Gemeinsam am Limit

Heilbronn  Das Training für den SwimRun ist für Markus Rössel und Fabian Eberhard Leiden und Leidenschaft zugleich.

Von Valerie Blass

Gemeinsam am Limit

Zehn Uhr an einem trüben Samstagmorgen. Der Wind bläst, die Luft ist frisch, immer wieder tröpfelt es aus grauen Wolken. Markus Rössel und Fabian Eberhard sind bester Laune. Die Freunde stehen am Rande des Eutersees in Hesseneck-Schöllenbach im Odenwald und ziehen sich aus: Wollmützen, Daunenjacken, Strickpullis. Dann geht es wieder andersrum: Sie schlüpfen in ihre Badehosen, zwängen sich in kurze Neoprenanzüge, ziehen knielange Kompressionsstrümpfe und Laufschuhe an. Zum Schluss streifen sie sich Bademützen über - der Spaß kann beginnen.

Der 34-jährige Rössel und der 31-jährige Eberhard - beiden stammen aus Heilbronn - rennen eine Runde um den kleinen See, der malerisch im Nirgendwo oberhalb der Gemeinde liegt. Dann springen sie ins Wasser. Zehn Grad hat es an diesem Morgen. "Das war jetzt fast ein bisschen frisch", wird Eberhard später sagen. Doch zuerst haben sie rund drei Stunden Training an Land und im Wasser vor sich.

Gemeinsam am Limit

Die durchtrainierten Männer sagen von sich selbst, sie seien "ambitionierte Freizeitathleten". Anderen würde vielleicht eher die Bezeichnung "irre Extremsportler" in den Sinn kommen. Selten vergeht eine Woche, in der sie keinen Sport treiben. Am Vorabend haben sie auf dem Rennrad "ihre Beine gelockert", jetzt die Einheit am Eutersee. Rund 20 Kilometer Laufen und zwei Kilometer Schwimmen stehen auf dem Plan.

"Eine gute Wettkampfsimulation ist das", sagt Rössel - auch wegen der niedrigen Temperaturen. Die beiden starten bei mehreren sogenannten SwimRun-Wettkämpfen. Der erste war Ende Mai in den Schären vor Stockholm, sie wurden 18. unter insgesamt 250 Startern. Mitte Juli geht es im schweizerischen Engadin weiter. Im September, zum Saisonabschluss, dann wieder ein Wettbewerb in den Schären. Er ist Abschluss und Höhepunkt der Saison. Im beginnenden schwedischen Herbst kann es ungemütlich werden. Trotzdem gilt es, eine Distanz von 75 Kilometern zurückzulegen - beim ÖtillÖ, der als einer der härtesten Ausdauer-Wettkämpfe der Welt gilt. Die Athleten machen dabei Insel-Hopping: Die Strecken zwischen den Eilanden legen sie kraulend zurück, über die Inseln rennen sie - und das vom einen Ende des Schärengartens in Sandhamn bis zum anderen Ende in Utö. Rund zehn Stunden haben die Freunde im vergangenen Jahr für diese Herausforderung gebraucht.

Gemeinsam am Limit

Ein Feind der Ausdauersportler ist die Kälte. Fabian Eberhard, ein guter Schwimmer, der schon mehrfach über die Ironman-Distanz gestartet ist, hat das in der vergangenen Saison leidvoll erfahren. Beim Wettkampf im Engadin kam er aus dem Wasser und "war blau", wie das im Sportlerjargon heißt. Er konnte sich kaum noch bewegen, war starr vor Kälte. "Wir haben uns gegenseitig angeschoben und motiviert", sagt Markus Rössel, dem die Temperaturen ebenfalls zu schaffen machten. Heute ist das nicht anders. Eberhard hat Probleme mit dem Kreislauf. "Mir ist im Wasser schwindelig, und an Land ist mir schlecht", sagt er. Rössel redet ihm gut zu: "Geht"s bei dir?", "Vielleicht ein bisschen Zucker?" Immer wieder halten die beiden auf ihren Runden um den See an, trinken Wasser, essen einen Riegel oder drücken sich Gel in den Mund.

