"Ein Exodus biblischen Ausmaßes"

Heilbronn/Mossul  Zigtausende Christen sind im Irak auf der Flucht: Der Heilbronner Raid Gharib von der syrisch-orthodoxen Kirche bringt auch eine Waffenhilfe für die Minderheit ins Gespräch, um sie vor radikalen Islamsiten zu schützen.

"Ein Exodus biblischen Ausmaßes"

Raid Gharib fordert eine Schutzzone für Christen im Irak.

Foto: Jens Dierolf

Die Verfolgung der Christen im Irak und in Syrien hat mit dem Vormarsch des Islamischen Staates (IS) eine neue Dimension erreicht. Zigtausende sind auf der Flucht. Unser Redakteur Jens Dierolf hat sich mit Raid Gharib, dem höchsten Laienvertreter der syrisch-orthodoxen Kirche, über das Martyrium der Christen unterhalten. Gharib fordert eine Schutzzone für Minderheiten. Auch Christen sollten, wenn sie den Wunsch äußern, militärisch ausgerüstet werden, um sich verteidigen zu können.

Vor elf Jahren wurde im Irak Saddam Hussein gestürzt. Wie hat sich die Lage der Christen seitdem verändert?

Raid Gharib: Vor dem US-Einmarsch haben viele Christen die Befürchtung geäußert, dass sie in dem absehbaren Machtvakuum Opfer werden könnten. Es war wie eine sich erfüllende Prophezeiung. Gemeinde-Mitglieder, Priester und Bischöfe, wurden verfolgt, viele ermordet. Das Gefühl hat sich breitgemacht: "Wir haben hier keinen Platz mehr." Manche Familien sind seit zehn Jahren auf der Flucht. Egal welchen Rang, Namen und Status sie hatten − sie mussten alles zurücklassen. Der Sturz Saddams war ein dramatischer Wendepunkt.

Hat sich die Lage mit dem Vormarsch des IS noch verschlimmert?

Gharib: Eindeutig ja. Ich war mehrmals in der Region. Die Situation ist viel schlimmer, als ich sie mir ausgemalt hatte. Wir erleben einen Exodus biblischen Ausmaßes. 200?000 Menschen, Alte, Familien mit Kindern mussten von einem Tag auf den anderen ihre Heimat verlassen. Vielleicht die Hälfte davon sind Christen, die andere Jesiden. Es sind fast doppelt so viele Menschen wie in Heilbronn leben. Sie fliehen mit allem, was sie tragen können, in eine ungewisse Zukunft und das bei weit über 40 Grad Hitze.

Seit einiger Zeit verbreitet der IS in der Region Angst und Schrecken. Wie konnte das geschehen?

Gharib: Die Wurzeln des Islamischen Staates reichen Jahre zurück. Al-Kaida hatte zwar Terroranschläge ausgeführt, aber nie territorial Fuß gefasst. Das war das Ziel einer neuen Strategie. Wesentliche Unterstützung kam aus der aufgelösten irakischen Armee. Die Sunniten, die das Land unter Saddam beherrschten, wurden im neuen Irak ausgeschlossen und haben sich unter der Flagge des Islam zusammengetan. Die Terrororganisation macht vor den Grenzen keinen Halt. Spätestens die Eroberung der Stadt Mossul hat gezeigt, wie stark der Islamische Staat ist.

Die Ideologie der Baath-Partei gilt als säkular. Religion und Politik sollen getrennt werden. Wieso unterstützen auf einmal alte Baathisten die Radikal-Islamisten?

Gharib: Der Islam war immer eine tragende Säule der Baath-Ideologie. In der gesamten Region ist es nie gelungen, eine nationale Identität zu schaffen. Die ethnische und religiöse Identität waren stets stärker als die nationale. Was nun stattfindet, ist wie eine kollektive ethnische Säuberung, weil es keine Ordnung mehr gibt.

Dr. Raid Gharib (31) lebt in Heilbronn. Er hat Politikwissenschaft in Tübingen studiert und anschließend in Tübingen und Harvard promoviert. Er leitet den Diözesanrat der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland und ist damit oberster Laienvertreter der knapp 100 000 Mitglieder zählenden Kirche in Deutschland. 3000 davon leben in der Region Heilbronn. red

Sie sehen keine Zukunft für einen irakischen Nationalstaat?

Gharib: Ich glaube, weder im Irak noch in Syrien werden die Grenzen auf lange Sicht Bestand haben. Ich gehe davon aus, dass der Irak in drei Teile zerfällt − in einen kurdischen Norden, ein sunnitisches Zentrum und einen schiitischen Süden. In Syrien ist noch nicht absehbar, wie es ausgeht. Ich fürchte, wir werden eine noch brutale Phasen erleben.

Wie kann die Zukunft der Christen in der Region aussehen?

Gharib: Wie gesagt, viele sind seit Jahren auf der Flucht und fühlen sich nirgendwo sicher. Die Christen, die gerade vor den IS-Kämpfern geflohen sind, haben vor allem in der Ninive-Ebene im Nordirak Zuflucht gefunden, nahe der Grenze zu Syrien. Dort muss dringend eine Schutzzone für Christen und andere Minderheiten eingerichtet werden. Um das zu gewährleisten, bedarf es eines robusten UN-Mandats. Wir bitten die Bundesregierung, dass sie sich dafür einsetzt. Wenn jetzt nicht eingegriffen wird, dann sind alle Reden, die Hilfe für die Verfolgten verlangen, Grabesreden.

Könnte eine regionale christliche Selbstverwaltung nicht den Exodus beschleunigen, weil es dann heißt: Dort ist eure neue Heimat?

Gharib: Genau das passiert doch bereits. Wir laufen doch schon lange nur der Realität hinterher. Aber eine Schutzzone mit Garantien würde den Menschen Hoffnung und Sicherheit geben.

Was ist mit dem Selbstschutz der Christen. Fordern Sie auch, dass sie militärisch ausgestattet werden?

Gharib: Eindeutig ja. Meine Überzeugung ist, dass sich die Christen selbst am besten schützen können. Das müssten aber die Menschen vor Ort entscheiden. Wenn sie das aber tun, dann ist es die moralische Pflicht der internationalen Gemeinschaft, auch unsere, ihnen beizustehen. Dazu gehören − wie im Fall der Kurden − auch militärische Ausrüstung und Ausbildung. So würde aus einer Schutzzone mit der Zeit eine Selbstverteidigungszone.

Demonstration in Stuttgart

Auf dem Stuttgarter Schlossplatz findet an diesem Samstag ab 12.15 Uhr eine bundesweite Kundgebung für die Solidarität mit den Minderheiten, insbesondere der Christen, im Irak und ganz Nahost statt. Alle 55 syrisch-orthodoxen Gemeinden in Deutschland sind zur Teilnahme aufgerufen.