Missbrauchsskandal: Eberhard von Gemmingen nimmt Jesuitenorden in Schutz (12.02.2010)

Interview - Die Fälle sexuellen Missbrauchs an Jesuitenschulen erschüttern auch Jesuiten selbst. Im Gespräch mit Stimme-Redakteur Adrian Hoffmann äußert Eberhard von Gemmingen, von 1982 bis 2009 Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, seine Betroffenheit.

Der in Bad Rappenau geborene und in Neuenstadt-Bürg aufgewachsene Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen leitet seit Jahresbeginn die Spendenzentrale der Gesellschaft Jesu in München. Foto: HSt-Archiv / Dittmar Dirks


Interview - Die Fälle sexuellen Missbrauchs an Jesuitenschulen erschüttern auch Jesuiten selbst. Im Gespräch mit Adrian Hoffmann äußert Eberhard von Gemmingen, von 1982 bis 2009 Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, seine Betroffenheit. Der 73-jährige Jesuitenpater hofft, dass die Menschen nicht von einzelnen Missetaten auf die gesamte katholische Ordensgemeinschaft schließen.


Pater von Gemmingen, wie geht es Ihnen?

Eberhard von Gemmingen: Den Umständen entsprechend schlecht.


Sie waren ja selbst Schüler und Präfekt am Jesuitenkolleg in St. Blasien, wo es auch Opfer gab. Wie war Ihre Reaktion auf die Missbrauchsfälle?


Von Gemmingen: Natürlich sind wir Jesuiten in Deutschland und speziell auch in St. Blasien betroffen, erschüttert, traurig, ärgerlich, beschämt. Das trifft uns tief – und wir fragen uns, was wir machen müssen, dass so etwas nie wieder passiert.


Der Jesuitenorden selbst hat nun dieses unangenehme Thema aus der Vergangenheit öffentlich gemacht. Wie bewerten Sie das Vorgehen Ihres Ordens?

Von Gemmingen: Es ist immer besser, man schlägt sich selber an die Brust, als dass andere bittere Pfeile schießen - wie zum Beispiel der Spiegel. Wer sich selbst an die Brust schlägt, auf den haut man nicht so ein. Sondern man sagt: Wenn die sich selber bekehren, dann ist das gut. Ich finde das richtig, so sollte das in Zukunft überall sein.


Wieso ist man früher mit solchen Fällen im Jesuitenorden ganz anders umgegangen?

Von Gemmingen: Weil viele bürgerliche und kirchliche Einrichtungen damit so umgegangen sind. Man muss festhalten: Die Menschheit hat offenbar doch Fortschritte gemacht. Denn früher hat man nur versucht, öffentlichen Skandal zu vermeiden, heute geht man vom Leid der Opfer aus und darf Missbrauch von Jugendlichen nicht tolerieren. Heute darf man ja auch Frauen und  Kinder gottlob nicht mehr schlagen. Also man darf nicht nur den Jesuiten vorwerfen, sie hätten früher weggeschaut. Früher haben alle weggeschaut. Man hat das toleriert, schweigend. Und ich fürchte, dass noch viele Missbrauchsfälle in kirchlichen und bürgerlichen Schulen auftauchen, wenn es Ankläger gibt.


Warum wurden keine Anzeigen bei der Polizei erstattet?

Von Gemmingen: Weil das früher nicht üblich war. Sexuellen Missbrauch von Jugendlichen gab es sicher jahrhundertelang. Wenn ein Jugendlicher seinen Eltern gesagt hätte, mein Pfarrer hat mich angefasst, dann hätten ihm die Eltern eine Ohrfeige gegeben und gesagt: Das kann nicht sein. Die Welt war ganz anders. Wir Jetzige dürfen aber nicht Pharisäer sein und meinen, wir sind besser. Wir sind überhaupt nicht besser. Nur werden solche Fälle heute Gott sei Dank aufgedeckt.


Selbst in den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz von 2002 zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch steht: Man werde die Täter kirchenintern maßregeln – und gegebenenfalls die Strafverfolgungsbehörden einschalten. Wieso nur gegebenenfalls?

Von Gemmingen: Ich kann nur sagen, dass unser Provinzial dem Pater, der heute noch Jesuit ist, gesagt hat, bitte zeige dich bei der Polizei an – das hat er getan. Was „gegebenenfalls“ bedeutet, weiß ich nicht.


Welche Aussagen kann man denn noch glauben, wenn es heißt, die Kirche sei an Aufklärung interessiert?

