Die Scheinriesen

Soziale Medien  Die AfD ist bei Facebook stärkste Partei, die NPD hat mehr Follower als die SPD. Warum das so ist? Ein Politologe und ein Medienwissenschaftler suchen nach Antworten.

Von unserem Redakteur Jens Dierolf

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Ließen sich die Sympathiebekundungen (Likes) für Parteien im Sozialen Netzwerk Facebook in Wählerstimmen ummünzen, dann hätte in Deutschland ein Dreierbündnis die absolute Mehrheit: Die konservativ-populistische Alternative für Deutschland (AfD), die rechtsextreme NPD und die Netzpartei der Piraten.

AfD-Parteichef Bernd Lucke als Kanzler, der wegen Volksverhetzung verurteilte NPD-Vorsitzende Udo Pastörs als Außenminister und der oberste Pirat, Stefan Körner, als Wirtschaftsminister. Eine absurde Vorstellung. Und die Parteien würden allein wegen ihrer inhaltlichen Unterschiede niemals eine Koalition bilden. Warum aber unterscheidet sich die Stärke der Parteien in den Sozialen Netzwerken so sehr von dem Stimmgewicht bei echten Wahlen?

Ein Erklärungsversuch:

Starke Piraten: Die Stärke der Piraten ist einfach zu erklären. Zum Selbstverständnis gehört die Beteiligung über das Internet. Es wird vor allem über den Kurznachrichtendienst Twitter kommuniziert.

Zuspruch für Protestparteien: Der Freiburger Parteienforscher Ulrich Eith hält es für wahrscheinlich, dass sich Anhänger von AfD, NPD oder Linken über die etablierten Medien nicht ausreichend informiert fühlen und sich deshalb verstärkt für Mitteilungen direkt von den Parteien interessierten. "Die Hürden, um ein politisches Statement im Internet zu transportieren, sind generell niedrig", ergänzt Klaus Kamps, Professor der Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Gut möglich, dass Anhänger populistischer Parteien, das "Liken" einer Partei oder das Schreiben von Beiträgen als Form des Protests betrachteten. "Nach dem Motto: Jetzt habe ich es der Spießerrepublik Deutschland aber gezeigt." Weil viele Netz-Foren inzwischen moderiert sind, werden Provokateure ausgeschlossen. Eine Folge: Gleichgesinnten schließen sich in eigenen Räumen im Internet zusammen.

Überfremdete NPD: Für die enorme Stärke der NPD auf Facebook könnte es eine andere Erklärung gegeben. Im Frühjahr rief das Bündnis "Laut gegen Nazis" dazu auf, die rechtsextreme Partei bei Facebook zu "überfremden". Bei der Aktion "Like-Attack" sollte der Facebook-Auftritt mit Katzenbildern oder Botschaften gegen Rechts überfüllt werden. "Wir haben die Nutzer dazu aufgerufen, die NPD danach wieder zu entliken", sagt Aktivist Jörn Menge. Gut möglich, dass einige dies vergessen haben.

Union und SPD schwach: Lange Zeit hätten die Volksparteien das Internet vernachlässigt, sagt Medienexperte Kamps. Dann feierten die Piraten Erfolge und stellten die Mängel bloß. Mittlerweile hätten Union und SPD aufgeholt. Allerdings finde die Kommunikation oder Mobilisierung über Soziale Netzwerke vor allem im Wahlkampf statt. Die Zurückhaltung liege auch an der Skepsis, Debatten über Soziale Netzwerke zu führen. Bei der Piratenpartei seien die Schwächen zum Vorschein getreten. "Die haben sich öffentlich zerfleischt." Langfristig werden sich die etablierten Parteien verstärkt im Netz um junge Wähler bemühen müssen, sagt Kamps. Dabei komme es darauf an, die richtigen Akzente zu setzen. "Es ist sicher nicht sinnvoll, jeden Tagesordnungspunkt einer Ortschaftsratssitzung zu twittern." Parteienforscher Eith sieht großen Nachholbedarf bei Union oder SPD. "Die Schwäche gegenüber den Protestparteien sollte ihnen zu denken geben."

Eine Frage des Alters: Eine junge Partei mit überproportional vielen jungen Wählern nutzt verstärkt das Internet. Das gilt für die Piraten ebenso wie für die Grünen, denen man zumindest beim sozialen Netzwerken keine Technikfeindlichkeit vorwerfen kann. Das Durchschnittsalter bei SPD und Union liegt hingegen bei etwa 60 Jahren. "Die Altersstruktur der Parteien könnte eine Erklärung sein", sagt Parteienforscher Eith. Er schränkt aber nicht nur bei dieser These ein: "Das müsste genauer wissenschaftlich untersucht werden. Meine Aussagen sind nur Vermutungen."