagt Dieter Schleihauf, Getreideexperte beim Kraichgau Raiffeisen Zentrum in Eppingen. Im westlichen Landkreis Heilbronn rund um die Fachwerkstadt sind die Werte im grünen Bereich. Schleihauf führt das darauf zurück, dass auf Zwischenfrüchte wie Senfsaaten gesetzt wird, die Stickstoffe binden.

Jan Schwarting vom Bauernverband ist skeptisch, „ob sich mit der Düngeverordnung alles erschlagen lässt“. Würden etwa Sperrzeiten für die Düngung verlängert, werde eben in den verbleibenden Zeiten kräftiger gedüngt – das sei kontraproduktiv.

 

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Internet

Die exakten Werte für jede Grundwasser-Messstelle finden sich auf den  Seiten der LUBW . Hier auf „Elektronischer Jahresdatenkatalog Grundwasser“ klicken. Im Formular können der jeweilige Brunnen nach Kreis oder Gemeinde, der Zeitraum und der gesuchte Stoff (Nitrat und andere) ausgewählt werden. 

Informationen zur Zusammensetzung des Trinkwassers in der Region gibt in unserem Stimme-Trinkwasser-Tool.

 

pdf-Downloads

PDF-Datei: Liste: Nitratwerte im Landkreis Heilbronn Dateigröße: 20.00 KBytes. Datum: 15.11.2016

 

PDF-Datei: Liste: Nitratwerte im Stadtkreis Heilbronn Dateigröße: 13.23 KBytes. Datum: 15.11.2016