Neckarsulm will gegen Jugendbande vorgehen (12.11.09)

Neckarsulm - Die Ermittlungen der Polizei, bei denen es um den Vorwurf der sexuellen Nötigung geht, versetzen die Stadt in Aufregung.

Von Adrian Hoffmann

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Jugendhaus Auf diesem Gelände sollen drei jugendliche Türken ein 14-jähriges Mädchen sexuell genötigt haben. Jetzt ist der Bereich mit einem Zaun abgesperrt. Foto: Adrian Hoffmann


Neckarsulm - Der Ruf des Neckarsulmer Jugendhauses ist beschädigt. Die Polizei ermittelt gegen eine Gruppe jugendlicher Türken, die am Rand einer Geburtstagsfeier auf dem Gelände des Jugendhauses ein Mädchen sexuell genötigt haben sollen. Gemeinsam mit der türkischen Gemeinde will die Stadt nun Eltern von Mitgliedern der Bande in die Pflicht nehmen.

„Sie müssen erkennen, dass ein gewaltiger Handlungsbedarf besteht“, sagt Oberbürgermeister Joachim Scholz. Es sei offensichtlich, dass es unter den Mitgliedern der Jugendbande Defizite im sozialen Umgang gebe. Die Polizei rechnet die Verdächtigen einer Gruppierung zu, auf die sie seit mehrere Monaten verstärkt achtet, da aus ihrem Kreis heraus immer wieder Straftaten bekannt und deretwegen sie verurteilt wurden. „Devil Türken“ nennen sich die Jugendlichen selbst.

Man wolle nun auf die Problematik gemeinsam reagieren und eine Lösung finden - gestern fand in seinem Amtszimmer im Rathaus ein Gespräch mit Vertretern der türkischen Gemeinde und Jugendarbeitern statt. "Die Devil Türken beschäftigen uns natürlich regelmäßig", sagt Scholz, "deshalb gehen wir mit diesem Fall auch offen um." Seit längerer Zeit bissen sich Jugendarbeiter die Zähne an dieser Situation aus.

Schockiert

Die türkische Gemeinde in Neckarsulm zeigt sich schockiert über den Vorfall. „Für uns ist das sehr unangenehm“, sagt Mehmet Kayali, Vorsitzender des Islamischen Kulturzentrums. Man empfinde ein Gefühl der Scham und lasse sich von der Stadt in die Pflicht nehmen. Das Thema werde in Freitagsgebeten in der Moschee angesprochen, sagt Prediger Ali Sandikcioglu.

Ein paar junge Türken, die am Mittwoch im Jugendhaus sind, wollen mit den Verdächtigen befreundet sein. Einer trägt unter seinen Kapuzenjacke einen Pulli mit der Aufschrift „Devil Türken“, er zeigt ihn stolz. „Ich war an dem Abend da“, sagt ein anderer. Es folgen große Sprüche: Was die Polizei behaupte, stimme doch so gar nicht.

"Wir wollen unsere Freunde demnächst im Knast besuchen", sagt ein junger Türke, der einen Gürtel trägt, dessen Schnalle ein großer, glitzernder Halbmond ist. Problem sei, dass sie alle in unterschiedlichen Gefängnissen säßen. Er könne es nicht verstehen, warum jemand Anzeige gegen sie erstattet habe. Die betroffenen Mädchen habe er gekannt, sie seit diesem Abend aber nicht mehr gesehen.

Jugendhaus

Die dunkle Ecke auf dem Gelände des Jugendhauses ist zwischenzeitlich mit einem Zaun abgesperrt. Ein Container steht dort, zwischen Bahngleisen und Gebüsch. Der Vorwurf der sexuellen Nötigung, der im Raum steht, macht einigen Mädchen Angst. „Ich bin mit einem ganz schlechten Gefühl hergekommen“, sagt eine 16-jährige Schülerin.

Nach Angaben einzelner Jugendlicher tun sich Eltern teilweise schwer, sie ins Haus der Jugend zu lassen, solange die Mobile Jugendarbeit gegenüber sitzt. Dort verkehren auch Mitglieder der Gruppe.

Standort

Momentan mache man sich auch Gedanken um einen endgültigen Standort für die Mobile Jugendarbeit, sagt Oberbürgermeister Scholz. Die Tendenz gehe zu einer räumlichen Trennung zwischen Haus der Jugend und Mobiler Jugendarbeit, auch aufgrund der Befürchtungen von Jugendlichen und Eltern. "Damit diese keine Begründung finden", so Scholz. Im Haushaltsplanentwurf für 2010 gebe es eine finanzielle Rate, die für diesen Punkt verwendet werden kann.

"Die Arbeit im Haus der Jugend ist nicht beeinträchtigt", sagt er.  Das sei ein Vorfall gewesen, der überall passieren könne. Mit 23 Mitarbeiterin im Jugendreferat sei man in Neckarsulm pionierhaft aufgestellt. Trotzdem, so Scholz: "Solche Dinge können wir nicht verhindern."

Am Mittwochabend, 28. Oktober, sind laut Jugendreferent Markus Mühlbeyer 25 bis 30 Jugendliche vor Ort gewesen und haben im und um den Container der Mobilen Jugendarbeit gefeiert. Zwei Betreuer beaufsichtigten die Gruppe. Der Vater eines türkischen Jugendlichen brachte zwischendurch Essen vorbei. "Das war ein Rein und Raus", sagt Mühlbeyer. Es sei nicht möglich gewesen, alles im Blick zu haben. Ein jugendlicher Türke habe später eine Jugendarbeiterin informiert - sie habe die betroffenen Mädchen nach Hause gefahren.

Hausverbot

"Man darf -  so schlimm die Sache ist - nicht überdramatisieren", sagt Mühlbeyer. Seine Hoffnung ist, dass sich die Gruppierung der Devil Türken irgendwann spaltet. Es gebe dummerweise immer ein paar Chaoten, die anderen mitziehen. 2009 habe es bislang für Ärger machende Jugendliche bereits vier Hausverbote gegeben.

Taxifahrer, die am Bahnhof neben dem Jugendhaus auf Kunden warten, finden klare Worte. "Mein Eindruck ist, dass sich viele Jugendliche gar nicht mehr her trauen", sagt eine Frau, der hier oft in der Dunkelheit steht. Ein Kollege pflichtet ihr bei. Er habe schon Szenen beobachtet, die nicht mehr schön seien. "Manchmal schreien die schlimme Wörter zu jungen Mädchen", sagt er. Was er nicht versteht: "Die Mädchen gehen dann auch noch zu denen hin."

Auch Oberbürgermeister Scholz weiß, dass Bewährungsstrafen oft keinen bleibenden Eindruck bei straffällig gewordenen Jugendlichen hinterlassen. "Dieses Mal ist es nicht getan mit ein paar Arbeitsstunden", sagt er, "hier muss eine gewisse Abschreckung eintreten."

Am Donnerstagmorgen stehen Jugendliche, darunter auch Türken, vorm Bahnhof. Sie sind gerade aus Brackenheim angekommen, gehen hier zur Schule. Ein 17-jähriger Türke hört zum ersten Mal von dieser Geschichte. "Wieder mal voll die Schande für uns", sagt er. Wenigstens seien  später zwei Jugendliche hinzugekommen, um zu helfen. "Es gibt also auch gute Türken."



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