Gotteshäuser auf dem Prüfstand

Region  Region - Kirchen aller Konfessionen leiden unter Mitgliederschwund. In der Folge schließen sich vielerorts Gemeinden zusammen. Mitunter werden sogar Gotteshäuser verkauft.

Von unserem Redakteur Kilian Krauth

Gotteshäuser auf dem Prüfstand
In Neckargartach baut ein türkischer Unternehmer derzeit in die neuapostolische Kirche drei Wohnungen ein.Fotos: Berger

Region - Kirchen leiden unter Mitgliederschwund, im Schnitt verlieren sie jährlich 1,5 Prozent der Gläubigen. In der Folge schließen sich Gemeinden zusammen. Mitunter stehen inzwischen sogar Gotteshäuser auf dem Prüfstand oder schon zum Verkauf. Gläubige betrachten dies mit gemischten Gefühlen: vor allem wenn damit eine Umnutzung für weltliche Zwecke verbunden ist.

"Hier in der Dreifaltigkeitskirche ist keinerlei Gottesdienst mehr." So heißt es auf einem vergilbten Zettel im Schaukasten an der Gartenstraße in Kochendorf. Seit drei Jahren konzentriert sich die Gemeinde auf die Barbarakirche jenseits des Kochers. Tatsächlich seien Überlegungen über eine "sinnvolle Weiterverwendung" weit gediehen, erklärt Pfarrer Stefan Vaas, aber derzeit noch nicht spruchreif.

"Mit Kirchenverkäufen ist unsere Diözese zurückhaltend", weiß der katholische Dekan Siegbert Denk. "Aber in Zukunft wird sich das womöglich ändern." Grundsätzlich gelte, dass nicht einfach der Kirchengemeinderat über das Schicksal seiner Kirche entscheidet, sondern letztlich der Bischof. "Schließlich handelt es sich um ein geweihtes Haus, das muss man sich gut überlegen." In katholischen Kirchen finden sich im Altar Reliquien von Heiligen, also in der Regel Knochen. − Nach einer "Profanisierung" der geweihten Stätte müssten diese zurück zum Bischof.

Multifunktional

Auch wenn es bei Protestanten keine heiligen Hallen gibt: Der Verkauf von Kirchen sei − anders als bei Gemeindehäusern − in der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Heilbronn bisher tabu, erklärt Kirchenpfleger Rolf Krieg. Als 1997 die Aukirche nach der Fusion mit der Wartberggemeinde zur Disposition stand, wurde sie nicht verkauft, sondern "übertragen": an eine griechisch-orthodoxe Gemeinde. Anders als es gerüchteweise heißt, wird auch die Nikolaikirche am K3 nicht verkauft. Nach der Fusion mit Wartberg-Au wird ihr Innenraum zwar auch für weltliche Zwecke wie die öffentliche Essensausgabe oder Ausstellungen "multifunktional" umgestaltet, so Krieg, aber eben nicht verkauft.

Anders sieht es bei der neuapostolischen Gemeinde in Neckargartach aus. Sie hat ihre 1951 errichtete Kapelle an Römerstraße 73 verkauft, ein türkischer Unternehmer baut dort gerade drei Wohnungen ein.

Im evangelisch-methodistischen Kirchenbezirk wird die Immobilienfrage heiß diskutiert. Hier gibt es bereits den Beschluss, das Gemeindezentrum an der Karlstraße zu verkaufen. Die 1949 errichtete Kirche wurde 1969 mit einem markanten Betonturm ergänzt, in dem es auch vermietete Räume gibt. Ein Investor schaute sich den Komplex schon an und würde am liebsten alles abreißen. Unabhängig davon kann man an der Hofwiesenstraße in Sontheim eine 100 Jahre alte, unter Denkmalschutz stehende Methodistenkirche kaufen; sie wird derzeit von einer italienischen Gemeinde genutzt.

Ralf Klenk aktiv

Den Besitzer gewechselt hat das ehemalige Gemeindezentrum der Gemeinschaft Entschiedener Christen (GEC), nachdem die GEC unweit davon das frühere Kreiswehrersatzamt gekauft hat und umbaut. Für das 1400 Quadratmeter und fünf Stockwerke umfassende ehemalige GEC-Gebäude hatte man lange keinen passenden Nutzer gefunden. Dem Vernehmen nach hat man einem Gastronomen wie auch einer buddhistischen Gemeinde abgewunken. Heute gehört das Gebäude der Flinspach Beteiligungsgesellschaft, die laut Geschäftsführer Ralf Klenk "derzeit finale Gespräche über die Projektierung führt". Das Ergebnis will Klenk im Frühjahr präsentieren. Die renovierten Dachwohnungen nutzen derzeit Studenten.

Gotteshäuser auf dem Prüfstand
Für 100 000 Euro ist die Sontheimer Methodistenkirche zu haben, inklusive drei Ar großem Grundstück.Foto: Veigel
Gotteshäuser auf dem Prüfstand
In der Kochendorfer Dreifaltigkeitskirche "ist keinerlei Gottesdienst mehr", heißt es im Schaukasten. Die Zukunft ist offen.
Gotteshäuser auf dem Prüfstand
Ein Investor hat sich die Pauluskirche in der Karlstraße schon angeschaut. Er würde sie abreißen.Foto: Mugler