Kritiker: Bahnchaos möglich

Region - Nichts ging mehr am Mainzer Bahnhof in den vergangenen Tagen. Das Stellwerk vollkommen überlastet. Wäre ein vergleichbares Chaos wie in Mainz auch in Heibronn denkbar?

Von unserem Redakteur Steffen Heizereder

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Blick aus dem Heilbronner Stellwerk auf die Gleise. Die Fahrdienstleiter sind für den reibungslosen Ablauf des Bahnbetriebs verantwortlich.Foto: Archiv/Veigel

Region - Nichts ging mehr am Mainzer Bahnhof in den vergangenen Tagen. Das Stellwerk vollkommen überlastet. Wäre ein vergleichbares Chaos wie in Mainz auch in Heibronn denkbar? "Jederzeit", sagt Martin Herion, Leiter der Stuttgarter Geschäftsstelle der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). "Die Personalsituation in Heilbronn ist wie in anderen Stellwerken auch angespannt."

Urlaub

Werner Graf, Pressesprecher der Deutschen Bahn, sieht das anders. Die personellen Engpässe seien aufgrund einer Verquickung unglücklicher Umstände entstanden: Mitarbeiter, die krank wurden, Mitarbeiter, die im Urlaub sind. In Baden-Württemberg funktionierten dagegen alle Stellwerke, sagt Graf. "Wir haben hier nicht im entferntesten eine Situation wie in Mainz."

Hans-Martin Sauter vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) sprach mit verschiedenen Fahrdienstleitern aus Baden-Württemberg, die namentlich jedoch keinesfalls genannt werden möchten. Das Ergebnis sei ernüchternd: Sollten nur wenige Fahrdienstleiter in einem Stellwerk ausfallen, drohe der Zusammenbruch des ganzen Systems. Ruhezeiten könnten die Beschäftigten zudem nicht mehr regelmäßig einhalten.

Auch die Altersstruktur der Bahnbeschäftigten ist nach Angaben von gewerkschafter Herion ein Problem. Zwischen 48 und 50 Jahren liege der Altersschnitt der Beschäftigten der DB-Netz AG, zu der die Mitarbeiter in den Stellwerken gehören. Nachwuchs fehlt. Grund sei der Einstellungsstop vor einigen Jahren.

Im Heilbronner Stellwerk müssen die Fahrdienstleiter zudem mit betrieblichen Besonderheiten zurechtkommen, sagt Herion. Als Kreuzungsbahnhof führen von Heilbronn mehrere Linien weg. Auch der Güterverkehr habe eine große Bedeutung.

Der Personalabbau vor einigen Jahren wird offenbar auch in anderen Sparten der Bahn deutlich. Nach Angaben von Hans-Martin Sauter sucht die DB Regio, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, in Heilbronn auch intensiv nach Lokführern. Verspätungen gab es für die Bahnkunden in der Region in Folge des Mainzer Bahnchaos indes kaum. "Die Auswirkungen sind gering, da Heilbronn bisher noch vom Fernverkehr abgehängt ist", sagt Stefan Buhl, baden-württembergischer Landesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn.

Verantwortung

Deren Pressesprecher Gerhard Stolz sieht zudem die Politik in der Verantwortung und verweist auf die jährliche Dividendenzahlung von etwa 500 Millionen Euro, die das Unternehmen an den Bund abführen muss. Das Bundesverkehrsministerium spricht dagegen von jährlichen Investitionen von etwa vier Milliarden Euro, die in den Erhalt und Ausbau der Schieneninfrastruktur fließen.

Die Deutsche Bahn reagiert seit 2010 auf die zunehmende Personalknappheit. In den vergangenen zwei Jahren wurden zusätzlich etwa 20 000 neue Mitarbeiter eingestellt. Weltweit arbeiten etwa 300 000 Menschen bei der Deutschen Bahn. In Mainz hat sich der Bahnbetrieb mittlerweile wieder normalisiert.

Hintergrund: Arbeit der Fahrdienstleiter

Bei der Deutschen Bahn arbeiten rund 12 000 Fahrdienstleiter. Sie entscheiden, ob ein Zug fährt oder nicht. Sie stellen Signale und Weichen per Hebel, Tasten oder Mausklick. Die Fahrdienstleiter sind verantwortlich für einen sicheren Zugverkehr, wobei die Fahrpläne möglichst eingehalten werden sollen. Grundprinzip ihrer Arbeit ist ein Sicherheitsabstand zwischen zwei Zügen. In einen freien Streckenabschnitt darf nur ein Zug einfahren. In Deutschland gibt es rund 3400 Stellwerke, etwa 400 in Baden-Württemberg. dpa

 

Kritiker: Bahnchaos möglich
Hier gab es bislang keine Probleme: das Stellwerk in Heilbronn.Foto: Heizereder

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