Kaufland-Recherche: Leiharbeiterin in Sonderstellung

Möckmühl/Heilbronn  Hintergründe zur Recherche rund um die Zeitarbeitsfirmen im Möckmühler Kaufland-Dienstleistungszentrum.

Von Christian Gleichauf

Verdi-Gewerkschaftssekretär Thomas Müssig im Gespräch mit einer Leiharbeiterin aus dem Kaufland-Fleischwerk Möckmühl.

Harte Arbeit war Agata M. gewohnt. Die 26-jährige Polin hat seit zwei Jahren im Möckmühler Kaufland-Fleischwerk gearbeitet, zuletzt bei rund fünf Grad an der Maschine gestanden und Fleisch verpackt. Zuerst für den Personaldienstleister Rahmer, anschließend für die Firma Easy. Zum Wechsel war es nach der kritischen Berichterstattung in der Heilbronner Stimme gekommen. Doch dieser Wechsel brachte für Agata M. keine Verbesserung.
 
Das so begonnene Arbeitsverhältnis endete nach wenigen Monaten vor dem Arbeitsgericht in Heilbronn, weil Easy die Frau betriebsbedingt gekündigt hatte. Auftraggeber Kaufland hatte offenbar nicht mehr genügend Arbeit. Der Gütetermin für die Kündigungsschutzklage fand im Januar in Heilbronn statt.

 
Urlaubsgeld wurde erst nach Schreiben überwiesen 
 
Agata M. (Name geändert) erklärt bei einem gemeinsamen Treffen mit Verdi-Gewerkschaftssekretär Thomas Müssig, dass sie nach dem Wechsel zu Rahmer mit deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen zu kämpfen hatte. Persönlich sei sie ins Visier der Vorgesetzten geraten, nachdem sie wegen des nicht ausbezahlten Urlaubsgelds aktiv geworden war. Denn bevor sie den Arbeitsvertrag bei Easy unterschrieben hatte, sei ihr und den anderen Rahmer-Mitarbeitern zugesichert worden, dass sie keine Nachteile in Kauf nehmen müssten. Und dann fehlte im Juni schon das eigentlich fest eingeplante Urlaubsgeld von 150 Euro.

Als Nachfragen keine Wirkung zeigten, habe sie einen Brief an Kaufland aufgesetzt, der von anderen Mitarbeitern unterschrieben wurde. Als Easy-Vorarbeiter davon erfuhren, sei das Urlaubsgeld überwiesen worden. „Ich habe mich unbeliebt gemacht“, sagt sie. Easy wird später erklären, dass die Software für den Fehler verantwortlich war. Von einem Brief wisse man nichts.
 
Agata M. war unter dem neuen Arbeitgeber allerdings auch häufiger krank. „Mein vierjähriger Sohn brachte ständig was aus dem Kindergarten mit nach Hause“, erzählt die 26-Jährige. Dazu kamen die kühlen Temperaturen bei der Arbeit. Absichtlich krank gemacht habe sie nie. Doch wer sich krank melde, komme auf eine schwarze Liste, habe ein Easy-Mitarbeiter gesagt.
 
Existenz einer schwarzen Liste lässt sich nicht nachweisen
 
Ob es so eine schwarze Liste tatsächlich gibt, lässt sich nicht nachweisen. Für die Kündigung war nach übereinstimmenden Aussagen ihres Chefs und Kauflands jedenfalls ein anderer Punkt ausschlaggebend: Kaufland sei für die Entlassung verantwortlich. Wegen fehlender Aufträge wurden mehrere Leiharbeiter „namentlich abgemeldet“. Ihre Arbeitskraft wurde nicht mehr benötigt. Weil die Leiharbeitsfirma kurzfristig keine andere Einsatzmöglichkeit sah, wurde ihr die Kündigung zugestellt. So erklärt es Easy-Geschäftsführer Andreas Liebenow vor dem Arbeitsgericht.
 
