Für einen Tag Karl Marx aus Böckingen verbannt

Heilbronn - Ein ehemaliger DDR-Bürger empfindet einen Straßennamen in Böckingen als unhaltbar und überklebt die Schilder kurzerhand.

Von Carsten Friese

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Heilbronn - Er hat in der DDR monatelang im Gefängnis gesessen, weil er nach Anzeigen wegen regimekritischer Äußerungen auf der Flucht an der Grenze erwischt worden war. Jetzt, im Rentenalter, holt die Vergangenheit Fritz Schüler (70, Foto: Friese) in Heilbronn wieder ein. Als er mal zufällig in Böckingen unterwegs war, traute er seinen Augen nicht. Schilder mit dem Namen Karl-Marx-Straße? „Das ist unmöglich und unhaltbar“, sagt der Heilbronner, der Bezirksgruppenvorsitzender der bundesweiten „Vereinigung der Opfer des Stalinismus“ ist. Zweimal saß er seinen Angaben zufolge in DDR-Gefängnissen, insgesamt 33 Monate lang. Dann sei er von der Bundesrepublik im Jahr 1975 „freigekauft“ worden.

Seit 2001 wohnt er in Heilbronn. Drei Jahre lang, berichtet der gebürtige Dresdner, habe er sich bei der Stadt und den Fraktionen um eine Namensänderung auf den Straßenschildern bemüht. Ohne Erfolg. Am Wochenende schritt er nun zur Tat, um „ein Zeichen zu setzen“, wie er sagt. Er ließ passgenaue Aufkleber mit dem Schriftzug Chemnitzer Straße anfertigen und überklebte alle Marx-Schilder. Sieben Stück, auf Vorder- und Rückseite. Kosten: 120 Euro.

Abscheu

Warum die Aktion? Beim Blick auf die Schilder empfand der frühere Lehrer Abscheu, weil diese seiner Meinung nach „eine überwundene kommunistische Terrorherrschaft verherrlichen“. Marx habe mit seinen Schriften von der klassenlosen Gesellschaft und der Auflösung des Privateigentums die Grundlage für spätere Diktaturen gelegt, habe selbst zur Vernichtung anderer Klassen aufgerufen. In einigen Schriften seien „Bekenntnisse zum Terror“ dokumentiert. „Da kann man ihn doch nicht mit Straßennamen ehren.“

Einen vollen Tag, den Sonntag, blieben die Aufkleber dran. Am Montagmorgen waren sie weg und die Karl-Marx-Straße wieder für alle sichtbar. Man habe eine Beschwerde einer Anwohnerin erhalten und die Aufkleber entfernt, erklärt Rathaus-Sprecher Christian Britzke. Es sei das erste Mal, dass so etwas vorgekommen sei. „Das darf natürlich nicht gemacht werden.“ Seit 1947 gebe es in Heilbronn die Karl-Marx-Straße, wie in anderen Städten auch. Marx sei eine „historische Figur“, die rund 100 Jahre vor der Gründung der DDR sein Kommunistisches Manifest geschrieben habe. „Warum sollten wir die Straße umbenennen?“ Zumal eine Umbenennung viele Änderungen für die Anwohner bedeute. 2005 wurde ein Teilstück der Karl-Marx-Straße tatsächlich umbenannt – in Karl-Marbach-Straße. Es war die Bitte der dort ansässigen Firma Marbach.

Unverständnis

Aus Thüringen stammt der Abstatter Steffen Merten (45), der vor fünf Jahren den Ossi-Treff im Unterland gegründet hat. Er schüttelt den Kopf, als er von der Aufkleber-Aktion hört. „Karl Marx hat ja was ganz anderes gewollt. Was das DDR-Regime draus gemacht hat, kann man doch nicht ihm anlasten.“ Merten findet: Man sollte die Straße belassen, wie sie ist.

Die Aufkleber sind wieder weg, was Fritz Schüler „mächtig geärgert“ hat. Seine Vereinigung habe sogar schon an die Bundesregierung geschrieben. „Damit eine gesetzliche Regelung geschaffen“ werde, Karl-Marx-Straßen in Deutschland zu verbieten.

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