Ein Orkan aus heiterem Himmel

Region Heilbronn - Es war ein heller, sonniger zweiter Weihnachtsfeiertag. Doch was ihn dann um die Mittagszeit brutal aus der Ruhe riss, will der Beilsteiner Dachdecker Thomas Bauer nicht mehr erleben. Aus heiterem Himmel fegte der Orkan Lothar vor zehn Jahren über die Region und ließ Schneisen der Verwüstung zurück.

Von Carsten Friese

Ein Orkan aus heiterem Himmel
Eine beängstigende Szene: In Beilstein riss das Orkantief an Weihnachten 1999 etwa die Hälfte des Blechdachs vom Langhansturm und schleuderte es in die nahen Weinberge. Verletzt wurde zum Glück niemand.Foto: Archiv/Kuhnle
Region Heilbronn - Es war ein heller, sonniger zweiter Weihnachtsfeiertag. Doch was ihn dann um die Mittagszeit brutal aus der Ruhe riss, will der Beilsteiner Dachdecker Thomas Bauer nicht mehr erleben. Aus heiterem Himmel fegte der Orkan Lothar vor zehn Jahren über die Region und ließ Schneisen der Verwüstung zurück.

Das Blechdach am Beilsteiner Langhansturm hatte sich gelöst und flog später "wie ein fliegender Hut" rund 80 Meter weit in die Weinberge. Herumgewirbelte Ziegel, abgedeckte Dächer, umgestürzte Kamine: Bauer kam mit dem Bearbeiten der Notrufe kaum noch nach. Zehn Mitarbeiter holte er tags drauf aus dem Urlaub, mehr als 250 Einsätze sollten es in den Tagen danach für alle werden. Eine Szene hat Bauer noch deutlich im Kopf, als Lothars Urgewalt ein Dachfenster zersplitterte und hunderte Glasscherben in einem Kinderbett lagen. "Zum Glück war da kein Kind drin", blickt der 45-Jährige zurück. "Was kommt noch, wann hört das auf?", hat er sich gefragt. Viele, mit denen er sprach, waren sich einig: Einen solchen Orkan "hat es noch nicht gegeben".

1000 Notrufe
Ein Orkan aus heiterem Himmel
Zersplitterte Bäume: So sah es vielfach in den Wäldern aus.Fotos: Kempf/Friese (2)


Als Jahrhundert-Orkan ging Lothar in die Geschichte ein. In Baden-Württemberg starben an diesem Tag 13 Menschen an seinen Folgen. Im Stadt- und Landkreis Heilbronn zum Glück niemand. Für Heilbronns Feuerwehrchef Eberhard Jochim war es ein historisches Naturereignis, das ohne jegliche Vorwarnung des Wetterdienstes die Region erreichte. "Innerhalb von zwei Stunden gingen bei uns 1000 Notrufe ein. Das gab es noch nie." Sämtliche Feuerwehren und das THW wurden alarmiert, die Leitstelle von zwei auf 15 Mann verstärkt. Jochim spricht von einer Überlastung "bis an die Grenze des Machbaren". Stapelweise teilten die Retter Notrufe nach Prioritäten ein.

Extreme Schräglage


289 umgestürzte Bäume und abgebrochene Äste sowie 38 abgedeckte Dächer im Stadtkreis, rund 260 Feuerwehreinsätze im Landkreis lautet die nüchterne Bilanz. Allein an den Schadensmeldungen war für Jochim klar, "dass draußen absolutes Chaos ist". Mit Motorsägen, Kränen und Drehleitern rückten die Helfer aus. Teilweise mussten sie Notreparaturen abbrechen, um sich nicht selbst zu gefährden. Einsatzleiter Jürgen Vogt erinnert sich, wie der Orkan ein 16 Tonnen schweres Löschfahrzeug plötzlich ein Stück bewegte. Beim Laufen habe man "eine brutale Schräglage" wie Skispringer einnehmen können, ohne umzufallen. Drei Tage benötigte die Feuerwehr, um alle Aufträge abzuarbeiten.
Ein Orkan aus heiterem Himmel
Wurffläche bei Weinsberg: So hoch wie die Kiefern wuchsen hier einst Fichten.


Chaotische Zustände herrschten auch in den Wäldern. 250.000 Festmeter Sturmholz fielen mit einem Schlag im Landkreis Heilbronn um. "Die Menge hätte 5000 Eisenbahnwaggons auf einer Länge von fast 100 Kilometern gefüllt", blickt Kreisforstamtsleiter Karl-Heinz Lieber zurück. Weil Lebensgefahr bestand, wurden die Wälder sofort gesperrt. Weinsbergs Revierförster Ekkehard Matter erinnert sich, wie er im Gewann Schmaukswald an eine sechs Hektar große Fichtenfläche kam. Die 60 bis 90 Jahre alten Bäume "waren am Stück umgeworfen und lagen wie Dominosteine übereinander". Sein erster Gedanke? "Verflucht, wie bekommt man das wieder hin? Man wusste gar nicht, wo man anfangen sollte."

Ein Orkan aus heiterem Himmel
Von Moos überwuchert: Förster Matter zeigt altes Sturmholz von damals.
Die Arbeit von Jahrzehnten war zu Sturmholz geworden. Über Monate zogen sich die Aufräumarbeiten mit Vollernter und Motorsäge hin. Heute stehen auf dem "Lotharschlag" wieder Bäume. Douglasien, Akazien, Birken, Eichen und Eschen sind rund acht Meter emporgewachsen. 25 Meter hohe Kiefern am Rand erinnern daran, wie hoch die Bestände einmal waren. "Inzwischen", sagt Matter, "macht es wieder Spaß." Bei jedem neuen Sturm hat er dennoch erst einmal ein ungutes Gefühl.



Für Waldbesitzer Schäden in Millionenhöhe

Vom Ärmelkanal über Nordfrankreich und Süddeutschland zog das Orkantief Lothar am 26. Dezember 1999 mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 215 Stundenkilometern. Es hatte sich im westlichen Atlantik entwickelt.

Im Landkreis Heilbronn fielen 250.000 Festmeter Sturmholz an, im viel kleineren Heilbronner Stadtwald 15.000 Festmeter. Vor allem flach wurzelnde Fichten waren betroffen. "Lothar hat aber vor nichts Halt gemacht, auch nicht vor robusten Eichen", blickt Heilbronns Forstabteilungsleiter Thomas Widmaier zurück. Im Stadt- und Landkreis entstand eine Sturmholzfläche, die so groß war wie 700 Fußballfelder.

Für die Waldbesitzer hatte der Durchzug von Lothar drastische finanzielle Folgen. Zur Zeit des Orkans befanden sich die Holzpreise in einer Hochphase. Das änderte sich mit den Massen an Sturmholz schlagartig. "Allein der Holzpreisverfall hatte in den Wäldern des Landkreises Heilbronn einen Wertverlust von etwa 12,5 Millionen Euro zur Folge", bilanziert Kreisforstamtsleier Karl-Heinz Lieber. Rechne man Reifeverluste sowie die Kosten für den Nachfolgewald hinzu, betrage der finanzielle Schaden für Waldbesitzer im Landkreis "etwa 25 Millionen Euro". cf
 

Historische Zeitungsseite aus der HSt (Zum Öffnen pdf klicken).

Historische Zeitungsseite: Orkanbilanz Lothar
PDF-Datei: Historische Zeitungsseite: Orkanbilanz Lothar Dateigröße: 303.44 KBytes. Datum: 15.12.2009



Teil 2: Warum der Kreisforstamtsleiter Lothar auch Gutes abgewinnt