Geburtsstunde der Stromversorgung

Heilbronn  Vor 125 Jahren schrieb der Energieversorger Zeag mit der Kraftübertragung von Lauffen nach Frankfurt Technikgeschichte.

Von unserem Redakteur Manfred Stockburger

Email

Einmal den Schalter drücken und das Licht geht an? Auch ohne eigenes Kraftwerk im Keller? Was heute ganz selbstverständlich ist, war vor 125 Jahren nicht weniger als eine Revolution: Am 25. August 1891 leuchteten auf der Elektrotechnischen Weltausstellung in Frankfurt erstmals 1000 Glühbirnen, dazu toste auf dem Stand im Messegelände am Main ein elektrisch betriebener Wasserfall.

Den Strom dazu lieferte das Wasserkraftwerk beim Zementwerk in Lauffen am Neckar − die Keimzelle des heutigen Energieversorgers Zeag. Heute jährt sich der Tag, an dem die 1888 gegründete Zeag-Vorgängerfirma Württembergisches Portland-Zementwerk, Allgemeine Elektritizäts-Gesellschaft (AEG, Berlin) und Oerlikon (heute ABB, Zürich) diese technische Meisterleistung vollbracht hat. Die Londoner "Times" schrieb damals, dass es keine Übertreibung sei, "dass die Lauffen-Frankfurter-Kraftübertragung das schwerste und wichtigste Experiment in der technischen Elektrizität ist, seitdem diese geheimnisvolle Naturkraft der Menschheit dienstbar gemacht ist".

Geburtsstunde der Stromversorgung
Im Rampenlicht von 1000 Glühbirnen sonnten sich bei der Elektrotechnischen Weltausstellung 1891 die Maschinenbauer Oerlikon und AEG. Der eigentliche Star der Messe war aber der Strom aus Lauffen am Neckar. Fotos: Archiv/Zeag

Weltpremiere

Nicht weniger als 436 Journalisten waren bei dieser Weltpremiere anwesend, drei Viertel aus dem Ausland. Entsprechend wurde nicht nur in England, sondern auch in den Japan, China und Brasilien über die Kraftübertragung Lauffen-Frankfurt berichtet − und in den USA. "Die Amerikaner reklamieren die erste Stromübertagung gerne für sich", sagt Zeag-Vorstand Eckart Veil. "Aber sie waren Jahre später dran." Dass Thomas Alva Edisons Firma General Electric dennoch viel bedeutender ist als die Zeag, ist ein anderes Kapitel der Energiegeschichte.

Geburtsstunde der Stromversorgung
100 PS stark war der Elektromotor, der den künstlichen Wasserfall tosen ließ. Bis dahin hatten die meisten Elektromotoren nur etwa fünf Pferdestärken. Foto: Wikipedia

"Damals war es völlig neu, elektrische Energie an eine andere Stelle zu transportieren, um sie dort zu verwenden", erklärt Veil, warum das Experiment so bahnbrechend war. Wie heute stieß der Leitungsbau auch 1891 nicht überall auf Begeisterung: In Leserbriefen forderten Bürger, dass die Masten mit Stacheldraht abgesperrt werden müssten, weil schon die Berührung des Holzes tödlich sein könnte. Schließlich wurde der Lauffener Strom auf unvorstellbare 15?000 Volt konzentriert. Am Ende wurde jeder Mast mit einem Totenkopf markiert.

Geburtsstunde der Stromversorgung
Strommasten müssen nicht alle aussehen wie dieses Exemplar bei Obrigheim. Foto: Archiv/Dirks

 

3182 acht Meter hohe Telegrafenstangen wurden für das Projekt verbaut, 9546 Isolatoren aus Porzellan, und nicht zuletzt 60 Tonnen Kupferdraht mit einem Durchmesser von vier Millimeter und einer Gesamtlänge von rund 530 Kilometern, der von einer Frankfurter Firma leihweise zur Verfügung gestellt wurde. Die Entwicklungsaufwendungen nicht mit eingerechnet, lag das Gesamtbudget bei 700?000 Mark. Eine stattliche Summe: Jede damalige Mark entspricht heute einer Kaufkraft von mehr als sechs Euro. 10.000 Mark steuerte Kaiser Wilhelm II. bei, ebenso viel die Frankfurter Handelskammer.

Sechs Wochen

Geburtsstunde der Stromversorgung
Diese Leitung führt durch den Krüger-Nationalpark in Südafrika. Foto: NJR ZA CC BY-SA 3.0

Bauzeit Acht Arbeitskolonnen des Reichspostamts, so heißt es in den Zeag-Geschichtsbüchern, arbeiteten parallel am Bau der Leitung. Erst im Juni 1891 konnten sie damit beginnen, nachdem die Finanzierung des Experiments schließlich gesichert war. Löcher für die Masten mussten gesprengt und Schneisen durch die Wälder geschlagen werden. Innerhalb von sechs Wochen stand die Leitung, die über weite Strecken bestehenden Eisenbahnlinien folgte.

Geburtsstunde der Stromversorgung
Dieser Strommast bei Bochum ist zugleich Kunstträger. Foto: Frank Vincentz CC BY-SA 3.0

Schon allein die 169,93 Kilometer langen Verbindung zu schaffen war eine technische Meisterleistung − die Zahl 175 am Frankfurter Messestand ist das Ergebnis eine großzügigen Rundung. Das eigentlich Revolutionäre war jedoch die Drehstromtechnik, deren Funktionstüchtigkeit am 25. August 1891 unter Beweis gestellt wurde, als in Frankfurt das Licht anging. Bis dahin und auch noch in den Jahren danach tobte nämlich ein technischer Glaubenskrieg der Drehstrom- und der Gleichstrombefürworter, zu den letzteren zählten auch Edison in Amerika und Siemens in Deutschland.

Am Ende bekamen die Drehstrom-Fraktion um Oskar Miller, die AEG und die Zeag Recht: Bis zu 75 Prozent des in Lauffen erzeugten Stroms kamen über die Hochspannungsleitung in Frankfurt an und wurden dort auf 100 Volt gezähmt.

Heute ist bekanntlich nicht nur Heilbronn (seit 1892), sondern praktisch die ganze Welt mit dreipoligen Wechselstromkabeln verdrahtet. Sie sorgen dafür, dass der Strom aus der Steckdose kommt und das Licht einfach angeht, wenn der Schalter gedrückt wird. Es müssen ja nicht immer gleich 1000 Glühbirnen und ein elektrischer Wasserfall sein.