Für 800 Euro Monatslohn am Lkw-Steuer

Region  DGB und Betriebsseelsorge sprechen von Ausbeutung ausländischer Fahrer und klären auf A-81-Rastanlage auf.

Von Carsten Friese

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Sie reden von einem ausbeuterischen Vorgehen deutscher Transportfirmen und wollen in knallgelben Warnwesten auf der A-81-Rastanlage Wunnenstein ein Zeichen setzen. Die DGB-Mitarbeiterinnen Katarina Frankovic und Dr. Dorota Kempter sprechen am Samstag gezielt ost- und südeuropäische Lkw-Fahrer an.

Vor allem diese Fahrer spürten in der Transportbranche einen besonderen Druck. „Sie werden mit Angeboten über 1.300 bis 1.400 Euro Monatslohn angelockt und dann ausgenutzt, weil sie die Sprache nicht gut können“, schildert Frankovic ihre Erfahrungen. Im Projekt „Faire Mobilität“ sind die Stuttgarter DGB-Mitarbeiterinnen aktiv. Heute wollen sie auf der Raststätte Fahrer über ihre Rechte aufklären und aufzeigen, wo sie Hilfe erhalten.

Dorota Kempter ist gebürtige Polin, spricht polnische Lkw-Fahrer in ihrer Heimatsprache an. Als sie erstmals hörte, dass ein Fahrer für 700 Euro plus Spesen hier arbeite, „war ich geschockt“. Für deutsche Kollegen seien 2000 Euro die Regel.

Lohnabzug

Dass ausländischen Truckern Lohn abgezogen worden sei, weil die Fahrerkabine nicht sauber war oder sie vom Dienst-Handy eine Privat-E-Mail verschickten, hat Frankovic erfahren. Oft gebe es im Krankheitsfall keine Entgeltzahlung. „Die Menschen nehmen viel auf sich, sind von ihren Familien lange getrennt“, verdeutlicht sie. Deutsche Lkw-Fahrer hätten sich gegen Verschärfungen in der Branche gewehrt. Jetzt würden oft polnische oder rumänische Fahrer zu schlechten Konditionen angeworben.

Ein stämmiger polnischer Brummi-Fahrer bestätigt im Gespräch mit Dorota Kempter den Trend. Er sei für eine Potsdamer Firma gefahren, irgendwann wurde ein Monatsgehalt nicht gezahlt. Inzwischen klagt er mit einem Anwalt, ist zu einer polnischen Firma gewechselt. Kempter kennt die Potsdamer Spedition. Als sie in einem anderen Fall vom DGB dort kritisch nachfragte, „haben sie den fehlenden Lohn bezahlt“. Ein anderer Pole, der einen Sattelzug mit deutschen Neuwagen fährt, erzählt, dass er von seiner deutschen Spedition 800 Euro im Monat erhalte. Immerhin mehr als in Polen, aber dennoch „sehr wenig“.

Hasen gejagt

Einige Meter weiter sitzt ein mazedonischer Lkw-Fahrer mit bulgarischen Kollegen beim Vesper mit Käse, Tomaten und Wurst. Er fährt für eine italienische Firma, bekommt mit 2.800 Euro gutes Geld. Polnische und rumänische Fahrer aber „arbeiten für 700 Euro, sie drücken die Preise“, klagt er.

Josef Krebs, seit rund zehn Jahren Fernfahrer-Seelsorger bei der katholischen Betriebsseelsorge Heilbronn, verteilt kleine Holzkreuze an die Fahrer und wünscht gute Fahrt. Er hat die Aktion in Wunnenstein mit organisiert. Auch Krebs sieht dramatische Zustände in der Branche. Fahrer von ausländischen Firmen würden oft ohne Geld lange allein gelassen, müssten im Ausland auf Folgeaufträge warten.

Er kennt einen Fall, dass Brummifahrer tagelang bei Ulm auf einer Raststätte hausten und sogar Hasen im Feld jagten, um sich etwas zu essen zu besorgen. „Das glaubt man fast nicht.“ Für den ausgebildeten Theologen ist es ein „drängendes Problem“. Weil wieder einmal „an den Menschen gespart“ werde.

 

Hintergrund: Lenkzeitproblem

Aus polizeilicher Sicht sind ost- und südeuropäische Lkw-Fahrer nicht auffälliger als andere, erklärt Jens Brockstedt, Leiter der Autobahnpolizei Weinsberg. Der Termindruck sei ähnlich, die Technik der Fahrzeuge inzwischen meist auch. Dass sie deutlich länger von der Familie getrennt sind, bestätigt er. Hinweise auf eine größere Sicherheitsgefahr gebe es aber nicht.

Rund 100 Lkws kontrolliert die Autobahnpolizei pro Woche, bei rund 30 Prozent gibt es Beanstandungen wegen der Lenkzeiten. Zum größten Teil liege dies am Dilemma, dass es zu wenige Lkw-Parkplätze gibt, so Brockstedt. Die Polizei prüft, ob am Fahrtnachweis im Lkw erkennbar ist, ob der Fahrer deutlich langsamer wurde und einen Platz suchte. Ansonsten sind bei Lenkzeitüberschreitungen je nach Dauer 30 bis 60 Euro Bußgeld je halbe Stunde fällig.