„Gemeinsame elterliche Sorge lässt sich nicht durchsetzen“

Interview  Thomas Penttilä vom Verein Trennungsväter über die Ohnmacht, die viele Männer in Deutschland nach einem Ende der Partnerschaft erleben.

Von Adrian Hoffmann

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Thomas Penttilä (46) ist Vorsitzender des deutschen Vereins Trennungsväter und setzt sich für die Rechte von Vätern ein, die nach dem Scheitern der Partnerschaft für mehr Umgang mit ihrem Kind kämpfen. Im Gespräch mit Stimme-Redakteur Adrian Hoffmann weiß er Antwort auf so manche Frage, die sich Betroffene in dieser schwierigen Zeit stellen.

 

Gleich mal vorweg – gibt es Zahlen und Fakten zur Thematik? Wie viele Väter müssen darum kämpfen, ihr Kind häufig zu sehen?

Thomas Penttilä: Es gibt dazu eher Schätzungen. Es fehlt eine Forschung zur Thematik. Da wären Frauenforschung, Mütterforschung, Forschung über alleinerziehende Mütter. Wir hätten lieber etwas über „getrennt erziehende Eltern“. Es gibt keine Forschung zu Trennungskindern oder -vätern. Dafür habe ich in den vergangenen sechs Jahren mit zirka 1500 Vätern gesprochen und ihre Geschichten gehört. Es sind immer wieder dieselben Muster. Nach verschiedenen internationalen Studien sehen rund 50 Prozent der Trennungskinder das andere Elternteil, meistens den Vater, gar nicht oder nur sporadisch. Bei einem Drittel der Fälle weigert sich der Vater, das Kind zu sehen –  bei zwei Drittel verhindert die Mutter den Umgang.


 
Wie viele Eltern regeln den Umgang vernünftig?

Penttilä: Auch hierzu ist es schwierig, verlässliche Daten zu finden. Bei meinem neuerlichen Besuch im Bundesfamilienministerium wurde mir eine entsprechende Forschung zugesagt. Problematisch ist auch, dass – anders als in vielen anderen europäischen Staaten – die Familienverfahren in Deutschland nichtöffentlich sind. Daher kann auch anhand von Gerichtsbeschlüssen keine Erfassung erfolgen. Nach unserer Schätzung regeln 80 bis 90 Prozent der Eltern den Umgang und andere Trennungsfolgen ohne Rechtsstreit. Aber die übrigen 10 bis 20 Prozent haben es in sich.

 

Wie meinen Sie das?

Penttilä: Die meisten regeln die Angelegenheiten vernünftig, indem sie sich persönlich absprechen. Klappt das nicht, kommt das Jugendamt ins Spiel – und wenn auch das Jugendamt nicht helfen kann, kommt das Familiengericht. Und bei jedem Schritt wird die Situation nur schlimmer.

 

Warum wird es dann immer schlimmer?

Penttilä: Eltern haben miteinander zwei Beziehungen. Zum einen gibt es die Paarbeziehung, die ja bei Trennung beendet wurde. Und dann gibt es die Beziehung auf der Elternebene, als gemeinsame Eltern des Kindes bzw. der Kinder. Diese Beziehung kann nicht beendet werden, sondern bleibt das ganze Leben lang bestehen. Wenn die Mutter die Enttäuschung über die gescheiterte Partnerschaft nicht überwindet oder nicht von der Elternebene trennen kann, wird sie den Vater durch Umgangsvereitelung schädigen wollen. Dabei übersieht sie, dass sie vor allem die eigenen Kinder schädigt.

 

Wie entwickelt sich der Umgang im Laufe der Zeit – wenn die Elternteile sich mal „abgeregt“ haben?

Thomas Penttilä

Penttilä: Das kommt darauf an, inwiefern die Mutter die Kinder gegen den Vater manipuliert hat. Komplexes Thema.

 

Welche Rechte haben Väter wirklich? Welche lassen sich am Ende des Tages tatsächlich durchsetzen?

Penttilä: Wenig. Gemeinsame elterliche Sorge lässt sich de facto nicht durchsetzen, wenn die Mutter die Entscheidungen alleine treffen will. Wenn der Vater seine Rechte als Sorgeberechtigter durchsetzen will, entzieht das Familiengericht ihm in der Regel die elterliche Sorge völlig oder in Teilbereichen. Schulen, Kindergärten und sogar Ärzte verlassen sich auf die Behauptung der Mutter, sie sei alleine sorgeberechtigt bzw. dass der Vater mit ihren Entscheidungen einverstanden sei.

Umgang lässt sich inzwischen besser durchsetzen, falls man dazu einen Gerichtsbeschluss hat. Seit dem Jahr 2009 besteht die Möglichkeit, die Mutter durch Zwangsgeld oder sogar Haft zum Umgang zu zwingen. Leider nutzen nur wenige Gerichte diese Möglichkeit. Neulich hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte festgesetzt, dass gravierende Maßnahmen ergriffen werden müssen, um den Umgang zu ermöglichen. Hoffentlich wird die Situation dadurch besser. Ebenfalls seit dem Jahr 2009 sind die Umgangsverfahren bevorzugt und beschleunigt zu führen, aber sie können dennoch viel zu lange dauern. Diese Zeit kann die Mutter zur Entfremdung der Kinder nutzen.


 
Was raten Sie betroffenen Vätern?

Penttilä: Wir können erklären, wie das Jugendamt, der Richter, Verfahrenspfleger und andere einbezogene Professionen ticken. Ich führe täglich ein bis drei solche Beratungen telefonisch durch – obwohl wir kein Beratungstelefon haben. Wir raten an, möglichst die Probleme ohne Hinzuziehung von Jugendamt und Gericht zu regeln und auch schlechte Kompromisse einzugehen. Jeder weitere Schritt – Jugendamt, Gericht – verschärft den Konflikt. 

