Doppel-Gedenken an den Pershing-Unfall

Heilbronn  US-Veteranen und die Friedensbewegung blicken getrennt zurück auf den 11. Januar 1985, als auf der Waldheide drei Soldaten ums Leben kamen.

Von unserem Redakteur Manfred Stockburger

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Um 14 Uhr stehen sie kurz stramm auf der Waldheide. Zu dem Zeitpunkt, an dem vor 30 Jahren die drei US-Soldaten durch die Explosion der ersten Stufe einer Pershing-Rakete ums Leben kamen - ihre Kameraden. Larry Nichols von der internationalen Veteranenorganisation reicht der Ehrengarde, die die US-Army aus Stuttgart geschickt hat, das Sternenbanner. Ein eiskalter Wind fegt über das Gelände, das einst eine Atomwaffenbasis war, und lässt die amerikanische Flagge wieder wehen. Ungemütlich ist es. Amador Aguillen Jr. vom Stuttgarter Army-Hauptquartier sagt ein paar Worte im Gedenken an die Toten, die den höchsten Preis bezahlt hätten. Der Vizechef der Veteranenvereinigung spricht ein Gebet.

Kalter Krieg

"Wir alle waren ein Ziel", reflektiert Organisator Nichols. Er ist überzeugt: Der Unfall vor 30 Jahren sei der Anfang vom Ende des kalten Kriegs gewesen. Er hat die Zeit als Soldat in Fort Redleg erlebt, wie die Amerikaner die Waldheide nannten. "Gott sei Dank haben zwei Männer nach dem Unfall begonnen, miteinander zu reden", sagt der Veteran: Ronald Reagan und Michail Gorbatschow. So ist es jetzt möglich, dass er mit Eberhard Schirm zu der Gedenkstunde gekommen ist. "Er war mein Feind", sagt Nichols. "Heute sind wir Freunde." Zum Gedenktag trägt Schirm eine Mütze mit dem Abzeichen der Nationalen Volksarmee der DDR.

Ein Tag, der die Republik veränderte

>>> Was am 11. Januar 1985 auf der Waldheide geschah

 

Oberbürgermeister Harry Mergel erinnert in seiner Ansprache an John Leach, Todd Zephier and Darryl Shirley, die bei dem Unfall ums Leben kamen - weit weg von ihrer Heimat und ihren Angehörigen. Und er betont, dass sich die Proteste damals immer gegen die Raketen und nicht gegen die Menschen gerichtet hätten. Die Waldheide, so betont Mergel, "ist zugleich ein Symbol dafür, wie der Friede in Gefahr ist und immer wieder erreicht und verteidigt werden muss". Dass die Gedenkveranstaltung der Friedensbewegung um 15 Uhr mit Verspätung beginnt, passt dazu: Zunächst gibt es vor dem Gewerkschaftshaus eine Schweigeminute für die Opfer des Terrors in Paris.

Protestlieder

Harry Mergel ist auch hier dabei. Mit all den anderen Teilnehmern - der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt - hört er die Protestlieder von damals, vorgetragen wie einst von der Gruppe Marbacher um die Gewerkschafter Silke Ortwein und Bernhard Löffler.

Lilo Klug, die langjährige Grünen-Stadträtin, liest den Friedensfreunden mit zitternder Stimme Ausschnitte aus ihrer Waldheide-Geschichte vor und erinnert daran, dass Deutschland von den Strategen des Kalten Kriegs als Schlachtfeld vorgesehen war. Bei dem Unfall vor 30 Jahren habe es eine ganze Weile gedauert, bis klar war, dass kein Atomsprengkopf beteiligt war, sagt Klug. Und sie betont , dass es Heilbronner Rettungskräfte waren, die sich um die Verletzten kümmerten. Der von Erhard Jöst und Werner Winter zusammengestellte Film jagt den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung im warmen Gewerkschaftshaus kalte Schauer der Erinnerung den Rücken hinunter.

Dafür, dass es den Anwesenden nicht zu wohl wird, sorgt auch Gastredner Roland Blach von der Deutschen Friedensgesellschaft: "Das Fenster zur nuklearen Abrüstung scheint sich zu schließen", sagt er und erinnert daran, dass es in Deutschland auch 30 Jahre nach dem Pershing-Unfall nach wie vor amerikanische Atombomben gibt - die im Ernstfall von deutschen Piloten an ihre Ziele geflogen würden.