Stiftungsgeschäftsführer Dr. Erhard Klotz und Klaus Czernuska: Jährlich 20 Millionen investieren

Interview - Mit dem Vorhaben, einen Bildungscampus in Heilbronn zu bauen und mit der Förderung für die Experimenta macht die Dieter-Schwarz-Stiftung Furore. Mit den Stiftungsgeschäftsführern Dr. Erhard Klotz und Klaus Czernuska sprach Iris Baars-Werner.

Stiftungsgeschäftsführer Erhard Klotz (rechts) und Klaus Czernuska. Klotz betreut das Thema Hochschulen, Czernuska Experimenta und AIM.


Heilbronn - Mit dem Vorhaben, einen Bildungscampus in Heilbronn zu bauen und mit der Förderung für die Experimenta macht die Dieter-Schwarz-Stiftung Furore. Mit den Stiftungsgeschäftsführern Dr. Erhard Klotz und Klaus Czernuska sprach Iris Baars-Werner.



Was treibt die Stiftung, sich mit Millionen für Bildung zu engagieren?

Dr. Erhard Klotz: Hinter der Dieter-Schwarz-Stiftung steckt kein Steuer-Ersparnis-Modell. Die Stiftung ist Eigentümerin der Unternehmen Lidl und Kaufland. Sie schütten Geld an die Stiftung aus. Der Stifter hat vom Anfang im Jahr 1999 an gesagt, dass er das Geld in Bildung investieren möchte. Dieter Schwarz sagt, der einzige Rohstoff dieses Landes sind die Köpfe.



Mit dem Bildungscampus gehen Sie auf Jahrzehnte Millionenverpflichtungen ein.

Klotz: Wir begannen im Jahr 2000 mit Stiftungsprofessuren für Hochschulen. Inzwischen haben wir ein hervorragendes Portfolio an Stiftungsaufgaben, das vom Kindergarten bis zur Hochschule geht. Darauf kann man aufbauen. Zur Abrundung kommt nun der Campus für alle Bildungseinrichtungen.



Alle reden von Krise. Haben Sie das teure Engagement schon bereut?

Klotz: Im Gegenteil.

Klaus Czernuska: Die Krise beweist, dass es notwendig ist, Mittel in Bildung und in Köpfe zu investieren. Es ist ein Ziel des Unternehmens, Nachhaltigkeit zu schaffen.



Mit der Experimenta bewegt sich die Stiftung über die klassische Bildung hinaus. Nur die Zusage von Dieter Schwarz, das Science Center auf Dauer zu finanzieren, machte eine Einrichtung dieser Bedeutung möglich. Ist es die Spielwiese des Stifters?

Czernuska: Es passt exakt in das Spektrum Bildung. Wenn man Science Center übersetzt, dann wird klar: Es geht um Wissen, um Wissensvermittlung und damit um Bildung, beispielsweise über naturwissenschaftliche Phänomene. Es geht darum, dieses Wissen begreifbar zu machen. Kein anderes Center hat so viele Forschungslabore wie wir. Das ist nicht nur ein Erlebnispark. Das ist ein Ort, an dem man spielerisch Bildung erlangt.



Man nimmt noch nicht viel wahr von der Experimenta.

Czernuska: Am 12. November 2009 ist Eröffnung. Davor gibt es einen probeweisen Vorlauf.



Auf wie viele Besucher hoffen Sie?

Czernuska: Neunzig- bis hunderttausend pro Jahr.



Wie viele Mitarbeiter gibt es?

Czernuska: Rund 30, dazu gehören auch Studenten oder pensionierte Ingenieure.



Wer die Raum- und Finanznot der staatlichen Hochschule sieht, fragt sich: Warum investieren Sie die Millionen nicht hier?

Klotz: Es ist problematisch, als Privater etwas gemeinsam mit dem Staat zu machen. Im Bildungscampus umgehen wir das, indem wir für die neue Außenstelle der Berufsakademie nur einen Zuschuss geben...



Nur ist gut: 2,7 Millionen Euro im Jahr allein für den Alltagsbetrieb.

Klotz: Der Staat wickelt alles ab. Die Gebäude mietet er von uns.



Ist es eine ideologische Frage: privat, nicht staatlich?

Klotz: Die Strukturen in einer öffentlich-rechtlichen Hochschule sind sehr stringent, mit aufwendigen Prozessen. Bei uns läuft das ganz anders, obwohl auch eine private Hochschule die Grundordnung beachten muss und Professoren und Senat Mitspracherecht haben.



Was müsste denn passieren, dass die Stiftung mehr Geld in die staatliche Hochschule steckt?

Klotz: Es fehlt bisher an einer größeren Unterstützung der Wirtschaft insgesamt für die Hochschule Heilbronn. Es kann nicht sein, dass man immer wieder einen Bedarf ausmacht – und dann stets aufs Neue nur auf Herrn Schwarz zukommt.



Warum unterstützen Sie die Berufsakademie, die BA, um beim bekannten Namen zu bleiben? Ist es die Nähe zum Unternehmensalltag?

Klotz: Sie passt einfach gut zur Dieter-Schwarz-Stiftung. Bei der HBS haben wir ein berufsbegleitendes Studium, bei der BA ein grundständiges berufsbegleitendes Studium.



Warum speziell Mosbach?

Klotz: Das ist eine politische Entscheidung zugunsten der Region Heilbronn-Franken. Hätten wir das mit der BA Stuttgart gemacht, hätte es Mosbach langfristig geschadet.



Die Heilbronner Außenstelle, sagen Kritiker, schwäche Mosbach.

