Eine Welt beherrscht vom Bösen

Region  Nach der tödlichen Attacke eines sogenannten Reichsbürgers in Bayern ist die Gruppierung bundesweit in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Rechte Gesinnung trifft hier auf eine äußerst merkwürdige Sicht auf die Welt. Auch in der Region gibt es Anhänger.

"Reichsbürger"-Flagge
"Reichsbürger"-Flagge. Foto: Nicolas Armer/Archiv

Unser Redakteur Christian Gleichauf hat sich vor zwei Jahren mit zwei Reichsbürgerinnen aus der Region in Oberstenfeld getroffen. Der Bericht von damals ist so aktuell wie verstörend.

Annette F. aus Weissach im Tal und Margit M. aus Oberstenfeld sehen sich als Teil der Bewegung, obwohl sie sich mit dem Begriff Reichsbürger nicht recht anfreunden wollen. "Ich bin einfach eine souveräne Bürgerin", sagt Annette F. Welchen Staates?

Da beginnt es, kompliziert zu werden. Denn souveräne Staaten gibt es nicht in der Welt, die die zwei Frauen beschreiben. Die EU habe die Herrschaft in Europa übernommen, insgesamt kontrollierten Mächte aus den USA die Welt. Der Islamische Staat? Von Geheimdiensten gesteuert. Ebola? Genau wie Aids Teil der biochemischen Kriegsführung, um die Menschheit zu unterdrücken. Und dann gibt es da noch viel, viel mehr.

Drittes Reich kein Reich

Für die Damen und ihre Gesinnungsgenossen gelten die Grenzen des Deutschen Reichs von 1937, weil es bis heute keinen Friedensvertrag gebe. Tatsächlich gab es den nach dem Zweiten Weltkrieg nicht. Als Friedensvertrag gilt gemeinhin der Zwei-plus-Vier-Vertrag zur Wiedervereinigung von 1990. Die zwei Frauen sagen auch: Die Vertreter der Bundesrepublik seien gar nicht legitimiert gewesen, einen solchen Vertrag zu unterzeichnen. Ein Friedensschluss sei nur mit dem Deutschen Reich möglich. Denn mit diesem wurde ja auch der Krieg geführt.

Mit dem Dritten Reich wollen sich die Reichsbürgerinnen nicht weiter auseinandersetzen. Auch Hitler-Deutschland sei kein souveräner Staat mehr gewesen, kein "Deutsches Reich". "Man nannte das nur Reich", sagt Annette F.

Migranten ausgeschlossen

Die 58-Jährige ist deshalb überzeugt, dass sie die Staatsangehörigkeit des Königreichs Preußen - als Bundesstaat des Deutschen Reichs - besitzt. Es ist ihrer Meinung nach der letzte und einzige souveräne Staat auf deutschem Boden. Gerade hat sie einen "Pass", also ein blaues, offiziell aussehendes Büchlein, von der deutschen "Exilregierung" erhalten. Wo die sitzt? "In Berlin."

Aber eigentlich auch überall. Und die preußische Staatsangehörigkeit hat sie, weil sie im einst preußischen Witzenhausen geboren ist. "Der Geburtsort entscheidet darüber", sagt F. Also gut für die Türken, die in Deutschland geboren sind? Nicht ganz. "Es kommt natürlich darauf an, woher die Eltern und die Großeltern kommen", erklärt die Frau, die mit "Annette aus dem Hause F." unterschreibt. Deutsch könne nur sein, wer von Deutschen abstammt, so die Überzeugung. "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen", zitiert ihre Mitstreiterin den deutschen Romantiker Emanuel Geibel. Annette F. sagt: "Deutschland ist nicht mehr deutsch. Das sagen auch viele Ausländer, die ich kenne."

