Leiharbeiter in der Abhängigkeitsfalle

Region  Kaufland wollte mit einem neuem Personaldienstleister den fragwürdigen Umgang mit vornehmlich osteuropäischen Leiharbeitern im Fleischwerk Möckmühl beenden. In einigen Bereichen blieb es beim Versuch.

Von Christian Gleichauf

Leiharbeiter in der Abhängigkeitsfalle
Zerteilen, verpacken, verschicken: Die Arbeit im Fleischwerk Möckmühl verlangt Mitarbeitern einiges ab. Wer hier bei bestimmten Zeitarbeitsfirmen angestellt ist, hat zusätzlich mit schwierigen Rahmenbedingungen zu kämpfen. Foto: Archiv/Stockburger

Im Kaufland-Fleischwerk Möckmühl sind Arbeitskräfte aus osteuropäischen Ländern nach wie vor mit teils üblen Arbeitsbedingungen konfrontiert. Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen klagen über Schikanen. Kaufland wollte solchen Praktiken eigentlich einen Riegel vorschieben. Recherchen unserer Zeitung zeigen, dass dies bislang nur teilweise gelungen ist.

Kompromisslos hatte Kaufland in einem Fall reagiert. Die Nürnberger Zeitarbeitsfirma Rahmer, die vor einem Jahr Negativbeispiel in der Berichterstattung unserer Zeitung war, wurde auf Ende April 2016 gekündigt. Rahmer-Mitarbeiter wurden durch die neu beauftragte Easy Personal GmbH aus Greven übernommen. "Unsere klare Vorgabe war, dass den Mitarbeitern durch den Wechsel keine vertraglichen Nachteile entstehen dürfen", erklärt Guido Vienenkötter, Geschäftsführer des Fleischwerks in Möckmühl.

Ein paar Haken

Während sich in manchen Punkten Verbesserungen ergaben - Arbeitskleidung etwa wurde den Mitarbeitern nun gestellt -, blieb das Prinzip in anderen Punkten das gleiche. Statt Unterkünfte in Vielbett-Zimmern gibt es jetzt Zweibettzimmer auf dem Land, 300 Euro das Bett - vieles inklusive. Trotzdem können ungefragt noch Zusatzleistungen vom Lohn abgezogen werden. Keine grundlegende Veränderung für die polnischen Mitarbeiter, die ohne Deutschkenntnisse selbst kaum eine Wohnung anmieten können. 

"Wir reichen die Kosten auch nur weiter", sagt Easy-Geschäftsführer Andreas Liebenow. Offizieller Vermieter sei auch nicht Easy, sondern die On-Time Service GmbH. Jedoch: Er selbst war bis 2015 Geschäftsführer dieser Firma. Heute führt sie der Stiefsohn des Easy-Inhabers.

Rechtliche Trennung zwischen Dienstleister und Arbeitgeber bei gleichzeitiger familiärer Verbandelung - solche Konstruktionen sind in der Branche üblich, wie schon die Berichterstattung zu den Zeitarbeitsfirmen Loco und Rahmer vor einem Jahr zeigte.

Abhängigkeitsverhältnis nicht zu unterschätzen

Dabei können die Mietverhältnisse beiden Seiten Vorteile bieten. Der Arbeitnehmer braucht sich nicht um Internet, Müll, Handtücher, GEZ-Gebühr zu kümmern, kann Firmenfahrzeuge oder Fahrgemeinschaften für den Weg zur Arbeit nutzen. Ein Vorteil auch für den Arbeitgeber. Das Abhängigkeitsverhältnis ist aber nicht zu unterschätzen: Sobald ein Easy-Mitarbeiter gekündigt wird, ist auch das Mietverhältnis mit On-Time fristlos beendet. Solche Vertragsbedingungen werden von Kaufland bislang nicht beanstandet.

Die von Kaufland beauftragten Auditoren haben überhaupt wenig auszusetzen. Unangekündigte Mitarbeiter-Interviews bei den Vertragspartnern sollen zwar Schwachstellen offenlegen. Doch Kritik am Arbeitgeber sind bei solchen Gesprächen selten zu vernehmen. Abrechnungen und sonstige Unterlagen werden nach Ankündigung geprüft, sogar Unterkünfte inspiziert. Ergebnis: Es sei alles in Ordnung gewesen, erklärt Noel Henkel, bei Kaufland für Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung zuständig.

Punkte, die aufgrund von Nachfragen unserer Zeitung überprüft wurden, waren nicht nachweisbar. Etwa dass die 150 Euro Urlaubsgeld erst überwiesen wurden, als sich Mitarbeiter schriftlich bei Kaufland beschweren wollten und Easy reagierte. Eine entsprechend korrigierte Abrechnung erklärte Easy am Freitag noch mit Softwareproblemen, die im Juli 2016 zeitnah gelöst worden seien.

Leben am unteren Limit

Für die Mitarbeiter sollte der Wechsel zu Easy keine Verschlechterung bedeuten. Diese zentrale Anforderung, die Kaufland an den Rahmer-Nachfolger gestellt hatte, wurde teilweise auch erfüllt. Für Maschinenführer gab es nun auch eine Zulage von 33 Cent pro Stunde. Vor allem durch Veränderungen bei der Schichteinteilung blieb einzelnen Mitarbeitern trotzdem weniger Geld auf dem Lohnzettel, weil beispielsweise Nachtzuschläge wegfielen. Nach Abzügen und Miete werden oft nur zwischen 700 und 800 Euro ausbezahlt. Wer von so einem Lohn noch 300 Euro monatlich zur Familie nach Polen schickt, führt ein Leben am unteren Limit.

