Geißler: Katholiken diskriminieren Frauen

Heilbronn  Der streitbare CDU-Politiker und kritische Katholik Heiner Geißler fordert in der Heilbronner VHS Kirche und Gesellschaft auf, sich am großen Reformator Martin Luther ein Beispiel zu nehmen.

Von Kilian Krauth

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Als ihm ein offenbar Verwirrter plötzlich ins Wort fällt, bringt dies den 87-Jährigen ebenso wenig aus der Ruhe wie die polemische Publikumsfrage nach der „Schuld des Koran an der Christenverfolgung“. „Islam ist nicht gleich Islamisierung“, betont Heiner Geißler und bittet um Differenzierung. Was er von Erdogan & Co. hält? Die derzeit alles dominierende Frage wird ihm nur am Rande gestellt. Der weise Geißler antwortet mit der ihm eigenen Gelassenheit: „Lasst die türkischen Minister doch reden und dann wieder nach Hause gehen. Unsere demokratische Grundordnung bedroht das nicht.“

Der aus Oberndorf am Neckar stammende Jesuitenschüler, CDU-Politiker und Stuttgart-21-Schlichter spricht am Dienstagabend anlässlich „500 Jahre Reformation“ in der Heilbronner Volkshochschule. 230 Besucher im überfüllten Foyer spenden dem packenden Erzähler und messerscharfen Analytiker nach zwei Stunden lange Applaus.

Unter dem Motto „Was müsste Luther heute sagen“ watscht der knitze Geißler nicht nur die katholische Kirche ab, sondern nebenbei auch Trump, seine „Bande im Weißen Haus“, den Brexit, die AfD und andere Spalter. Vor allem aber würdigt der katholisch sozialisierte Schwabe die Leistungen Luthers als Befreier von moralischen, politischen und wirtschaftlichen Zwängen, als Verfechter der Meinungsfreiheit und damit als Wegbereiter moderner Demokratien auf Basis der Menschenwürde. Luthers Schwächen wie Antisemitismus und Bauernhetze blendet er nicht aus.

Diskriminierung von Frauen 

Am Vorabend des Frauentags beklagt Geißler, dass die weltweit anhaltende Diskriminierung von Frauen in den Weltreligionen begründet sei, respektive in deren falscher Auslegung. Luther, „dem dies als Macho nicht leicht gefallen“ sei, habe die Emanzipation in Ehe und Gesellschaft eingeleitet, indem er Frauen den Predigtdienst eröffnete. Analog fordert Geißler die Abschaffung des Zölibats für katholische Priester, die Zulassung von Frauen zum Priestertum und vor allem die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion. In Papst Franziskus setzt er große Hoffnungen, weil er wie Luther „den Mensch in den Mittelpunkt stellt, nicht das Gesetz“.

Unter dem Motto „Es geht doch nicht um Dogmen, die nichts wert sind, sondern um Gemeinsamkeiten“ ermuntert er die großen Kirchen zur Ökumene. In einer Zeit, in der „das internationale Kapital mit Geiz, Gier und Geld“ die Welt regiere, komme ihnen eine große Verantwortung zu, indem sie Werte wie Umweltschutz, Menschenwürde und Integration einfordern – länderübergreifend. Lobend hebt der CDU-Mann hier Angela Merkels Dialogkultur hervor und schließt mit dem Appell: „Geben sie sich nicht zufrieden mit dem Status quo, haben sie Mut, die Welt zum Guten zu verändern.“

 


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