Klotz: Das Gegenteil ist richtig: Nur so kann Mosbach stark bleiben. Wir wollen uns mit der Außenstelle in Heilbronn nicht verselbständigen.



Mit dem Geld werden keine Partikularinteressen der Wirtschaft und eines Unternehmers verfolgt?

Klotz: Nein. Die Region und Heilbronn sind dankbar, dass mehr geschaffen werden kann als mit öffentlichen Mitteln möglich wäre.



Ist die Unabhängigkeit der Bildung gewährleistet?

Klotz: Die Stiftung nimmt keinen Einfluss auf den Hochschulbetrieb.



Die Bedürfnisse der Wirtschaft diktieren aber längst die Bildungsziele.

Klotz: Man versucht, bedarfsgerecht auszubilden. Das heißt doch nicht, dass man alles nach ökonomischen Maßstäben misst. Tatsache ist, dass das staatliche Geld gar nicht ausreicht, um mit der globalen Entwicklung mitzuhalten. Ohne das Engagement der Wirtschaft wird es wie schon in den USA bald auch in Europa nicht mehr gehen.



Mancher hält die HBS für ein Millionengrab. Wann kommt der return of invest?

Klotz: Der kommt mit der Qualität. Anfangs hatten wir uns etwas andere Hoffnungen gemacht, was die Zahlen angeht. Seit wir unsere eigenen Studiengänge anbieten, wissen wir, dass wir sehr viel stärker auf Qualität achten müssen. Es geht darum, dass wir in einer Region, die nicht Frankfurt oder Stuttgart heißt, aber eine Region der Weltmarktführer ist, Führungskräfte bekommen und halten.



Die dritte Einrichtung auf dem Campus ist die AIM. Ist die auf Konsolidierungs- oder auf Wachstumskurs?

Czernuska: Beides. Das Bisherige konsolidieren und dabei neue Entwicklungen aufnehmen wie die Fortbildung von Tagesmüttern, die neuen rechtlichen Anforderungen entsprechen muss. Das Programm dazu wollen wir bieten. Zudem werden wir unser Aufgabenspektrum erweitern. Wir stehen vor dem Start eines neuen Schwerpunktes unter dem Motto „Migration, Integration, Begabungen fördern“.



Was umfasst das?

Czernuska: Wir haben viele Hauptschüler, die keine guten schulischen Ergebnisse vorweisen. Das führt dazu, dass sie keine Arbeit finden. Es hat keinen Sinn, das später zu reparieren. Es muss dann beginnen, wenn das Kind am lernbegierigsten ist. In jedem Kind sind Begabungen vorhanden, die geweckt, gefördert und begleitet werden müssen. Hier wollen wir aktiv werden, mit den Kindergärten und Grundschulen, mit den Schulträgern, also den Kommunen, und mit den Lehrkräften. Wir werden ihnen den Zusatzaufwand vergüten.



Das klingt nach einem großen Maßnahmenpaket.

Czernuska: Wir planen, dafür das Budget der AIM zu verdoppeln von derzeit zwei auf vier Millionen Euro.



Reden wir weiter über Zahlen: Was kostet das alles?

Klotz: Die Stiftung hat jährlich 20 Millionen Euro zur Verfügung.

Czernuska: Hinzu kommen die baulichen Investitionen.



Und Personal? Sie zwei und ...?

Klotz: Kein zusätzliches Personal.



Wir wollen Ihnen nicht zu nahe treten, aber der Stifter wird dieses Jahr 70, Herr Czernuska ist 65, Sie Herr Klotz wurden gerade 71. Wie geht es mit der Stiftung weiter?

Klotz: Die Stiftung wird erstmals mit dem Bildungscampus eigene Büros und einen Sitz erhalten. Für diesen Zeitpunkt werden wir auch die Struktur weiterentwickeln.

Czernuska: Es ist an alles gedacht: Das Bildungsengagement der Stiftung ist auf Nachhaltigkeit angelegt.




Hintergrund: Dieter-Schwarz-Stiftung

Die Stiftung wird aus Gewinnen der Unternehmen Lidl und Kaufland gespeist. In Heilbronn gründete sie 2003 die Akademie für Information und Management (AIM). Sie hat einen Schwerpunkt bei frühkindlicher Bildung sowie Kindergarten und Schule. Im Januar 2005 kam die Heilbronn Business School (HBS) im Neckarturm hinzu. Sie bietet ein berufsbegleitendes Studium. Der Betrieb des Science Center Experimenta im Hagenbucher Heilbronn (Eröffnung November 2009) wird auf Dauer von der Stiftung finanziert. Die Baukosten werden auf etwa 30 Millionen Euro geschätzt, die einmalige Ausstattung auf 13 Millionen Euro. Bis 2011 baut die Stiftung einen Bildungscampus innenstadtnah an der Mannheimer Straße in Heilbronn. Neben Mensa und Bibliothek werden Gebäude für die AIM und HBS gebaut sowie Räume für die Stiftung selbst und die Außenstelle der Berufsakademie (BA) Mosbach. Die BA heißt inzwischen Duale Hochschule Baden-Württemberg.




Zur Person: Geschäftsführer

Der Heilbronner Ehrenbürger Dieter Schwarz (69) hat seine Unternehmenszentrale in Neckarsulm und seinen Privatwohnsitz in Heilbronn. Geschäftsführer der Stiftung sind Dr. Erhard Klotz (71) und Klaus Czernuska (65). Klotz (SPD) war lange Jahre Oberbürgermeister in Neckarsulm, leitete die Verwaltung des Innenministeriums und war Hauptgeschäftsführer des Städtetags. Czernuska (CDU) war Bürgermeister in Bad Wimpfen und 16 Jahre Landrat in Heilbronn.



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