Im persönlichen Umgang mit den Mitarbeitern mangelt es teilweise an Respekt: Per Whatsapp werden bei Easy Einsatzzeiten korrigiert, Anweisungen gegeben. Im November etwa diese: Im Krankheitsfall müssen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen persönlich im Büro abgegeben werden. Sonst: "abmahnungu". Ein deutsches Wort, das es in den polnischen Wortschatz geschafft hat. Für eine Mitarbeiterin, die krank aus Adelsheim nach Langenbrettach fahren müsste, um die Bescheinigung abzugeben, eine Zumutung. Der Easy-Chef räumt ein, diese Aufforderung hätte es nicht geben dürfen. Er habe bereits dafür gesorgt, dass der entstandene "falsche Eindruck" korrigiert wird. Der Postweg sei natürlich in Ordnung.

Kaufland-Ziel: Arbeit zu großen Teilen selbst erledigen

Die Kaufland-Verantwortlichen scheinen angesichts solcher Erkenntnisse nicht glücklich zu sein. Zumal Easy für den zusätzlichen Aufwand bei der Übernahme der Rahmer-Mitarbeiter ein größerer Einmalbetrag überwiesen worden war. Kauflands Ziel bleibt insgesamt, die Arbeit zu großen Teilen selbst zu erledigen. Bei etwa 60 Prozent liege der Anteil eigener Mitarbeiter derzeit im Möckmühler Fleischwerk, in der Logistik darunter. "Dennoch brauchen wir die Arbeitnehmerüberlassung weiterhin, um saisonale Spitzen abzufedern", sagt Guido Vienenkötter. "Wir haben dabei aber größtes Interesse, dass es keinen Missbrauch gibt." Erste Ansätze sind erkennbar.

 

Hintergrund

Im vergangenen Jahr berichtete unsere Zeitung mehrfach über systematische Ausbeutung von Mitarbeitern, die bei Zeitarbeitsfirmen für Kaufland angestellt waren (siehe Chronologie unten). Kaufland zeigte sich damals überrascht und versprach, das Problem grundlegend anzugehen, kündigte eine Abkehr vom umstrittenen Werkvertragsmodell an.

Bei Werkverträgen werden nicht Mitarbeiter entliehen, sondern Leistungen von der Zeitarbeitsfirma eingekauft. Der Kostendruck resultierte in einigen Fällen in rechtswidrigen Praktiken. "Wir haben hier eine Kehrtwende angekündigt, nun haben wir uns auf den Weg gemacht", sagt etwa Michael Beck, Geschäftsführer Logistik bei Kaufland, im Gespräch mit unserer Zeitung. Das Ziel für die Standorte Möckmühl und Heilbronn: Bis Mitte 2017 soll die Hälfte der bisher von Werkvertragspartnern erledigten Arbeit von Leiharbeitsfirmen, die Kaufland Arbeiter zur Verfügung stellen, oder von eigenen Mitarbeitern übernommen werden.

"Der eigene Mitarbeiter hat eine andere Identifikation mit dem Unternehmen und der eigenen Arbeit", weiß Guido Vienenkötter, Chef des Möckmühler Fleischwerks. Der Abschied vom Werkvertrag gilt konzernweit. In Deutschland hat Kaufland sieben Standorte mit Dienstleistungszentren. 

 

Eine der Quellen

Mehrere Mitarbeiter hatten sich gegenüber unserer Zeitung zu den Arbeitsbedingungen im Kaufland-Fleischwerk geäußert, darunter eine junge Mutter, die im November vom Personaldienstleister Easy gekündigt worden war. Kaufland hatte sie und weitere Leiharbeiter "namentlich abgemeldet". >>Hintergründe zur Recherche 

 

Chronologie: Berichterstattung auf Stimme.de 

 

Kommentar "Persilscheine"

Kaufland ist ein Tanker. Zusätzliche Anstrengungen sind nötig, wenn die Kehrtwende gelingen soll.

Von Christian Gleichauf

Wie ernst ist es Kaufland mit seinem Bekenntnis, Missbrauch zu stoppen und dafür im Zweifel auch Renditeziele hinten anzustellen? Die Konsequenz, mit der das Unternehmen einmal bekannt gewordenen Vorwürfen nachgeht, lässt viel guten Willen erkennen. Verhältnismäßig offen kommuniziert die Führungsriege auch, wo es nach eigener Ansicht noch hakt. Doch noch immer reagiert das Unternehmen nur, wo es doch eigentlich agieren müsste.

Audits werden auf diese Art zu einem Persilschein für Partner, die einen respektvollen Umgang mit Mitarbeitern vermissen lassen. Unterschätzt wird auch, dass die Zusammenarbeit von Kaufland und Leiharbeitsfirmen im Werk zu gegenseitigen Abhängigkeiten oder auch Geklüngel unter den Zuständigen führen kann. Kontrollen laufen dann ins Leere. Kaufland verlässt sich zwar nicht mehr blind auf seine Partner, aber wenn das Unternehmen die Verantwortung übernimmt für das, was im eigenen Werk passiert, dann muss es noch genauer hinschauen. Wie wäre es mit einer Ethik-Kommission? Mit Gewerkschaft, Betriebsrat und Ombudsmann könnte Kaufland nachhaltige Veränderungen bewirken. Personaldienstleister gehen nicht per se schlecht mit Arbeitern um. Dass sie aber alle an zufriedenen, motivierten Mitarbeitern interessiert sind, entspricht leider auch nicht der Wahrheit.

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christian.gleichauf@stimme.de