 

Welche Möglichkeiten haben Väter, die von einem Härtefall betroffen sind?

Penttilä: Loslassen, die Situation akzeptieren. Andere Hilfsmittel sind nicht wirksam. Die Alternative lautet jahrelang zu prozessieren, bis man zermürbt ist. Arbeitsunfähigkeit, Alkoholismus, Depressionen, Obdachlosigkeit, geschlossene Psychiatrie, Selbstmord. Rufen Sie doch den örtlichen Gerichtsvollzieher an und fragen Sie ihn, was für Gestalten er findet, wenn er Unterhaltszahlungen einzutreiben versucht. Am besten einen Gerichtsvollzieher einer kleineren Ortschaft – denn dieser kennt einige der Väter aus der Zeit vor der Trennung und weiß, dass sie erst durch die Trennung ruiniert wurden. In einigen wenigen Fällen hat sich der Gerichtsweg jedoch gelohnt. 

 

Welches Verhalten führt am ehesten in die Nähe des Ziels – mehr Umgang mit dem Kind?

Penttilä: Zu keinem der Fälle gibt es ein Patentrezept. Umgangsstreitigkeiten sind ein dynamischer Prozess. Wenn das Gericht ein Schreiben erhält, ist der Inhalt in der Regel schon vor der mündlichen Verhandlung überholt.

Es ist ratsam, immer mit dem Recht des Kindes auf Umgang zu argumentieren und damit, dass er für die gesunde Entwicklung des Kindes absolut notwendig ist. Möglichst die Mutter nicht angreifen. Kurze Schriftsätze an das Gericht. Den Richter interessiert es herzlich wenig, was in der Vergangenheit passiert ist. Dem Richter geht es darum, welche Regelung das Beste für das Kind in der Zukunft ist. Mit dem Jugendamt kooperieren, so schwer es manchmal fallen wird, weil das Jugendamt so mutterorientiert ist. Der Richter befasst sich mit den Schriftsätzen der Parteien kaum, sondern verlässt sich auf den Bericht des Jugendamtes. Ein optimaler Umgangsantrag sieht wie folgt aus:

„Ich (Name, Adresse) will Umgang mit meinem Kind (Name, Geburtsdatum, Adresse).“ Unterschrift und fertig. Das Gericht wird dann das Jugendamt einschalten, das ist gesetzlich so vorgeschrieben. Das Jugendamt spricht mit den Eltern und ggf. mit den Kindern und gibt an das Gericht seine Einschätzung ab. In den meisten Fällen folgt der Richter der Empfehlung des Jugendamtes. Gelassen bleiben, wenn einem Gewalttätigkeit oder sexueller Missbrauch der Kinder unterstellt wird – dies gehört inzwischen zu dem Standardprogramm der entfremdenden Mütter. Es gibt auch Müttervereine und Anwältinnen, die offen zu dieser Vorgehensweise anraten, denn es bleibt immer etwas hängen. Falschbeschuldigungen werden in der Regel nicht geahndet.
 

Das Wechselmodell – muss die Mutter da mitmachen oder kann sich der Vater dies auch erstreiten?

Penttilä: Kommt darauf an, welches Oberlandesgericht zuständig ist. In der Tat kennen die Familiengesetze kein Wechselmodell, nur das Residenzmodell. Wir schätzen, dass rund 3 bis 5 Prozent der Trennungskinder de facto im Wechselmodell leben. Ein Wechselmodell kann schon bei 30/70 bestehen. Entscheidend ist, dass die Kinder den Alltag bei beiden Eltern erleben. Dies ist nicht möglich, wenn der Umgang nur jedes zweite Wochenende stattfindet. Dann ist der Umgang ein besonderes Ereignis, nicht Alltag.

 

Verein Trennungsväter 

Der Verein Trennungsväter setzt sich für das paritätische Wechselmodell ein. Getrennt lebende Eltern teilen sich die Betreuung ihres Kindes. Weil die klassische Rollenverteilung im Wandel ist, wächst die Zahl der Väter, die an Betreuung und Erziehung ihrer Kinder mitwirken. Das kann auch beruflich stark engagierten Müttern nach dem Scheitern einer Ehe entgegenkommen. Die Trennungsväter sind der Meinung, dass Kinder in Deutschland im Zusammenwirken von Jugendämtern, Gutachtern und Familiengerichten leider vielmals systematisch vom Vater ferngehalten würden. Papas zahlten oft Unterhalt für ihre Kinder, ohne mit ihnen zu leben.

Etwa die Hälfte der betroffenen Kinder hat nach den Erfahrungen von Thomas Penttilä, Vorsitzender der Trennungsväter, schon kurze Zeit nach der Trennung sehr seltenen oder gar keinen Kontakt mehr zum Vater. In rund 90 Prozent der Trennungen würden die Kinder den Müttern zugesprochen, die Väter häufig dämonisiert. Für „entsorgte“ Väter beginne nach dem Verlust des Kindes oft der soziale Abstieg.

Wir suchen Kontakt zu Eltern, die sich nach der Trennung von ihrem Partner für mehr Umgang mit ihrem Kind einsetzen. Gerne auch anonym. Wer Interesse hat, dass seine Erlebnisse journalistisch aufbereitet werden: adrian.hoffmann@stimme.de oder Telefon 07131/615599.

Lesetipp

Interessante Lektüre zum Thema in der Süddeutschen Zeitung: "Wenn 150-Prozent-Mamis die Väter verdrängen"