Dass Agata M. diesen Arbeitsgerichtstermin wahrnehmen kann, ist für ihre Anwältin Johanna Kortmann aus Stuttgart nicht selbstverständlich. „Viele, die sich eigentlich wehren könnten, tun es nicht“, sagt Kortmann. Aus dem einfachen Grund, weil sie in den sogenannten Hotels wohnen, den Unterkünften, die der Arbeitgeber für mehrere Hundert Euro pro Bett an seine Arbeitnehmer weitervermietet. Somit müssen sie ihr Zimmer räumen, sobald sie die Kündigung erhalten. Für Klagen vor deutschen Arbeitsgerichten bleibt dann keine Zeit.

Agata M. dagegen wohnt mit ihrer Familie in einer selbst angemieteten Wohnung in Adelsheim. Sie ist damit sozusagen in einer privilegierten Situation, kann auf ihr Recht bestehen. Es ändert allerdings auch nichts an der Tatsache, dass sie als Alleinverdienerin für ihre Familie nun vor riesigen Problemen steht.

Langwierige Recherchen und misstrauische Mitarbeiter
 
Trotz der Offenheit, mit der Agata M. sprechen kann, und trotz der Aussagen von vielen anderen Arbeitern, bleiben viele Punkte im Ungefähren. Abermals erstrecken sich die Recherchen rund um die Zeitarbeitsfirmen über Monate. Bei Besuchen in den „Hotels“ erzählen die Mitarbeiter teils offen von ihren Erfahrungen, dann antworten sie plötzlich nicht mehr auf Nachfragen. Dazu kommen Verständigungsschwierigkeiten. Gewerkschaftssekretär Thomas Müssig, selbst in Polen aufgewachsen, ist immer wieder als Übersetzer zur Stelle, spricht aus beruflichem und persönlichem Interesse mit zahlreichen Mitarbeitern. Das Misstrauen ist aber auch ihm gegenüber groß.
 
Viele Puzzlesteine ergeben trotzdem ein zunehmend konkretes Bild. Zentrale Maxime bei der Berichterstattung bleibt, keine Vorwürfe zu äußern, die man nicht belegen kann oder zu denen die Gegenseite nicht Stellung bezieht. So auch diesmal. In mehreren Mails bekamen die Firmen die Gelegenheit, auf Aussagen zu reagieren, falsche Tatsachenbehauptungen zu entkräften. Das ist in mehreren Fällen auch passiert. Im persönlichen Gespräch wurden weitere Punkte geklärt. Kaufland wie auch Easy demonstrierten hier Transparenz.

Ein zentrales Problem: Zahlreiche Vorwürfe können weder verifiziert noch öffentlich gemacht werden, ohne damit gleichzeitig die Quelle zu verraten. Das aber sollte in jedem Fall vermieden werden. Schließlich soll die Berichterstattung unserer Zeitung nicht zum Bumerang für die Betroffenen werden.
 
Schwierig auch die Einschätzung der verschiedenen Zeitarbeitsfirmen. Offenbar gibt es durchaus größere Unterschiede beim Umgang mit den Mitarbeitern. Manche bezahlen Zuschläge freiwillig, andere nicht. Manche bezahlen Zuschüsse zu Unterkünften, andere nicht. Manche sichern ihren Mitarbeitern Vollzeitstellen, andere nicht. Doch eine Einteilung in Gut und Böse wäre an dieser Stelle nicht angebracht.
 
Kündigung statt Festanstellung 

Für Agata M. wird es am Ende wohl keinen Weg zurück ins Möckmühler Fleischwerk geben. Dabei hatte sie sich noch im Sommer Hoffnungen gemacht, dass sie auch eine Festanstellung bei Kaufland direkt bekommen könnte. „Ich bin angesprochen worden, ob ich mich nicht bewerben möchte“, erzählt die junge Frau. Doch als sie sich dann tatsächlich beworben habe, kam die Absage. Jetzt die Kündigung mit anschließendem Vergleichsangebot vor dem Arbeitsgericht.

Wie die Geschichte endet, ist bislang offen.

 

Leiharbeiter in der Abhängigkeitsfalle

Im Kaufland-Fleischwerk Möckmühl sind Arbeitskräfte aus osteuropäischen Ländern nach wie vor mit teils üblen Arbeitsbedingungen konfrontiert. Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen klagen über Schikanen. Kaufland wollte solchen Praktiken eigentlich einen Riegel vorschieben. Recherchen unserer Zeitung zeigen, dass dies bislang nur teilweise gelungen ist. >>Zum Artikel


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