Von Gemmingen: Ich würde an dem Wörtchen „gegebenenfalls“ die ganze Geschichte nicht aufhängen. Der Jesuitenorden hat in Berlin vor Jahren eine unabhängige Fachjuristin beauftragt, an die sich Missbrauchsopfer wenden können und müssen. Sie muss untersuchen und gegebenenfalls rechtliche Schritte einleiten. Heutzutage ist es klar, dass sexueller Missbrauch nicht sein darf. Dass die Vorgesetzten sehr aufmerksam sein müssen, dass so etwas nicht passiert. Aufmerksamer als früher.


Haben Sie Verständnis, wenn man als Außenstehender den Eindruck bekommt, die Jesuiten hätten diese Fälle bewusst verjähren lassen wollen?

Von Gemmingen: Nein. Um Gottes Willen. Die Fälle wurden ja jetzt erst aufgedeckt, weil jetzt Anklagen von Opfern kamen. Und diese Anklagen kamen vermutlich, weil Fälle in den USA und Irland bekannt wurden.


Mittlerweile sind es drei Jesuiten.                     
                    
Von Gemmingen: Wir sind jetzt bei drei Jesuiten, ja. Ich hoffe, dass keine weiteren Jugendlichen in Einrichtungen der Jesuiten sexuell missbraucht wurden. Ich hoffe es.


Der gesamte Orden soll die lange bekannten Vergehen vertuscht haben, berichten viele Medien. Kann man das so sagen?

Von Gemmingen: Die Medien sollten bemerkt haben, dass der Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin in die Öffentlichkeit gegangen ist. Wir selbst haben die Initiative ergriffen. Wir haben Vorwürfe aufgegriffen über Vorfälle, die vor 30 Jahren passiert sind.


Haben Sie es selbst auch erst jetzt erfahren?

Von Gemmingen: Ja selbstverständlich. Der ganze Orden wurde jetzt überrascht.


Sie selbst waren am Kolleg in St. Blasien, einige Jahre, bevor es zu dem nun öffentlich gewordenen Missbrauch an Schülern kam. Gab es auch in Ihrer Zeit bereits Gerüchte über Missbrauchsfälle?

Von Gemmingen: Nein! Zu der Zeit, als ich Schüler dort war – von 1948 bis 1956 – war von so etwas wie von sexuellem Missbrauch durch Vorgesetzte oder auch homosexuellen Handlungen nie die Rede. Ich meine, möglicherweise gab es sie damals. Aber unsere Gesellschaft hat sich ja sehr verändert. Und so wie im Altertum die homosexuellen Neigungen zugenommen haben, so glaube ich, haben sie auch in unserer Zeit zugenommen. In meiner Schulzeit dachte kein Mensch daran und sprach kein Mensch davon – auch in meiner Präfektenzeit von 1962 von 1965 nicht. Und ich muss auch sagen, Tausende von Schülern sind durch St. Blasien, die Schulen in Berlin und Godesberg gegangen und sind glücklich über ihre Schulzeit. Es ist ganz schlimm, was passiert ist. Aber wenn man jetzt den Jesuitenorden oder die  Schulen schlecht macht, dann ist man einfach böse und töricht.


Kannten Sie die Jesuiten-Patres, die des sexuellen Vergehens an Jugendlichen beschuldigt werden?

Von Gemmingen: Den zuletzt bekannt gewordenen kenne ich persönlich. Und ich stehe zu ihm. Der hat gesündigt, wenn ich das so sagen darf. Aber leider laufen in Deutschland noch viele andere Sünder rum, auf die niemand mit dem Finger zeigt.


Was halten Sie von den Versetzungspraktiken, die in der Vergangenheit angewandt worden sind?

Von Gemmingen: Man meinte damals, dass dies reicht. Ich sage natürlich heute: Man muss der Stelle, an die einer versetzt wird, sagen, dieser Mann darf nie mit Jugendarbeit zu tun haben.


Wie wird sich das Image von Jesuitenschulen verändern?

Von Gemmingen: Ich hoffe, dass jetzt etwa unsere honorigen Altschüler –  etwa Thomas de Maizière, Heiner Geißler und manche andere – sagen: Es ist gut, dass die Missbrauchsfälle aufgedeckt werden. Aber es ist fatal, nun den ganzen Orden schlecht zu machen.

Natürlich gibt es immer irgendwo schwarze Schafe. Aber woran liegt es, dass manche Menschen über eine solche Nachricht gerade aus kirchlichen Einrichtungen nicht sonderlich erstaunt sind?

