Im Gesundbrunnen krankt es an vielen Ecken

Heilbronn - Warum das Krankenhaus am Heilbronner Gesundbrunnen für mindestens 165 Millionen Euro umgebaut werden muss, das erfahren die Mitarbeiter der größten Stadt-Landkreis-Klinik täglich. Das Haus ist unwirtschaftlich bis zur Schmerzgrenze.

Von Iris Baars-Werner

SLK-Kliniken Kurt Mauser (rechts) und sein Kollege Theo Hötzel müssen bis zu 400 Kilogramm die langgezogene Schräge hochschieben – und das mehrfach am Tag. Fotos: Guido Sawatzki



Heilbronn - Wer begreifen will, warum in den nächsten Jahren mindestens 165 Millionen Euro in das Krankenhaus am Heilbronner Gesundbrunnen investiert werden sollen, der muss der Klinik einen Besuch abstatten. Es wird ein Krankenbesuch im etwas anderen Wortsinne: In dieser Klinik krankt es an allen Ecken und Enden.

An der Notfallanfahrt möchte Professor Wolfgang Linhart, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie, keine Katastrophe mit zahllosen Rettungswagen und hunderten Schwerverletzten abwickeln müssen. Denn schon der normale Alltag erscheint bisweilen als Katastrophe. Weil kein Wendebereich vorhanden ist und die Anfahrt nicht wie heute üblich über einen Kreisel abgewickelt wird, fahren die Rettungssanitäter die enge Einfahrt an, drehen und rangieren den Krankentransporter rückwärts am Hang gegen die Schwerkraft in die überdachte Anlieferung. Bei zwei Autos geht das noch, kommen vier und mehr Wagen sind Geschicklichkeit und Geduld gefragt.

Keine Intimsphäre

Nennt Linhart schon das „völlig ungeeignet“ angesichts der Tatsache, dass jeden Tag rechnerisch 100 Anfahrten stattfinden, so geht der Stau in der chirurgischen Ambulanz und Notaufnahme weiter. Hat es geschneit, steht hier eine Trage an der anderen, Notfälle, einbestellte Patienten, wartende Angehörige: „An Intimsphäre ist nicht zu denken“, berichtet der Chefarzt. Mehr Platz wäre heilsam. „Manchmal muss man warten bis irgendein Loch frei wird,“ erzählt Linhart offenherzig: „Wir freuen uns alle auf ein neues Krankenhaus.“

Dass der Neubau dringend notwendig ist: Für Kurt Mauser, leitender Pfleger in der Medizinischen Intensivstation, ist das keine Frage. Er schiebt wie seine Kollegen und die Schwestern mehrmals am Tag 250 Kilogramm schwere Krankenbetten die lange schräge Ebene zwischen den Stationen und den Operationssälen hin und her. Auf 400 Kilogramm erhöht sich das zu bewältigende Gewicht, einmal durch den Kranken, aber auch durch Beatmungs-, Infusions- und Überwachungsgeräte, die mitgeschleppt werden müssen. Bis zu acht Minuten dauert so ein Transport.

Unwirtschaftlichkeit bis zur Schmerzgrenze, das ist auch in Patientenzimmern Arbeitsalltag: Will Schwesternhelferin Brigitte Gläss das hintere Bett bewegen, muss sie das vordere zuerst hinaus bugsieren. Die Zimmer sind zu klein. Wissentlich: Nur bis zu dieser Größe gab es staatliche Zuschüsse. Eine Tatsache, die sich in der Krankenhausfinanzierung hinter dem Ausdruck verbirgt, das Land übernehme 80 Prozent der „förderfähigen Kosten“. Alles darüber hinaus muss der Träger, damals die Stadt Heilbronn, heute die Stadt-Landkreis-Kliniken-GmbH, selbst bezahlen.

Gebäudeansammlung

„Wir müssen die Kosten senken und pro Zeiteinheit mehr Leistung bringen“: Professor Uwe Schulte-Sasse, Chef der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin, scheut sich nicht, die Rahmenbedingungen für Kliniken in Zeiten überbordender Gesundheitskosten zu benennen. Der Gesundbrunnen, einst von Heilbronn als „Gesamtklinikum“ geplant, ist für ihn eine „Gebäudeansammlung“ mit einem „Zentral-OPechen“ hier und einer „teuren OP-Insel“ da. Dezentral ist unwirtschaftlich und „extrem schwierig“, schließlich muss die Sicherheit der Kranken garantiert sein. „Anstreichen nützt nichts“, spottet der Chefarzt. Und schwärmt von den Bauplänen mit Zentral-OP und kurzen Wege: „Das ist sensationell, wenn das fertig ist.“

Neubaupläne der SLK

Die Stadt-Landkreis-Klinik-GmbH (SLK) Heilbronn plant Neubauten. Bis 2015 soll der Plattenwald Bad Friedrichshall für 120 Millionen Euro neu gebaut werden. Er war 1977 eröffnet worden. Möglichst zeitgleich soll der Gesundbrunnen Heilbronn (im ältesten Teil stammt er von 1972, im jüngsten von 1997) erneuert werden: für 165 Millionen Euro im ersten Bauabschnitt.



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