"Ausdauersport ist Problemmanagement", sagt Rössel, der auch in seinem Brotberuf dafür zuständig ist, Lösungen zu finden - als Beschaffer für Logistik-Systeme bei einem großen Unternehmen in der Region. Auch heute geht es darum, Grenzen zu überwinden. Trotz der Neoprenanzüge zieht das kalte Wasser den beiden alle Energie aus dem Körper. Um sich aufzuwärmen, erhöhen sie die Distanzen bei den Laufeinheiten, kommen unter dem Gummi des Neoprenanzugs wieder ins Schwitzen. "Ein bisschen Leiden gehört zum Sport schon dazu", kommentiert Eberhard, und Rössel ergänzt: "Früher haben sie Bären gejagt, heute macht man halt sowas, schätze ich."

Gemeinsam am Limit

Wettkampf, Geselligkeit, Pioniergeist - darum geht es. SwimRun ist eine relativ neue Disziplin. Rössel, der kein guter Schwimmer ist, wie er selbst sagt, tüftelt daran, wie er im Wasser mehr Auftrieb bekommt. Heute hat er in Streifen geschnittenes Verpackungsmaterial dabei, das er faltet und in seine knallgrünen Kompressionsstrümpfe stopft. Zwischen die Oberschenkel klemmen sich die Männer Schwimmhilfen aus Schaumstoff, an die Hände schnallen sie sich sogenannte Paddles, wie sie auch von Schwimmern beim Training benutzt werden. Mit Edding haben sie darauf die Distanzen vermerkt, die es zu bewältigen gilt: Erst einen Kilometer, dann zwei, denn 3,5 Kilometer Laufen. Das Training soll möglichst originalgetreu die Bedingungen beim ÖtillÖ simulieren - den Wechsel zwischen Rennen über die Inseln und Schwimmen im Meer. Ehrgeiz ist schließlich mit am Start. Ein anderer Faktor ist den Freunden ebenso wichtig: Sie starten gemeinsam, als Team, nicht als Einzelkämpfer. Beim ÖtillÖ dürfen beide nie weiter als zehn Meter im Wasser und 50 Meter an Land voneinander entfernt sein, manche Teams leinen sich deshalb aneinander: "Man durchlebt alles zusammen. Schon, dass da jemand ist, dem man erzählen kann, wenn es einem schlecht geht, macht es erträglicher", sagt Rössel. "Du guckst permanent nach dem anderen und dass es dem gut geht, da vergisst du, dass es dir selbst schlecht geht."

Gemeinsam am Limit

Auch an diesem Samstag zieht einer den anderen. Sie sprechen permanent miteinander auf ihren Runden um den See, lachen und scherzen. Selbst als sie mit ihrer Kraft nach fast drei Stunden am Ende sind: Spaß haben sie immer noch. "Das ist schon irgendwie sauanstrengend", sagt Eberhard nach dem Training, als er sich aus dem engen Neoprenanzug schält. Und schiebt hinterher: "Schön war"s - so im Nachhinein." Rössel wäscht Anzüge und Schuhe im kalten Wasser aus, grinst - "findest du?" und schwärmt von der Umgebung. Er ist begeisterter Hobby-Fotograf mit einem Blick für besondere Momente. "Schau mal, die Spiegelung des Wassers. Schön."

Auf der Autofahrt zurück nach Heilbronn wird das weitere Programm geplant. "Wir gehen noch was einkaufen, dann machen wir Mittagsschlaf, und dann treffen wir uns um acht bei mir", sagt Rössel. Eberhard kocht, sein Freund assistiert. Andere Kumpels kommen vorbei. Das eine oder andere Bier wird getrunken - und gefachsimpelt - nicht nur über ihren Sport, auch über den Heilbronner Einzelhandel, Fußball, das Leben. Die Energie scheint den beiden noch lange nicht ausgegangen zu sein. Und auch wenn es heute später wird - der Lauftermin für den nächsten Morgen steht schon fest.