Von Gemmingen: Es sind etliche nicht erstaunt, weil sie von der Kirche immer schon schlecht gedacht haben. Sei es aufgrund von persönlichen Erfahrungen, sei es aufgrund von Vorurteilen. Sei es aufgrund von simpler Unbildung. Aber die Leute, die mit der Kirche solidarisch sind, sind natürlich traurig darüber, sehr traurig. Und auch enttäuscht. Aber ich kann da nur Romana Guardini (katholischer Religionsphilosoph) zitieren: Wer an der Kirche nicht leidet, der liebt sie nicht.


Inwiefern kann der Zölibat als Ursache für pädophile Handlungen gesehen werden?

Von Gemmingen: Der Zölibat ist in sich eine gute Sache. Aber muss natürlich gerade heute aufmerksamer sein, dass sich nicht Männer für das Priestertum und den Ordensstand melden, die mit ihrer Sexualität nicht zu Rande kommen. Aber es gibt auch Unzählige Priester, die damit gut leben und ein Segen sind für die Menschheit. Man darf nicht denken, alle Zölibatäre trieben Missbrauch. Es kommen eben einige der Zölibatäre nicht damit zu Rande. Sie hätten diesen Weg nicht gehen sollen. Man hätte sie nicht aufnehmen dürfen.


Aber wie können solche Missbrauchsfälle denn verhindert werden?

Von Gemmingen: Indem man die Kandidaten  vor dem Eintritt in das Priesterseminar oder in den Orden einer psychologischen Untersuchung unterzieht durch einen unabhängigen Psychologen. Der kriegt das dann schon raus, ob dieser Mann geeignet ist oder nicht. Ein Fachmann, der die Frage der Pädophilie gut studiert hat, sagt: Pädophilie ist eine angeborene Neigung, die Menschen bis ins hohe Alter nicht loswerden. Aber man kann mit dieser angeborenen Neigung souverän umgehen, indem man sie nicht auslebt. Genauso wie bei anderen bösen Neigungen. Nicht jeder, der kleptoman ist, stiehlt ununterbrochen.


Hat man im Jesuitenorden denn schon eine Idee, wie es jetzt weitergehen soll?

Von Gemmingen: Das weiß ich nicht. Ich fürchte, es werden sich in Deutschland noch weitere Opfer von sexuellem Missbrauch melden. Nicht nur bei Jesuiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in anderen Orden, anderen kirchlichen Einrichtungen und vor allem bürgerlichen Einrichtungen keine sexuellen Übergriffe gegeben hat. Wer das glaubt, der ist schon ziemlich naiv.  Fachleute weisen außerdem darauf hin, dass die meiste sexuelle Gewalt, die nicht angeklagt wird, in Familien stattfindet.


Wie können sich die Jesuiten von diesen Schlagzeilen jemals wieder erholen?


Von Gemmingen: Indem wir vorerst mal anständige Arbeit machen. 99 Prozent unserer Arbeit ist gut und muss so weitergeführt werden. Wir müssen halt den Sturm aushalten, wir müssen das Übel ausrotten, das Übel nicht mehr zulassen – gar keine Frage. Aber gut weiterarbeiten. Und dann wird die Menschheit, wenn sie nicht ganz töricht ist, auch wieder zu anderen Themen übergehen.


Muss die Kirche dann nicht deutlicher klar machen, dass die Fürsorge zuerst dem Opfer gilt, wie es in den Leitlinien heißt – und nicht der Täter geschützt wird?

Von Gemmingen: Daran arbeiten wir.



Zur Person: Eberhard von Gemmingen

Der in Bad Rappenau geborene und in Neuenstadt-Bürg aufgewachsene Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen war von 1982 bis 2009 Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan – seit Beginn 2010 leitet er die Spendenzentrale der Gesellschaft Jesu in München. Nach der Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum Papst Benedikt XVI. führte er das erste persönliche Interview mit ihm.

In eigener Sache
: Im Missbrauchsskandal an Jesuitenschulen hat Pater Eberhard von Gemmingen im ursprünglichen Interview mit einem Verweis auf die Judenverfolgung vor einem Generalverdacht gegen seinen Orden gewarnt. Diesen Vergleich zog er anschließend wieder zurück. Wir haben diese Passage auf Wunsch des Jesuitenpaters nachträglich aus dem autorisierten Interview gestrichen. „Ich ziehe diesen Vergleich mit den Juden zurück, denn er ist unzutreffend“, sagte von Gemmingen gegenüber der Heilbronner Stimme.

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