Ein Reisepass einer sogenannten Reichsbürgerin. Foto: cgl

Die BRD GmbH

Der Begriff Deutschland muss in diesem Fall mit Vorsicht benutzt werden, denn: "Die BRD ist nur eine Firma, eine GmbH", sagt F. und zeigt auf ein entsprechendes Buch von einem gewissen Klaus Maurer.

Überhaupt: Für alles gibt es einen Film, ein Zitat, ein Buch oder eine Internet-Seite, auf der man nachlesen kann, was die zwei erzählen. In diesem Fall muss Theo Waigel herhalten, der ehemalige CSU-Chef, der in den 80er Jahren auf einem Schlesier-Treffen sagte: "Das Deutsche Reich ist nicht untergegangen." Auf Youtube findet man das Video. Wenn Theo Waigel das sagt, so die Logik, dann muss es ja stimmen.

Rechtsaußen

Wer Gedankengut sucht, das gemeinhin rechtsaußen verortet wird, dem offerieren die zwei Frauen ohne jede Zurückhaltung Aussagen, die aufhorchen lassen. Afrikaner sollten doch lieber in Afrika bleiben. "Hier sind sie entwurzelt! Von ihrer Heimat getrennt." Die zwei Frauen auf solche Aussagen aber zu reduzieren, greift zu kurz. Getrieben sind sie nicht nur von der Angst vor Überfremdung. Sie sehen die Welt insgesamt aus den Angeln gehoben. Und das ist, schaut man sich in den einschlägigen Internetforen um, durchaus typisch für große Teile der Reichsbürgerbewegung.

An den Schalthebeln der Macht: Reptiloide

Die Freimaurer sind demnach schon nah dran an der Weltherrschaft, der Vatikan spielt mit, die Juden, Satanisten. Damit nicht genug. Dazu kommen noch Mischwesen - halb Mensch, halb Tier -, "Gestaltwandler" oder die "Reptiloiden", auch Außerirdische kontrollieren die Welt von verborgenen Untergrundbasen aus. Geschichte ist der Ablauf eines vorgefertigten Plans dieser dunklen Mächte. Und zu diesem Plan gehört auch die Vergiftung der Menschheit aus der Luft: "Das Militär versprüht über uns Aluminium, Barium und andere Gifte", sagt Annette F. Jeder könne das sehen, wenn am Himmel die Kondensstreifen über längere Zeit stehen bleiben. "Chemtrails" werden sie dann genannt. Der Biotech-Konzern Monsanto verkaufe dazu die resistenten Pflanzen.

Vor dem Krieg

Ihre Wahrheiten teilt Annette F. mit einem Kreis von 20 bis 30 Mitstreitern aus ihrer Umgebung. Im Internet ist das Netzwerk größer. Wofür sie kämpft? "Für den Friedensvertrag, das wäre der Anfang", sagt F. Sie bereiten sich zudem auf einen dritten Weltkrieg vor, auf den Einmarsch der Russen. Eine sogenannte Friedenskonferenz hat sie schon mitorganisiert.

In den eigenen Familien werden die zwei Frauen für ihre Vorstellungen auch angefeindet, räumen sie ein. Doch für die Wahrheit gilt es zu kämpfen. Annette F. hat die "Entlassung" aus der deutschen Staatsangehörigkeit bereits beantragt. Ihren regulären roten Reisepass hat sie umwickelt mit einem weißen Papier, darauf handschriftlich ihre eigene Version.

"Handschrift zählt immer. Damit weise ich mich als Mensch aus." Und: "Roter Pass bedeutet staatenlos." Noch so eine Wahrheit. Weil die BRD kein Staat sei, gebe es auch keine Beamten. Briefe verschickt sie für vier Cent als "Kriegsgefangenenpost" - und kommt damit häufig durch. Das Finanzamt akzeptiert sie nicht. "Das Grundgesetz weist keine Steuerpflicht aus", sagt Annette F. Man sollte meinen: Wer die Bundesrepublik nicht akzeptiert, dürfte sich eigentlich auch nicht auf das Grundgesetz berufen.